Aachen - Wie man vom Helfer zum Gläubiger wird

Wie man vom Helfer zum Gläubiger wird

Von: Stephan Mohne
Letzte Aktualisierung:
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Wenig Hoffnung: Im Eurogress gab es gestern eine „Sondergläubigerversammlung“ für die 3300 Besitzer der Alemannia-Fan-Anleihen. Rund 150 kamen, weitere 200 ließen sich vertreten. Foto: Michael Jaspers
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Strenge Sicherheitsvorkehrungen, gründliche Kontrollen: Polizei und Justiz hatten reichlich Personal ins Euro-gress entsandt für den Fall, dass es Randale geben sollte. Es blieb allerdings alles völlig ruhig.

Aachen. „Befürchten die hier Massenrandale?“, fragt sich der Mann im Alemannia-Trikot. Tatsächlich hat die Polizei am Eurogress einiges an Personal aufgefahren. Drinnen wähnt man sich im Flughafen. Justizbeamte „scannen“ die Besucher, die überdies ihre Taschen leeren müssen. Die Sicherheitsvorkehrungen sind hoch.

Allerdings geht es hier nicht um einen brisanten Gerichtsprozess. Vielmehr steht an diesem Tag an der Monheimsallee eine Gläubigerversammlung auf dem Programm. Thema: die Pleite der Alemannia Aachen GmbH.

Es ist eine Spezialveranstaltung, eine, die es in „normalen“ Insolvenzverfahren gar nicht gibt, wie Insolvenzverwalter Rolf-Dieter Mönning erklärt. Es ist eine Versammlung nach „Paragraph 18 des Schuldverschreibungsgesetzes alter Fassung“. Dieses Gesetz ist ein Jahr älter als die Alemannia, es ist von 1899. Eingeladen sind jene 3300 Gläubiger, die im Jahr 2008 eine „Fan-Anleihe“ gezeichnet hatten. Genau 4,127 Millionen Euro kamen auf diese Weise zusammen, die für den Stadionbau verwendet wurden. Finanztechnisch sind es „Inhaberschuldverschreibungen“, weswegen sie unter besagtes Gesetz fallen.

Rund 150 Gläubiger sind ins Eurogress gekommen. Da es einige Vollmachten gibt, sind an diesem Tag jedoch – wenn teils auch nicht physisch – 350 Betroffene vertreten, die zusammen Anteile im Wert von rund 965.000 Euro gezeichnet haben. Wobei Wert heutzutage der falsche Begriff ist. Denn die Papiere sind de facto so gut wie nichts mehr wert. Allenfalls können die Gläubiger im Insolvenzverfahren hoffen, einen geringen Teil als „Quote“ zurückzubekommen. Diese Quote liegt bei allen Verfahren bundesweit durchschnittlich bei drei Prozent, wie Rechtsanwalt Mönning erläutert. Wie viel es im Fall Alemannia sein wird, soll sich schon bald klären, denn der Insolvenzverwalter betont, man wolle das Verfahren „möglichst vor dem ersten Frost“ zu Ende bringen. Was allerdings davon abhängig ist, ob es noch zu langwierigen Prozessen im weiteren Verlauf kommt.

Die Tagesordnung im Eurogress ist auf den ersten Blick wenig spannend. Die Gläubiger sollen abstimmen, ob ein Vertreter ihre Stimmrechte im Paket wahrnimmt, was das Verfahren erleichtern soll. Die individuellen Rechte, so heißt es, gehen damit nicht verloren. Am Ende wird Rechtsanwalt Johannes Klefisch, selbst erfahrener Insolvenzverwalter, von einer großen Mehrheit zum Gläubigervertreter gewählt.

Zuvor allerdings ist es an Rolf-Dieter Mönning und Rechtsanwalt Michael Mönig, derzeit Geschäftsführer der Alemannia GmbH, etwas zum aktuellen Stand zu sagen. Fakt sei, so Mönning, dass mittlerweile von mehreren Gutachtern festgestellt wurde, dass die Fan-Anleihen nicht „insolvenzfest“ sind. Damit sind sie ein Teil der 60 Millionen Euro, die mittlerweile von rund 11.000 Gläubigern im Zuge des Insolvenzverfahrens an Forderungen angemeldet worden sind, wie der Rechtsanwalt vorrechnet.

Sie alle werden dann am kommenden Dienstag gefragt sein, wenn die „große“ Gläubigerveranstaltung auf dem Plan steht. Sie ist nach Düren verlegt worden – auch dies aus Sicherheitsgründen, so Mönning. Dann geht es um die alles entscheidende Frage: Soll die Alemannia GmbH fortgeführt werden, oder sollte man besser den Deckel draufmachen? Die einfache Mehrheit der teilnehmenden Gläubiger – beziehungsweise der durch sie vertretenen Stimmrechtsanteile – wird diese Frage beantworten. Großgläubiger sind dabei die Stadt Aachen und die AachenMünchener. Aber auch die 4,1 Millionen Euro der Fan-Anleihen haben ein Gewicht. Johannes Klefisch legt sich auf Nachfragen im Eurogress fest: Er will sich für die Fortführung der GmbH aussprechen. „Etwas anderes macht meiner Meinung nach gar keinen Sinn“, sagt er. Rolf-Dieter Mönning erzählt, dass man seit November vorigen Jahres „gefühlt 240 Hindernisse übersprungen“ habe, um diese Fortführung überhaupt möglich zu machen. Zwei Hürden seien noch im Weg. Welche das sind, sagt er nicht. Man sei aber zuversichtlich, diese bis nächsten Dienstag beiseite zu räumen.

„Lotterie drei aus 99“

Sollte das klappen, bleibt die Frage nach der Zukunft. Laut Mönning müsse man einige „zerrüttete Verhältnisse“ – insbesondere mit der Stadt – kitten. Eine Vertrauensbasis sei unerlässlich. Sportlich gehe man in die „Lotterie drei aus 99“, denn in der Regionalliga steigt man nicht einmal als Saisonprimus automatisch auf, sondern muss sich mit anderen Tabellenersten um drei Aufstiegsplätze duellieren. Mönning und Mönig geben das Ziel aus: „2020 soll Alemannia wieder stabil in der 2. Liga spielen.“ Bis dahin läuft auch der gerade mit dem Vermarkter Infront abgeschlossene Vertrag. Mönning weiß, dass diese Maßgabe kühn klingt: „Aber ohne Ziele macht das alles keinen Sinn.“ Zunächst soll es aber einen auch strukturellen Neuanfang geben. Und demnächst müssten die Gremien dann „etwas genauer hinschauen“.

Stadion ein „Klotz am Bein“

Michael Mönig sagt zu den 150 Anwesenden: „Ich möchte mich bei Ihnen im Namen der Alemannia Aachen GmbH entschuldigen.“ Viel Vertrauen sei verspielt worden. Mönig betont auch noch einmal, dass das Stadion überdimensioniert sei – „ein Klotz am Bein, der Unmengen kostet“. Diese Kosten kann die GmbH nicht stemmen, da bedarf es der städtischen Hilfe. Dankenswerterweise hätten Verwaltung und Politik für eine Saison diesen Vertrauensvorschuss gegeben, den man rechtfertigen müsse. Mönig unterstreicht zudem, dass man weiter an einer „lückenlosen Aufklärung“ der Vorgänge arbeite, die zum Absturz führten. So richten sich die gespannten Blicke nun auf nächsten Dienstag. Wo dann wieder die Polizei groß auffahren wird. Passiert ist gestern nichts. „Aber man weiß ja nicht, wie sich alles entwickelt“, sagt Polizeisprecher Paul Kemen. Was dann auch noch passgenau auf die Alemannia zutrifft.

P.S.: Die „Schmuckurkunden“, die es damals für die Anleihe gab, werden nicht „geschreddert“, wie es heißt. Man dürfe sie sich – wenn auch entwertet – weiter an die Wand hängen. So man das will.

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