Wie Firmen weniger Krankentage zählen

Von: Birgit Broecheler
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Gesundheitsprävention stärke
Gesundheitsprävention stärken: (v.l.) Im Luisenhospital diskutierten Dr. Frank Schifferdecker-Hoch (Geschäftsführer FPZ-Deutschland), Marco Plum (Verwaltungsleiter Evangelischer Krankenhausverein), BWA-Präsident Christoph Kleuters, Ulla Schmidt (MdB, Gesundheitsministerin a.D.), Jürgen Engels (Regionaldirektor der AOK Rheinland), BWA-Vorstand Peter Nußbaum mit AZ-Redakteur Robert Esser und dem Publikum. Foto: Andreas Steindl

Aachen. „Gesundheitsprävention muss eine nationale Aufgabe werden”, forderte die frühere Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) jetzt bei einer Veranstaltung des Bundesverbands für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft (BWA) im Luisenhospital.

Rund 70 Unternehmer, Arbeitsrechtler, Betreiber von Gesundheits- und Schmerzzentren sowie Ärzte und Fachleute waren zu der Vortrags- und Diskussionsrunde gekommen, die von AZ-Redakteur Robert Esser moderiert wurde und mit zahlreichen Experten auf dem Podium hochkarätig besetzt war. Sie wollten dem Publikum eine Antwort auf die Frage „Gesundheitsprävention - Eine lohnende Investition für Unternehmen?” geben.

Ein klares „Ja” dazu gab es von Ex-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD). „Die Statistik verzeichnet eine hohe Zunahme von Burnout- und Mobbing-Fällen und damit verbunden einen drastischen Anstieg der Fehltage auf durchschnittlich 30,4 Tage in den letzten zehn Jahren”, rechnete sie vor. Falle ein Top-Manager wegen Burnouts aus, koste dies das Unternehmen im Schnitt rund 2,5 Jahresgehälter und eine Menge Kompetenz. Dabei sei Prävention weit mehr als Rückenschule. „Wir müssen besonders an die demografische Entwicklung und den Fachkräftemangel denken. Zukünftig wird der Kampf um kluge und leistungsfähige Menschen sehr viel härter”, forderte Schmidt mit Nachdruck. Eine gute Personalführung, die Ermittlung der Bedürfnisse von Beschäftigten und die Analyse der Erkrankungen seien die Basis für ein Gesundheitsmanagement im Unternehmen.

In ein solches investiert hat der ehemalige Geschäftsführer der Aker Wirth GmbH, Christoph Kleuters. Um die Unfallzahlen in dem international agierenden Unternehmen, das auf Erdölförderung, Tunnelbau und Mineralienabbau spezialisiert ist, auf Null zu senken, führte der BWA-Bundessenator und Präsident des Internationalen Wirtschaftsclubs Aachen-Düren eine Stopp-Karte ein: „Damit können Mitarbeiter weltweit gegenüber ihren Vorgesetzten anzeigen, dass sie sich gesundheitlich nicht gesichert fühlen”, erklärte Kleuters. Zwischen 2009 und 2011 sei auf diese Weise die Zahl der Unfälle um 90 Prozent gesunken. Aus der Unfallprävention habe sich mittlerweile die Gesundheitsvorsorge im Unternehmensleitbild entwickelt.

Dass Gesundheitsförderung immer den Erfolg eines Unternehmens bestimmen wird, davon ist auch Jürgen Engels, Regionaldirektor der AOK Rheinland in Aachen, überzeugt. „Als Krankenkasse können wir für Unternehmen Daten der Versicherten analysieren und damit aufzeigen, wo es hakt”, erläuterte Engels. Viele Maßnahmen für Betriebe würden zudem von den Krankenkassen mitfinanziert.

Wo es hakt, weiß Marco Plum, Verwaltungsleiter des Evangelischen Krankenhausvereins im Luisenhospital, ganz genau. „Die Kranken gesund zu machen, darf nicht zu Lasten der Mitarbeiter gehen”, forderte er. Deshalb fördere man mit rund 400 Kursen am Luisenhospital die Gesundheit der Mitarbeiter, denen auch Seelsorger zur Verfügung stünden.

Doch warum tun sich immer noch so viele Unternehmen so schwer damit, ein Gesundheitsmanagement einzurichten? „Prävention ist kein Thema, das schnell Erfolg im Unternehmen bringt”, meint Dr. Frank Schifferdecker-Hoch, Geschäftsführer des Forschungs- und Präventionszentrums in Köln. Er kritisiert: „Die großen Volkskrankheiten wie Übergewicht und Essstörungen entstehen ja gar nicht am Arbeitsplatz.” Mit Schifferdecker-Hoch wird der BWA zudem in Kürze eine Gesundheitskommission gründen, wie Vorstand Peter Nußbaum ausführte. „Prävention fördert nicht nur die Produktivität, sondern auch grundsätzlich die Unternehmenskultur”, sagte Nußbaum.

Welche Schwierigkeiten - trotz guten Willens der Firmenleitung - in der Praxis auftauchen, zeigten kritische Stimmen aus dem Publikum. Einige Unternehmer waren der Ansicht, dass Gesundheitsangebote eben nicht von jenen Mitarbeitern angenommen würden, die sie dringend bräuchten. Stattdessen machten schlanke und gesundheitsbewusste Mitarbeiter gerne davon Gebrauch.

„Bildung ist Voraussetzung für Gesundheit”, entgegnete Ex-Gesundheitsministerin Schmidt. Sie forderte daher Gesetzgeber, Versicherungen und Unternehmen auf, an einem Präventionssystem mitzuarbeiten. Den Beschäftigten gab sie ein Voltaire-Zitat mit auf den Heimweg - nicht zum Nacheifern: „In der einen Hälfte des Lebens opfern wir die Gesundheit, um Geld zu erwerben, in der anderen opfern wir Geld, um die Gesundheit wieder zu erlangen.”
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