Wie eine 28-jährige Syrerin versucht, Fuß zu fassen

Von: Matthias Hinrichs
Letzte Aktualisierung:
12691581.jpg
Sie geben die Hoffnung nicht auf: Maha (rechts) will mit ihren ehrenamtlichen Helferinnen Marga Meier (links) und Dr. Heike Heinen weiter um Anerkennung als Asylberechtigte kämpfen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Marga Meier wuchtet einen fast 80 A4-Seiten starken Papierstapel auf den Küchentisch. Ein knappes halbes Kilo Bürokratie pur sozusagen. „Nur mal so zur Anschauung“, seufzt die Fotografin aus Forst mit leicht gequältem Blick auf den veritablen Wust von Formularen, Anträgen, Fragebögen, Bescheinigungen.

Zurzeit ist die gute Frau fast täglich in allen möglichen Amtskorridoren unterwegs, um Flüchtlingen ehrenamtlich zu helfen im Kampf mit Akten, Paragrafen, Bestimmungen, Erlässen, Verfügungen. Oft hat sie das Gefühl, es ist wie der berühmte Kampf gegen Windmühlen – wie bei Maha, der Marga Meier seit Monaten einen Weg durch den Dschungel der Zuständigkeiten zu bahnen versucht.

„Es liegt uns völlig fern, die total überlasteten Sachbearbeiter in den Behörden zu kritisieren“, sagt Dr. Heike Heinen. „Im Gegenteil. Viele sind außerordentlich hilfsbereit. Trotzdem erleben wir immer wieder, dass es teils fast unmöglich scheint, Asylbewerbern eine Beschäftigung zu vermitteln – so qualifiziert sie auch sein mögen.“ Die Aachener Zahnärztin engagiert sich in der Initiative „Flame for Peace“; sie veranstaltet Kochkurse für Migranten, knüpft Kontakte zu Betrieben in der Region, begleitet Flüchtlinge bei „Kulturspaziergängen“ in Museen. Ein paar Stunden pro Woche hockt sie persönlich vor irgendeinem Rechner im Berufsinformationszentrum, um auf eigene Faust nach Arbeitsmöglichkeiten für Neuankömmlinge zu fahnden, erzählt sie.

Kürzlich hat Heike Heinen der jungen Syrerin Maha selbst eine Stelle angeboten: Die 28-Jährige könnte, wenngleich reichlich überqualifiziert, als Rezeptionskraft in ihrer Praxis anfangen. Dem Krieg in ihrer Heimat scheint Maha indes längst nicht endgültig entronnen. Monatelang steht sie in Deutschland zwischen den schier unüberschaubaren Fronten der Kompetenzen.

In ihrer Heimatstadt Damaskus hat Maha (ihren Nachnamen will sie lieber nicht in der Zeitung lesen) ein Anglistik-Studium absolviert. Auch Türkisch und Deutsch spricht sie hervorragend, hat ein Zertifikat des Goethe-Instituts in der Tasche, erzählt Marga Meier. „Natürlich will ich unbedingt arbeiten, mich endlich nützlich machen“, betont Maha. Zwei weitere Job-Zusagen, eine vom Roten Kreuz, eine als Bürokraft in einer Flüchtlingsunterkunft in Aachen, kann sie vorweisen. Was sie nicht vorweisen kann, ist eine langfristige Aufenthaltsberechtigung im Grenzland.

Im Sommer 2015 hat sich Maha von der Türkei aus nach Deutschland aufgemacht. Nicht von ungefähr hat sie die Grenze Ende September vergangenen Jahres in Aachen passiert. Ihr Vater hat an der RWTH studiert. Ihre Stiefmutter und zwei Neffen wohnen in der Kaiserstadt, ein Bruder lebt in Köln. „Allerdings musste ich mich sofort zur zentralen Registrierung nach Dortmund begeben“, erzählt sie. Es war der Beginn einer neuerlichen Odyssee. Sie wurde weitervermittelt nach Duisburg, lebte 48 Tage in einem Lager, obwohl sie problemlos bei ihren Verwandten hätte unterkommen können. Dann kam sie nach Münster, schließlich in ein Flüchtlingsheim in Vlotho, Ostwestfalen. Beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Bielefeld stellte sie einen Asylantrag.

Mitte Juli, knapp zehn Monate nach ihrer Ankunft im Grenzland und mehr als drei Monate nach ihrer Registrierung beim Bundesamt, kam die Absage. Begründung: Maha habe lediglich Anspruch auf „subsidiären Schutzstatus“. Will sagen: Sie darf sich noch ein Jahr in Deutschland aufhalten, danach muss sie zurück. Denn die junge Frau habe im Rahmen ihrer Anhörung beim Bundesamt Ende Mai zwar geltend machen können, dass ihr „in ihrem Herkunftsland ernsthafter Schaden“ drohe. Aber: Eine individuelle Bedrohung ihrer Person, also konkrete Verfolgung etwa aufgrund ihrer „Rasse, Religion, Nationalität“ oder einer „Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen (ihrer) politischen Überzeugung“ sei nicht gegeben.

Inzwischen liegt Mahas Akte bei der Ausländerbehörde in Herford, da sie offiziell nach wie vor in Vlotho lebt, leben muss. Ob eine Übersendung der Unterlagen – und damit ihres „Falls“ – in die Städteregion möglich ist, bleibt offen. Die zuständige Abteilungsleiterin in Herford verweist gegenüber der AZ auf die amtliche Schweigepflicht im Hinblick auf den Datenschutz. Seitens der Pressestelle der Städteregion heißt es auf AZ-Anfrage, einen Wechsel in die Zuständigkeit des hiesigen Ausländeramtes werde man natürlich akzeptieren – sofern eine entsprechende Entscheidung beim Bundesamt erfolge.

Maha hat jetzt einen Anwalt eingeschaltet in der Hoffnung, dass sie ein langfristiges Bleiberecht durchsetzen kann. Wie sie ihn finanziert, weiß sie noch nicht so genau. „Ich hoffe, dass ich Prozesskostenhilfe erhalte“, sagt sie – der nächste Pfad im bürokratischen Dickicht ist immerhin in Sicht. Marga Meier hat im Wust der Bescheide – im Ganzen hatte die junge Frau bei verschiedenen Behörden vier Asylanträge gestellt – diverse inhaltliche Fehler entdeckt. So wurde das Datum der Einreise mit Ende Mai 2016 statt September 2015 angegeben. Obwohl ihrem Pass zu entnehmen ist, dass Maha aus Damaskus stammt, gelte ihr Geburtsort als „unbekannt“. Zudem sei sie zunächst mehrfach als männlicher Flüchtling registriert worden und daher zunächst einer Unterkunft für Männer zugewiesen worden.

In Aachen hat Maha Rat bei etlichen Hilfseinrichtungen wie dem Café Zuflucht und der Diakonie gesucht. „Auch dort konnte man mir eigentlich nur sagen, dass man abwarten müsse, ob sich die Gesetzeslage weiter so schnell verändert, wie das in jüngster Zeit der Fall war“, sagt sie. Und: „Man hat das Gefühl, dass die Rechtsanwälte momentan mehr Arbeit haben als die Behörden.“

Apropos Arbeit: Maha kann vorerst nicht hoffen, dass sie eine adäquate Beschäftigung findet, um sich vielleicht doch eine Zukunft in Deutschland aufzubauen, jenem Land, das händeringend nach fähigen und motivierten Nachwuchskräften sucht. „Momentan“, sagt sie ruhig, fast resignierend, „bleibt mir eben nur die Möglichkeit, einen befristeten Hilfsjob zu suchen.“

Leserkommentare

Leserkommentare (4)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert