Wie ein wandelndes Öcher-Platt-Lexikon

Von: Katharina Menne
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„Wenn mer auer weäd, lett d’r Drevv noh“: Richard Wollgarten hat 20 Jahre den Verein Öcher Platt geführt. Jetzt zieht sich der 81-Jährige aus der ersten Riege zurück. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Vergnügt sitzt er vor seinem Milchkaffee und hat immer einen flotten Spruch oder ein Ameröllchen in seiner „Modderesproech“ auf den Lippen: Richard Wollgarten, der Noch-Präsident des Vereins Öcher Platt, lebt den Dialekt seiner Heimatstadt.

Seit 20 Jahren liegt die Verantwortung für die knapp 1000 Vereinsmitglieder nun schon in den Händen des „wandelnden Öcher-Platt-Lexikons“ – doch bald ist Schluss. Im Rahmen der diesjährigen Hauptversammlung am 16. März möchte Wollgarten die Präsidentschaft in jüngere Hände abgeben.

„Wenn mer auer weäd, lett d’r Drevv noh“, so bringt der 81-Jährige den Grund für seinen Rückzug auf den Punkt. Frei übersetzt ins Hochdeutsche heißt das so viel wie, der Antrieb im Alter, auf Neudeutsch der „Drive“, lasse nach. Wenn man ihn so sieht, fit und voller Tatendrang, mag man das kaum glauben, aber zumindest muss er dann „das Offizielle nicht mehr machen, wo man sowieso nur dumm rumsteht“. Was er sich dagegen so schnell nicht nehmen lässt, ist die Verantwortung für das Platt-Archiv, die Organisation von Veranstaltungen und „sein Morjensschöppche“.

Auf die Etablierung dieses literarischen Frühschoppens, der einmal im Jahr stattfindet, ist er besonders stolz. Hier werden Texte und Lieder einstiger Größen des Öcher Platt vorgestellt. Da ist es naheliegend, wessen Werk das diesjährige „Schöppche“ Revue passieren lässt: Natürlich das des Platt-Virtuosen Richard Wollgarten ganz allein.

Denn das „Öcher Original“ hat sich auch als Autor und Liedermacher einen Namen gemacht. Dazu zählen Gedichte und Kurzverse, Prosa, zahlreiche Liedtexte auf eigene und fremde Melodien, Zeichnungen, Buchillustrationen, vom Verein herausgegebene CD’s mit „Sagen und Märchen“ oder die „Tour durch Aachen“.

Besonders hervorzuheben ist das nach 10-jähriger ehrenamtlicher Arbeit 2010 erschienene Wörterbuch „Neuer Aachener Sprachschatz“. Zusammen mit Dr. Karl Allgaier, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Vereins, und mit Meinolf Bauschulte hat er die alte Version von 1970 rundum erneuert, ergänzt und überarbeitet. Vor allen Dingen bemühte das Autorenteam sich darum, die Rechtschreibung zu vereinheitlichen.

Dem „Urwald“ sei Dank

Wollgartens einziges Werk auf Hochdeutsch – „es sollen auch Aachener lesen können, nicht nur Öcher“ – heißt „Einzig Aachen“. Darin schildert er „Einmaliges in, aus, über Aachen und was man schon immer über Aachen wissen wollte“. Es reihen sich vergnügliche Geschichten aneinander, ganz wie er sie auch live immer wieder gestenreich zum Besten gibt. Er kennt sich aus in der Stadtgeschichte, kennt alle Feinheiten in der „Heämetsproech“ des Zentral-Aacheners, des Burtscheiders und die Abgrenzungen zu den äußeren Bezirken. Er weiß sogar zu berichten, dass angeblich schon zu Kaiser Karls Zeiten Öcher Platt gesprochen wurde und dass das Kölsche es „zum Glück“ nie geschafft hat, in Aachener Gefilde vorzudringen – wegen des „Urwalds“ im Aachener Osten.

Der gebürtige Burtscheider ist auch nach wie vor der Meinung, dass man sich keine Sorgen um die Zukunft des Öcher Platts machen müsse. „Das Interesse steigt auch bei den jungen Leuten“, ist er sich sicher. Das zeige das rege Interesse am jährlichen „Öcher Platt Wettbewerb“, den der Verein unter allen Aachener Schulen ausruft. Das „Öcher Liederbuch“ mit traditionellem Aachener Liedgut hätten sie an 40 Aachener Schulen ausgegeben – das große Interesse habe den Verein selbst überrascht. Und dass der Dialekt nicht von gestern ist, sondern auch mit der Zeit geht, zeigen Begriffe wie „Kukkasskess“ (Guckkastenkiste) für Fernseher und „ömpotten“ für up- oder downloaden.

Man wisse oft gar nicht, wer alles des Platts mächtig sei, wenn man es nicht einfach probiere, sagt Wollgarten. „Ich lasse dann schonmal die ein oder andere Bemerkung auf Platt fallen und beobachte, wie mein Gegenüber reagiert. So haben viele Unterhaltungen schon ganz unerwartete Wendungen genommen.“ Und so hofft er, der „Öcher in Evvig(k)heät“ wie er sich selbst einmal besungen hat, „dat et noh lang esue wijjerjeäht“.

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