Aachen - Wie ein Stein der Weisen für das Dach der Welt

Wie ein Stein der Weisen für das Dach der Welt

Von: Matthias Hinrichs
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Aachen. In der klirrenden Kälte zwischen den glitzernden Gipfeln des Himalaya schien selbst die Zeit wie gefroren. Rainer Lezius hat sie den Menschen auf seine Weise gebracht. Einmal, erzählt Lezius, als er das kleine Land im äußersten nördlichen Zipfel von Indien bereiste, hatte er eine Armbanduhr im Gepäck, als Gastgeschenk für eine Kollegin.

Sie blickte ziemlich verwundert auf den seltsam tickenden Schmuck. Von seiner praktischen Funktion ahnte sie nichts. „Erst vor etwa 30 Jahren haben die Leute in der Grenzregion Jammu/Kaschmir überhaupt Kontakte zur ,modernen Welt geknüpft”, weiß der Mediziner.

Was keineswegs bedeute, dass sie quasi hinterm Mond lebten - im Gegenteil. Besagte Kollegin zum Beispiel dürfte kaum mehr vom noblen Gast aus dem Westen gelernt haben, als sie selbst ihn lehren könnte.

„Die Amchi sind äußerst versierte Ärzte und Pharmazeuten zugleich. Sie wissen die Heilkräfte heimischer Kräuter perfekt zu nutzen und sind bei der Behandlung chronischer Krankheiten sehr erfolgreich”, sagt Lezius.

Vielleicht lag´s auch daran, dass der Aachener dem Zauber der fremden Kultur und dem Charme der nordindischen Buddhisten schon bei seinem ersten Trip aufs Dach der Welt vor gut zwölf Jahren erlegen ist. Jedenfalls reifte der Gedanke schnell, im Ort Zanskar eine „Begegnungsstätte auf Augenhöhe zu schaffen”, wie Lezius es formuliert.

Mit tatkräftiger Unterstützung von angehenden RWTH-Architekten haben Lezius und seine Mitstreiter vom Förderverein Sani Zanskar so ein Hospital- und Schulgebäude im Herzen von „Little Tibet” realisiert, das sich auch und vor allem durch seine besondere Energietechnik auszeichnet.

Von wegen hinterm Mond: Zwar wussten die Menschen dort von Hightech westlicher Art praktisch nichts. Ihre bescheidenen Lehmhütten heizen sie bis heute mit Viehdung. Aber sie leben von jeher näher an der Sonne als alle anderen Völker. Diesen Umstand wussten Lezius und seine Helfer zu nutzen.

2006 fragte der Verein den kommissarischen Leiter des TH-Lehrstuhls für Technischen Ausbau und Entwerfen, Jo Ruoff, ob er sich vorstellen könne, ein etwa 130 Quadratmeter umfassendes Gebäude zu errichten, das auch bei Außentemperaturen von minus 40 Grad Celsius beste Bedingungen böte - und zwar ausschließlich unter Verwendung natürlicher Materialien und durch Solartechnik.

Schwarze Wand als Kernstück

Ruoff war begeistert. Er beauftragte seine Studenten, Konzepte für ein „energieautarkes” Haus im Dörfchen Sani, 3500 Meter über dem Meeresspiegel gelegen, zu entwickeln. Mittels komplizierter Computersimulationen fanden die angehenden Architekten in gewissem Sinne den Stein der Weisen: Kernstück des Konzepts ist nämlich eine verglaste Mauer aus schwarzen Lehmziegeln.

Diese sogenannte Trombewand speichert enorme Kapazitäten an Sonnenwärme und leitet sie über zirkulierende Luftströme ins Innere weiter. „Allein durch die Technik der Doppelverglasung konnte damit im Gebäude bereits kontinuierlich eine um über 30 Grad wärmere Temperatur gemessen werden”, berichtet Lezius.

Heute beherbergt das kombinierte Therapie- und Schulzentrum, das im Oktober 2007 eingeweiht wurde, zwei Behandlungs- und ein Patientenzimmer, einen Badebereich und einen Mehrzweckraum, in dem in den bitterkalten Wintermonaten Unterricht gegeben wird.

Möglich wurde dies auch und vor allem durch die tatkräftige Hilfe von sieben Aachener Studenten, die den Bau vor Ort umzusetzen halfen - streng nach traditioneller Bauweise der Tibeter und ausschließlich mit „ortsüblichen” Materialien wie Lehm, Holz und Glas.

„Über die Deutsch-Indische Gesellschaft Aachen, mit der unser Verein seit langem eng zusammenarbeitet und die die Menschen in Zanskar unter anderem durch Übernahme von Patenschaften unterstützt hat, lernten wir den Aachener Tischler Martin Stehr kennen, der in Sprache und Kultur von âLittle TibetÔ bestens bewandert ist”, erzählt Lezius.

Stehr übernahm die Bauleitung vor Ort, und so konnte das Projekt innerhalb von nur fünf Monaten realisiert werden. Vor kurzem hat der Verein die Technologie durch die Errichtung einer Solaranlage komplettieren können.

Dafür sorgten nicht zuletzt zahlreiche Geldgeber, die mit der Zeit auf die Initiative aufmerksam wurden. So konnte Lezius Spenden über rund 30000 Euro zusammentragen - genug, um den Traum vom energieautarken Haus auf dem Dach der Welt wahrzumachen.

Inzwischen, erzählt Lezius, hat das Dorf Sani Berühmtheit im nordindischen Staat erlangt. „ Die Leute pilgerten nach Zanskar, um sich davon zu überzeugen, dass es dort ein Haus gibt, das âvon selberÔ warm wird.” Im Sommer will der Aachener Arzt erneut nach „Little Tibet” reisen. Das kleine Hospital soll demnächst nämlich auch eine Abteilung für Augenheilkunde erhalten.

„Und eins ist klar”, sagt er noch einmal, „auch wir aus ,dem Westen können eine ganze Menge von unseren Freunden im Himalaya lernen.” Nicht nur beim Studium der Kräuter, die in den Gärten rings ums neue Hospital angelegt worden sind.

Der Förderverein Sani Zanskar e.V. arbeitet eng mit seiner Partnerinitiative, der „Nyima Odzer Sorig Foundation”, in „Little Tibet” zusammen. Das neue Medizin- und Schulzentrum in Sani soll in Kürze auch eine zahnmedizinische Abteilung erhalten.

Per Mail ist der Verein mit Sitz in der Goethestraße 29 erreichbar unter sani-zanskar@web.de

Infos gibt es auch unter http://www.arch.rwth-aachen.de/tae/

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