Aachen - Wie ein Gottesdienst: Weihnachtssingen auf dem Tivoli

Wie ein Gottesdienst: Weihnachtssingen auf dem Tivoli

Von: Robert Esser
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Immer am Ball bleiben: Zum Weihnachtssingen rechnet Pastor Siegmar Müller mit über 18.000 Besuchern auf dem Tivoli. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Am morgigen Sonntag, 20. Dezember, füllt sich der Tivoli ab 16 Uhr rekordverdächtig. Über 18.000 Aachener und Gäste werden zum großen Weihnachtssingen im Fußballstadion an der Krefelder Straße erwartet.

Womit dann zu rechnen ist, beschreibt Siegmar Müller, Pfarrer der Freien evangelischen Gemeinde Aachen und Mitorganisator des ökumenischen Weihnachtssingens, im Samstagsinterview mit der Aachener Zeitung.

Die Tore im Tivoli sind zur Winterpause demontiert, trotzdem wird das Weihnachtssingen sicher ein Volltreffer – wobei ein Tipp auf die Zuschauerzahl ein Schuss ins Blaue ist, oder?

Müller: Bisher sind wir jedes Jahr überrascht worden. Aber natürlich müssen wir uns auf eine bestimmte Besucherzahl vorbereiten. Wir gehen nach 12 000 Gästen 2014 dieses Jahr von rund 18 000 Menschen beim Weihnachtssingen aus.

Das wäre an diesem Sonntag ein Rekord.

Müller: Ja, absolut. Das Feintuning des Programms läuft gerade noch. Es geht ja schon um 17 Uhr mit dem Vorprogramm los. Besonders aufwendig ist aber in diesem Jahr das Sicherheitskonzept. Aufgrund der aktuellen Lage müssen wir mehr Sicherheitskräfte als vorher geplant einstellen. Man orientiert sich da sehr eng am Sicherheitskonzept von Alemannia Aachen, das bei Fußballspielen gilt. Allein für die Sicherheit inklusive Personal müssen wir fast 25.000 Euro ausgeben.

Das ist viel Geld. Sie brauchen ungefähr die dreifache Summe, um das Weihnachtssingen für die Besucher kostenlos anzubieten. Warum steigen die Kosten so extrem bei höheren Besucherzahlen? Wird man da nicht Opfer seines eigenen Erfolgs?

Müller: Mit der steigenden Besucherzahl verändern sich ganz unterschiedliche Dinge. Erstens verschärft sich das Sicherheitskonzept. Mindestens so wichtig ist aber die Technik für die Musik. Die Stadionanlage ist für Konzertbeschallung nicht brauchbar. Also müssen wir eine eigene Beschallungsanlage aufbauen lassen, die mehr als das halbe Stadion möglichst optimal mit Ton versorgt. Hinzu kommen eine größere Bühne und Wegeplatten, da wir den Rasen nicht betreten dürfen – er soll geschont werden. All dies und einiges mehr treiben die Kosten natürlich in die Höhe. Hinzu kommen fast 20.000 Liedbücher, Kerzen und Windlichter – und all dies bei freiem Eintritt.

Wer kommt?

Müller: Die Erfahrungen aus den letzten Jahren zeigen, dass viele Besucher beim Weihnachtssingen zum ersten Mal auf dem Tivoli sind – und dann vielleicht künftig auch mal zu Alemannia-Heimspielen gehen. Mir selbst ist es so ergangen. Andererseits hoffen wir natürlich auch auf viele eingefleischte Alemannia-Fans, die das Weihnachtssingen zum Anlass nehmen, ihren Tivoli einmal ganz anders zu erleben. Fangesänge werden im Programm jedenfalls neben klassischen Weihnachtsliedern auch eine Rolle spielen. Die Fan IG und die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen organisieren schließlich alles im Schulterschluss.

Einlass ist ab 16 Uhr, und angesichts des zu erwartenden Verkehrsaufkommens empfehlen Sie sicher eine möglichst frühe Anreise.

Müller: Auf jeden Fall. Das Vorprogramm beginnt um 17 Uhr. Dann treten schon alle Chöre und Posaunengruppen auf, damit sich sämtliche Teilnehmer in Ruhe zeigen können. Im Hauptprogramm ab 18 Uhr geht es ja vor allem darum, gemeinsam zu singen. Mit dabei sind unter anderem „The Voice“ Jupp Ebert, der Chor Pius-Celebration und der Gospelchor International Christian Fellowship.

Und der Schirmherr sorgt dafür, dass es trocken bleibt?

Müller: (lacht) Unser Oberbürgermeister Marcel Philipp wird das schon machen. Der andere Schirmherr...

...namens Petrus...

Müller: ... nein, ich meine den lieben Gott. Aber ich glaube, dass er sich um Wichtigeres als ums Aachener Wetter zu kümmern hat. Petrus spielt in diesem Zusammenhang eher keine Rolle.

Aber die schützende Hand Gottes kann in diesen schwierigen Zeiten auch beim Weihnachtssingen nicht schaden, oder?

Müller: Ich werde oft gefragt, ob wir in diesen Zeiten nicht Sorgen haben, eine so große Veranstaltung mit so vielen Menschen durchzuführen. Nein, wir haben Gottvertrauen! Es wird gelingen, es wird nichts passieren. Und natürlich sorgen wir gemeinsam mit der Stadt und den Sicherheitsbehörden für die entsprechenden Rahmenbedingungen. Genauso haben wir auch Gottvertrauen darauf, dass die Finanzierung gelingt. Jedes Jahr starten wir bei der Spenden- und Sponsorensuche mit Null. Wenn am Ende nach Abzug aller Kosten mehr als eine schwarze Null herauskommt, möchten wir das Geld in Flüchtlingsprojekte stecken. Aber wir sind hier trotz einiger Sponsoren und vieler Spender noch nicht am Ziel. Wir hoffen darauf, dass beim Weihnachtssingen selbst noch einige Euro im Körbchen landen.

Ohne die vielen Ehrenamtler wäre das Weihnachtssingen sowieso nicht zu stemmen.

Müller: Richtig. Ohne so viele großartige Menschen wäre das Weihnachtssingen niemals machbar. Eine Frau der ersten Stunde war dabei Andrea Kett von der katholischen Kirche, die mit mir in den ersten beiden Jahren die Veranstaltung verantwortet hat. Dann ist an ihre Stelle Gerd Mertens getreten im Namen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen. Dann haben wir ganz besonders viel Unterstützung vom Eurogress erhalten, der ja den Tivoli außerhalb der Sportveranstaltungen vermarktet. Hier sind besonders Yvonne Bongard und Kristina Wulf zu nennen, ohne die hier gar nichts liefe. Riesige Unterstützung gab es auch von Professor Christoph Scheller, der an der FH Aachen mit Studenten das ganze Werbekonzept gemacht hat – und von Siegbert Gossen, der das Fundraising verantwortet. Es gibt natürlich eine ganze Reihe Ehrenamtler – zum Beispiel Elfi und Ulrich Kosch sowie Beate Ratz – die hier maßgeblich zum Gelingen beitragen. Und natürlich die wirklich engagierten Vertreter der Fan IG und außerdem Manina Kettler, die speziell unsere Ansprechpartnerin ist.

Es gibt Geldgeber, die haben mit Ihnen um den Erfolg des Weihnachtssingens gewettet?

Müller: Rewe hat gegen die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen und Oberbürgermeister Marcel Philipp gewettet, dass wir keine 18 000 Menschen zum Weihnachtssingen auf dem Tivoli begrüßen können. Wenn wir die 18 000er-Marke knacken, zahlt Rewe 10 000 Euro in die Spendenkasse – das ist Geld, das wir wirklich mehr als gut gebrauchen können.

Und umgekehrt? Was müssen Sie tun, wenn die Marke am Sonntagabend nicht geknackt wird?

Müller: Dann müssen uns die Besucher, die da sind, umso mehr unterstützen.

Klingt nach einem guten Geschäft. Dabei geht es Ihnen natürlich ganz zentral um eine andere Botschaft – weit weg von monetär zählbaren Werten.

Müller: Ein katholischer Kollege hat es mal sehr treffend so formuliert: Für viele ist das Weihnachtssingen die einzige Weihnachtsmesse, die sie besuchen. Und ein Stückchen hat das auch diesen Charakter. Uns ist wichtig, dass die christliche Botschaft – also das eigentliche Ereignis von Weihnachten – auch transparent wird. Das geschieht einerseits dadurch, dass die Weihnachtsgeschichte vorgelesen wird. Aber andererseits ist es genauso bedeutsam, dass die Menschen die christliche Botschaft auch selber singen. Zum Teil sind die Lieder ja auch Gebete. Wenn jemand selber die christliche Botschaft singt, dann passieert im selben Moment auch etwas zwischen ihm und Gott – insofern hat das schon etwas von einem Gottesdienst.

Grundsätzlich haben Sie als Kirche ja schon einiges gemeinsam mit Alemannia Aachen – bei beiden sind meist viele Plätze frei.

Müller: Zum Glück ist das nicht das Einzige, was uns verbindet. Aber Sie haben natürlich Recht. Vielleicht findet der ein oder andere Besucher des Weihnachtssingens, der vorher lange keinen Gottesdienst in einer Kirche mehr erlebt hat, zurück zu uns. Weihnachten sind die Gotteshäuser natürlich voll. Aber wir haben auch im Rest des Jahres viele schöne Gottesdienste, bei denen sich ein Besuch durchaus lohnt. Ich glaube, viele Leute wissen heute gar nicht mehr, was die Kirchen wirklich zu sagen haben. Aber auch beim Verein ist vielleicht noch nicht bei allen angekommen, dass das Weihnachtssingen auch Alemannia noch in einem anderen Licht erscheinen lässt, als es die Turbulenzen der letzten Jahre getan haben. Da wünschen wir uns noch mehr Unterstützung vom Verein.

Die Heiligtumsfahrt in Aachen hat gezeigt, in welche Dimension die Begeisterung von Gläubigen wachsen kann, wenn viele gemeinsam Gott und Kirche erleben. Dauert dieses Phänomen noch an?

Müller: Kirchliche Großveranstaltungen vermitteln immer eine Begeisterung, die der normale Alltag im kirchlichen Leben nicht mit sich bringen kann. Aber der Alltag lebt von den Highlights. Darum kann ich mir vorstellen, dass man auch vom Weihnachtssingen im neuen Jahr zehren kann. Andererseits kann ich schon verstehen, wenn sich manche Menschen mittlerweile Gedanken machen, ob sie Massenveranstaltungen überhaupt noch besuchen sollten. Je größer der zeitliche Abstand zu den Ereignissen in Paris wird, desto mehr schwinden diese durchaus menschlichen Sorgen. Ich denke, in Deutschland kann man sich ziemlich sicher fühlen. Passieren kann auch im Alltag immer etwas. Wir tun das Menschenmögliche...

...um möglichst vielen Besuchern beim Weihnachtssingen ein wirklich unvergleichliches Gemeinschaftserlebnis zu ermöglichen. Beschreiben Sie doch mal, was sich so schwierig in Worte fassen lässt.

Müller: Weihnachten hat so etwas Archetypisches, also Ursprüngliches für die Menschen. Da wird ein Kind geboren, ein ganz besonderes Kind. Was eine Geburt ist und was die Entstehung einer Familie bedeutet – das weiß ja im Grunde genommen jeder. An Weihnachten aber passiert etwas, was nicht rein innerweltlich zu verstehen ist – etwas zwischen Gott und den Menschen, also etwas, das mit dem tiefsten Urgrund unseres Leben zu tun hat. Gott wird Mensch und kommt uns an Stellen in unserem Leben nahe, an denen wir nie mit ihm gerechnet hätten. Dass Gott uns auch da nahekommt, wo es dunkel ist, wo wir scheitern, in den Niederungen menschlichen Daseins – das ist, glaube ich, das Besondere, das Wunderbare der Weihnachtsbotschaft. Dass wir am Sonntag, 20. Dezember, dem dunkelsten Tag des Jahres, so viel Sehnsucht nach Licht und Gott und nach der Weihnachtsbotschaft haben, auch das führt beim Weihnachtssingen zu einer einzigartigen Stimmung.

Also singen Sie auch im kommenden Jahr?

Müller: Auf jeden Fall. Auch wenn ich dann im Ruhestand bin. Das Weihnachtssingen – diese Kombination von Singen, von Religion und Fußball – werde ich mir nicht entgehen lassen.

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