Wichtige Hilfe für das ärmste Land Europas

Von: Carolin Cremer-Kruff
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Setzt sich für Moldavien ein: Franz Scheidt, Vorstandsvorsitzender des Aachener Verein „MoldovAhha“ mit moldavischem Honig. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Moldawien ist ein bitterarmes Land. Dabei ist der kleine südosteuropäische Staat nur drei Flugstunden vom wirtschaftsstarken Deutschland entfernt. Vor seiner Unabhängigkeit Anfang der 1990er-Jahre war Moldawien eine wohlhabende Sowjetrepublik. Mittlerweile beherrschen Korruption, Arbeitsflucht, Entvölkerung und eine marode Infrastruktur den Alltag.

Wo anfangen? Vor dieser Frage stand auch der Aachener Verein „MoldovAhha“ („Moldov“ für die Republik Moldau und „Ahha“ als altgermanischer Name für Wasser und Aachen), der 2012 von Rolf Schumacher gegründet wurde. Er war zuvor in Moldawien und kam mit dem Entschluss zurück, zu helfen. Mittlerweile gehören MoldovAhha sieben aktive Mitarbeiter und viele ehrenamtliche Helfer in ganz Deutschland an, die den Verein unterstützen. Wo und vor allem wie erzählt der Vorstandsvorsitzende Franz Scheidt im Samstagsinterview.

Warum unterstützen Sie Moldawien?

Scheidt: Vordergründig natürlich, weil Moldawien das ärmste Land Europas ist und jede Hilfe gebrauchen kann. Natürlich könnten Sie jetzt mit Recht behaupten: Es gibt ja auch noch viele andere arme Länder. Ich habe aber auch eine persönliche Beziehung zu dem Land.

Welche?

Scheidt: 1944 – als ich geboren wurde – ist mein Vater in der moldawischen Stadt Tiraspol in russischer Kriegsgefangenschaft verhungert. Die Arbeit in der Hilfsorganisation bietet mir auch die Möglichkeit, mich ein Stück weit meinem Vater zu nähern. Als ich 2012 den Zeitungsartikel über die Neugründung gelesen habe, habe ich sofort zum Telefonhörer gegriffen.

Wie ging es danach weiter?

Scheidt: Nach vielen Vorplanungen sind Rolf Schumacher und ich 2014 erstmalig gemeinsam mit dem Auto nach Moldawien gefahren, bis oben hin beladen mit Hilfslieferungen, Kinderspielzeug, Kleidung und Ähnlichem. So konnten wir das Land und die Menschen kennenlernen und ich habe mich gleichzeitig auch auf die Suche nach einer möglichen Grabstätte meines Vaters machen können. Diese persönliche Geschichte hat mich veranlasst, Moldawien in mein Herz zu schließen. Aus Dankbarkeit für mein eigenes Leben möchte ich dort helfen.

Welche Situation haben Sie in Moldawien vorgefunden?

Scheidt: Sehr viel Armut. In der Hauptstadt Kischinau merkt man das noch nicht so sehr. Sobald man aber die Hauptstadt verlässt, scheint jegliche Infrastruktur zu fehlen. Auf dem platten Land gibt es zwar noch Straßen, aber die Landstraßen gleichen eher Schotterwegen. Innerhalb der Dörfer gibt es überhaupt keine befestigten Straßen mehr. Außerdem muss man wissen, dass Moldawien ein geteiltes Land ist.

Der Westen ist inzwischen assoziiertes Mitglied der EU. Der östliche Teil (Transnistrien), ist von keinem UN-Mitgliedsstaat anerkannt. Rund eine Million Moldawier leben dauerhaft im Ausland, um dort z. B. als Altenpfleger zu arbeiten. Das ist ein Viertel der Gesamtbevölkerung! So können sie zwar ihre Familien finanziell aus der Ferne unterstützen, die Leidtragenden sind jedoch die Kinder, die zurückgelassen werden und ihre Eltern vielleicht ein bis zweimal im Jahr zu Gesicht bekommen.

Daher ist ja auch eines Ihrer Ziele, dass Moldawier wieder in ihrem Land Arbeit finden. In welchen Regionen versuchen Sie das umzusetzen?

Scheidt: Wir helfen im Süden des Landes, wo wir momentan die drei kleinen Dörfer Chioselia, Baimaclia und Tarancuta unterstützen, aber auch in deren Umgebung tätig sind. Dort gibt es wie in den meisten Dörfern keine Abwasser- und Frischwasserversorgung, dafür gibt es Elektrizität und Internet. Die Wohnverhältnisse sind ärmlichst. Dennoch sind die Menschen dort sehr freundlich und hilfsbereit.

Viele Menschen leben von den Erträgen des eigenen Gartens. Für fast alles andere müssen sie in die nächste Stadt fahren. Also machen sie sich mit dem Pferdegespann oder dem Bus auf den Weg, mit Fahrtzeiten von ein bis zwei Stunden. Ansonsten ist die Situation auf den Dörfern landwirtschaftlich geprägt. Es gibt Kleinbauern, viele Landarbeiter als Tagelöhner und es gibt ein paar Oligarchen, die Mafia oder ausländische Großkonzerne, die riesige Flächen besitzen.

Wie helfen Sie?

Scheidt: Ich bin Unternehmer – daher gehe ich analytisch und planmäßig vor. Mit unserem Verein möchten wir keine Almosen verteilen, sondern eher die heimischen Kräfte, die vorhanden sind, steigern oder stützen. Die Hilfe zur Selbsthilfe soll ja auch fördern, dass die Menschen in ihrem Land bleiben können. Wichtig ist, nicht in die Armuts- und Mitleidsfalle zu tappen, sondern lieber die Hilfe zu professionalisieren. Und Geld alleine bewegt gar nichts. Man braucht auch Menschen, die Konzepte machen, die das Geld sinnvoll einsetzen und die die Projektarbeit beobachten und unterstützen.

Und wie setzen Sie Ihr Hilfskonzept ganz konkret um?

Scheidt: Erst einmal, indem wir uns auf einen klar abgegrenzten Bereich, sowohl geografisch als auch hinsichtlich der Projekte, konzentrieren. Unsere Vereinsmitglieder sind regelmäßig auf eigene Kosten vor Ort, um sich ein Bild über die geleistet Hilfe zu machen. Zudem haben wir gute Rahmenbedingungen geschaffen: Eine einheimische Mitarbeiterin betreut für uns in permanenter Rückkopplung mit uns Aachenern vor Ort alle drei Dörfer, wir haben einen Partnerverein in Moldawien gegründet, den A.O. Parteneriatul Aachen-Moldova, über den die Gelder gehen, und wir haben ein gutes Netzwerk aufgebaut, darunter die Deutsche Botschaft in Kischinau und Spender auf privater Ebene.

Für wen leisten Sie Unterstützung?

Scheidt: Hilfe leisten wir für bedürftige Menschen. Sie hätten ohne die Unterstützung unserer Spender kaum eine Chance, ihr Leben zu gestalten. Unser Schwerpunkt liegt im Bereich Ausbildung und Bildung für Jugendliche und Kinder, z. B. finanzieren wir Kindern im Kindergarten ein Mittagessen, deren Eltern es sich nicht leisten können. Ein anderes Beispiel: Jugendliche, die nach der Schule eine Berufsausbildung oder ein Studium beginnen möchten. Diese müssen fast immer ihr Heimatdorf verlassen, da sich die Lehrstelle oder der Studienplatz woanders befindet. Dort müssen Unterkunft, Schulgeld und Verpflegung finanziert werden. Für arme Familien ist das nicht zu stemmen – ein Teufelskreis.

Über Stipendien stellen wir bedürftigen Jugendlichen ein entsprechendes Budget zur Verfügung. Dabei behalten wir die Entwicklungsschritte genau im Auge und wir verlangen von den Jugendlichen als Gegenleistung, dass sie nach unserem Motto „Wer Hilfe bekommt, muss auch was geben“ z.B. in den Sommerferien eine Art Sozialdienst in ihrem Dorf leisten. Das ist Bedingung. Hinzu kommen weitere Projekte wie die Finanzierung von Ferienlagern für Kinder, Patenschaften für den Besuch einer Kunst- und Musikschule, zahlreiche Sachspenden und vieles mehr. Wo wir erdrückender Not persönlich begegnen, leisten wir auch schon mal Soforthilfe, z.B. für alte und kranke Menschen.

Und wie legen Sie fest, wer ein Stipendium bekommt?

Scheidt: Wir überprüfen vorher mit einem Komitee, das aus Klassenleiter, Schuldirektor und der örtlichen Sozialassistentin besteht, wer für ein solches Stipendium infrage kommt. Auswahlkriterien sind z.B. die sozialen Verhältnisse, schulische Leistungen und die Motivation eines Bewerbers. Soweit irgend möglich, legen wir Wert darauf, dass die Begünstigten einen Eigenanteil stemmen, selbst wenn er nur klein ist. Damit betonen wir eines unserer Ziele, die Eigenverantwortlichkeit.

Setzen Sie sich denn auch für Erwachsene ein?

Scheidt: Natürlich. Mit ihnen möchten wir über die Bündelung der vorhandenen wirtschaftlichen Kräfte die Dorfgemeinschaften stärken. Damit die Dörfer nicht leer laufen und die Menschen dort wieder ihrem Erwerb nachgehen können. Es sollen Kleinbetriebe und damit Arbeitsplätze entstehen.

Mithilfe von Google kommen Sie diesem Ziel einen Schritt näher.

Scheidt: Das stimmt. Ende 2015 haben wir uns bei der „Google Impact Challenge Deutschland 2016“ beworben. Nach mehreren Auswahlverfahren haben wir zum Schluss immerhin 10 000 Euro gewonnen. Mit diesem Betrag wollen wir Kleinbauern helfen, Erzeugergemeinschaften zu bilden, indem wir ihnen Beratung und Mikrokredite zur Verfügung stellen. Das Gesamtprojekt kostet 36 000 Euro, 10 000 Euro brauchen wir allein für die Mikrokredite.

Wofür sind die Mikrokredite gedacht?

Scheidt: Damit wollen wir Kleinbauern schon bald dabei unterstützt, ein kostspieligeres Projekt umzusetzen, wovon sie langfristig profitieren, z.B. eine Investition in gute Tomaten- oder Honigmelonensamen. Vergeben werden sollen Kredite zwischen 500 und 1000 Euro, die innerhalb eines Jahres zu vergleichsweise niedrigen Zinsen zurückgezahlt werden müssen. Zum Vergleich: Das monatliche Durchschnittseinkommen in Moldawien beträgt circa 170 Euro, die Durchschnittsrenten circa 50 Euro.

Gleichzeitig möchten wir zukünftig mit dem SES Senior Experten Service zusammenarbeiten, eine staatlich finanzierte Organisation, die pensionierte Experten für einen bestimmten Zeitraum in verschiedene Länder schickt, damit sie ihre Expertise an die dortigen Einwohner weitergeben können. Das wäre für uns in den Bereichen Gemüseanbau oder Bäckereibetrieb interessant. Denn Geld ist die eine Seite, Know-how die andere.

Wo sehen Sie Ihre Hilfsorganisation langfristig?

Scheidt: Sie soll sich irgendwann selbst tragen. Wir möchten in den Dörfern Erzeugerringe schaffen, um die Qualität abzustimmen, den Marktzugang zu erleichtern und um Lagerkapazitäten einzurichten. Wir möchten die Eigenständigkeit vor Ort ausbauen, indem wir beispielsweise in jedem Dorf einen ortsansässigen Dorfentwicklungsleiter aus- bzw. weiterbilden.

Wann sind Sie das nächste Mal in Moldawien?

Scheidt: Im November werden wir wieder nach Moldawien fliegen und mit fünf bis sieben wichtigen Menschen aus den Dörfern Baimaclia und Chioselia einen Workshop durchführen. Das Ziel besteht in der Gründung eines Dorfentwicklungsvereins, der gute Ideen generiert, um wirtschaftliche Projekte ins Leben zu rufen und gleichzeitig das Vereins- und Freizeitleben in den Dörfern zu stärken.

Wie kann man Ihren Verein unterstützen?

Scheidt: Zum Beispiel als aktiver Mitarbeiter, der Spenden sammelt, oder als Experte (auch vor Ort). Momentan suchen wir Unterstützer, die sich um unsere Medienpräsenz, insbesondere die Homepage und Facebook, kümmern, aber auch Übersetzer. Natürlich sind wir auch auf Spenden angewiesen: Jeder Euro ist Willkommen und geht zu 100 Prozent an die Menschen in Moldawien. Als Gruß und Dank erhält jeder Spender moldawischen Honig von einem Imker aus einem „unserer“ Dörfer. Interessenten und Spender informieren wir über Newsletter, aber auch ein jährliches Treffen ist vorgesehen.

 

 

 

 

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