Aachen - Wenn zwei streiten, hilft der Schiedsmann

Wenn zwei streiten, hilft der Schiedsmann

Von: Philipp Schröders
Letzte Aktualisierung:
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Bei Ärger am Gartenzaun hilft der Schiedsmann: Helmut Thyssen schlichtet seit 36 Jahren in Streitfällen. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Der kettenrauchende Dauerqualmer von Nebenan kann das Sommervergnügen auf dem Balkon erheblich schmälern. Gerade Nichtraucher besitzen oft ein feines Näschen und fühlen sich belästigt. Der Raucher wiederum beharrt auf seinem Recht, überall in der Öffentlichkeit so viel qualmen zu dürfen, wie er will.

Das riecht nicht nur nach Qualm, sondern auch nach Ärger. Oft landen solche Streitigkeiten vor Gericht.

Allerdings muss es nicht so weit kommen, dafür sorgt Helmut Thyssen. Seit 36 Jahren ist der Pensionär, früher beim Sozialamt tätig, Schiedsmann und vermittelt in Streitfällen. In Aachen gibt es acht Schiedsamtsbezirke mit zehn Schiedsmännern und Stellvertretern. Die Streitschlichter sind für strafrechtliche Delikte wie Beleidigung, leichte Körperverletzung, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch oder Verletzung des Briefrechts und zivilrechtliche Fälle wie Nachbarschaftsstreitigkeiten zuständig.

Geht es ums Strafrecht, muss oft erst ein Schlichtungsversuch unternommen werden, bevor der Fall vor Gericht landen kann. Bei Nachbarschaftsstreitigkeiten läuft die Vermittlung meist auf freiwilliger Basis. Allerdings richten Schiedspersonen nicht, sondern schlichten. Thyssen: „Wir sind gefordert zuzuhören. Das hat einen tieferen Grund. Man versucht das Gespräch in eine Bahn zu lenken, so dass die Parteien eine Möglichkeit erkennen, aus der Sache herauszukommen.” Im Fall des Dauerqualmers könnte dieser sich verpflichten, nur zu bestimmten Zeiten auf dem Balkon zu rauchen.

Wenn jemand einen Vermittlungsantrag stellt, lädt die Schiedsperson beide Parteien ein. Bei Thyssen findet das Gespräch in seinem Haus statt. Im Keller hat er sich ein kleines Büro eingerichtet. Die Streithähne sitzen auf einer gemütlichen Eckbank. „Ich habe festgestellt, dass die häusliche Atmosphäre von Vorteil ist. Die meisten Menschen nehmen sich etwas zurück.” Der Schiedsmann versucht dann eine Lösung zu finden.

Ein typischer Fall: Nach der Trennung hat ein Mann bei seiner Ex-Freundin die Türe eingetreten. Zunächst sollte der Mann sich während des Gespräches für seine Tat entschuldigen. Dann muss eine Regelung gefunden werden, damit es in Zukunft nicht mehr zu solchen Vorfällen kommt. In einem dritten Schritt wird vereinbart, dass der Mann für den Schaden an der Tür aufkommt. Die Antragstellerin verzichtet dafür auf weitere gerichtliche Schritte. Alles wird in einem Protokoll festgehalten, das beide Seiten unterschreiben.

„In 60 bis 70 Prozent der Fälle kommt es zu einer Einigung”, sagt Thyssen. Der Rest landet vor Gericht. Für ihn ist das Schiedsamt eine wichtige Ergänzung im Justizwesen. Da die Schiedspersonen ehrenamtlich arbeiten, ist das Verfahren deutlich preiswerter, meist kostet es nicht mehr als 40 Euro. Zudem haben Schiedsmänner keine Bürozeiten: „Ich stehe auch samstags und sonntags zur Verfügung. Meist kann ich eine Vermittlung in drei bis vier Wochen über die Bühne bringen.”

Im Jahr regelt Thyssen etwa 30 Verfahren. Zu seiner Anfangszeit waren es bis zu 80. Dies hängt damit zusammen, dass sich seine Aufgabenfelder verschoben haben. „Früher riefen auch schon mal betrunkene Männer nach einer Kneipenschlägerei an und baten um einen Termin.” Heute werden alle Fälle von Körperverletzung von der Polizei direkt zur Anzeige gebracht. Dafür hätten Nachbarschaftsstreitigkeiten zugenommen.

„Oft schaukeln sich einfache Dinge wie die Benutzung des gemeinsamen Waschkellers hoch, und schnell fallen dann Beleidigungen wie blöde Kuh´ und schlimmere Kraftausdrücke.” Oder der Nichtraucher gerät an den Dauerqualmer.
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