Wenn Theatergäste auf der Toilette einschlafen

Von: Joachim Rubner
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Findet oftmals im Theater verlorene Dinge nach Vorstellungen: Hans-Peter Keldenich hebt alles sorgfältig auf, doch abgeholt werden die Fundsachen in vielen Fällen nicht. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Jacken, Schals und Handschuhe, Broschen findet Hans-Peter Keldenich oft spät abends nach einer Vorstellung im Theater Aachen. Der Leiter des Vorderhauses sammelt sie fein säuberlich in seinem kleinen Büro unweit der Kassenhalle.

Doch manchmal schüttelt Keldenich, der immerhin schon 30 Jahre am Theater Aachen arbeitet, immer noch den Kopf. Er langt in eine Kiste und hält eine Brille in den Händen. Die Gläser sind relativ stark, der ehemalige Träger war offenbar recht kurzsichtig.

Doch gemeldet hat sich bisher niemand. Die Brille liegt schon geraume Zeit im „Fundbüro” des Theaters. „Der ehemalige Träger muss sie eigentlich sehr vermissen, denn er kann mit Sicherheit ohne diese Brille nicht gut sehen”, sagt Keldenich. „Doch wie gesagt, gemeldet hat sich niemand.”

„Auch Schulranzen mit Englischheften, ganze Rucksäcke von Kindern - oft prall gefüllt - bleiben liegen. Genauso wie Markenjacken. Spätestens hier schüttelt Keldenich den Kopf: „Ich glaube, es geht vielen Menschen hier in der Stadt immer noch sehr, sehr gut. Die meisten Leute fragen noch nicht einmal telefonisch nach, ob hier etwas nach einer Vorstellung gefunden worden ist.

Wenn ich an meine Jugendzeit denke: Damals hatten wir nur eine Jacke, wenn die weg gewesen wäre, hätten wir großen Aufwand betrieben, um sie zurück zu bekommen. Leider ist das heute nicht mehr so.” Und der Theatermann zeigt auf diverse Plastiksäcke, öffnet sie und zieht die verschiedensten Kleidungsstücke heraus. Sie lagern zum Teil hier schon viele Monate, manche Jahre dort.

Mindestens 90 Minuten vor jeder Vorstellung ist Keldenich im Theater. Dann teilt er zum Beispiel die Schließer für die Ränge ein und sorgt für einen reibungslosen Ablauf. Und auch wenn die Vorstellung beendet ist, ist sein Dienst noch nicht vorbei: Erst wird ein gründlicher Kontrollgang gemacht und genau überprüft, ob sich noch jemand im Theater befindet.

Oft kommt das nicht vor, aber eben doch manchmal. Schon ab und zu musste er älteren Theaterbesuchern helfen, die auf der Toilette eingeschlafen waren oder deren Gesundheit angeschlagen war. „Ungefähr zweimal im Monat haben wir durchschnittlich den Notarzt hier”, weiß Keldenich, der erwähnt, dass solche Hilfeleistungen häufig dann passieren, wenn eine besonders lange Vorstellung auf dem Spielplan steht.

„Es ist wichtig, dass nach Vorstellungsende kontrolliert und sofort geholfen wird, wenn etwas mit einem Besucher gesundheitlich nicht stimmt. Täte ich das nicht, würde ich mir immer Vorwürfe machen”, sagt er und spricht von „Fingerspitzengefühl”, das man im Umgang mit manchen Gästen haben müsse.

Fingerspitzengefühl hat Keldenich auch schon öfter bei Sonderveranstaltungen benötigt, wenn das Theater als Ort für eine Feier genutzt wird. Je nachdem, wer der Veranstalter ist, kann ein solches Fest bis nach sechs Uhr morgens dauern. „So kurz vor sieben Uhr weise ich dann die kleinen Grüppchen auf das nahe Ende der Veranstaltung hin”, sagt Keldenich und betont, dass sehr viel Einfühlungsvermögen gefragt ist, um bei der feiernden Runde nicht anzuecken...

Übrigens, sogar eine kostbare Rolex-Uhr hat Keldenich bereits gefunden. Sie hätte unbedingt ins Fundbüro gemusst, doch Keldenich kannte den Besitzer, sah ihn das Theater verlassen, lief ihm nach und gab ihm die Uhr. Die Freude beim „Verlierer” war groß, doch ein Dankeschön für Finder Keldenich gab es nicht...
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