Wenn Realität und Fiktion verwischen: „Acting Cities“ im Ludwig Forum

Von: Kristina Toussaint
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Präsentation der „Acting Cities“: Unter der Moderation des Redakteurs unserer Zeitung, Alexander Barth, diskutierten die Protagonisten den Ansatz des neuen Werkes, das auch szenisch umgesetzt wurde. Foto: Andreas Steindl
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Präsentation der „Acting Cities“: Unter der Moderation des Redakteurs unserer Zeitung, Alexander Barth, diskutierten die Protagonisten den Ansatz des neuen Werkes, das auch szenisch umgesetzt wurde. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Irritieren, Fragen aus der Lebenswirklichkeit aufgreifen und die Grenzen zwischen Kunst und Alltag verschwimmen lassen: All‘ das schaffen die Theaterprojekte, die Frank Raddatz und Sonja Rothweiler in ihrem neuen Buch „Acting Cities“ präsentieren. Dieses wurde jetzt szenisch und in einer Podiumsdiskussion im Ludwig Forum unter der Moderation unseres Redakteurs Alexander Barth vorgestellt.

„Engel zu mieten“: Unter dieser Überschrift bewarb die fiktive Figur Elli Engelmann, alleinerziehend und kürzlich arbeitslos geworden, im vergangenen Jahr ihre Dienstleistungen für den Stadtteil Aachen-Nord. Sie stand einem Jungen nach dem Tod seines Kanarienvogels bei, tanzte mit einer dementen Dame, begleitete einen jungen Flüchtling zum Spiel von Borussia Dortmund, hörte zu und half wo sie konnte. Mit Flügeln, Tutu und rotem Mantel konnte man sie durch den Aachener Norden fahren sehen. Mit Kamera und Mikrofon ausgestattet kam sie mit den Menschen ins Gespräch.

Aus dem gesammelten Material entwickelten Regisseur Martin Goltsch und Theaterpädagogin Brigitte Köhr ein Stück. Gestartet im Ludwig Forum, folgte das Publikum Elli Engelmann auf die Straße, in Privatwohnungen oder einen Frisörsalon, insgesamt an 17 Spielorte – das ganze Viertel wurde zur Bühne. Die Kunstfigur machte den Schritt in die Realität, und die Zuschauer fanden sich plötzlich selbst mitten in einer Szene wieder – im Unklaren darüber, wer hier Schauspieler war und wer Passant, welche Geschichte erfunden war und welche wahr, kurz: Wo die Realität aufhörte und die Fiktion begann.

„Engel gesucht“ ist eines der Projekte, die es in den Bildband von Frank Raddatz und Sonja Rothweiler (Fotos) geschafft haben. Die verschiedenen denkbaren Spielarten von Theater durch ganz unterschiedliche Veranstaltungen zu zeigen, war Raddatz Ziel. Vertreten sind viele beeindruckende Inszenierungen aus ganz Nordrhein-Westfalen, die die Grenze zwischen Kunst und Nicht-Kunst systematisch verwischen.

Für das Projekt „2-3 Straßen“ wurden Wohnungen und Häuser in Duisburg, Dortmund und Mülheim zur Verfügung gestellt, in denen Freiwillige für ein Jahr mietfrei wohnen konnten – einzige Bedingung: die Bereitschaft, Teil eines Kunstprojektes zu sein und den eigenen Alltag in einem öffentlichen Tagebuch festzuhalten.

In Düsseldorf wurde rund um den Text „Bambiland“ von Elfriede Jelinek eine „Stadtinstallation“ geschaffen. „Crashtest Nordstadt“ führte das Publikum durch die verrufene Dortmunder Nordstadt und brachte Besucher und Bewohner spielerisch zusammen.

„Engel zu mieten“ ist eine Inszenierung in Kooperation des Theaters Aachen und „Thater-AusBruch“. Unter dem Namen „Projekt A“ sind seit 2006 verschiedene Stücke an den ungewöhnlichsten Orten in den Aachener Stadtvierteln entstanden. Die Themen sollen aus dem jeweiligen Stadtteil geboren sein und werden gemeinsam mit den Anwohnern des Viertels als „Experten ihres Alltags“ ausgewählt, erklärte Theaterpädagogin Brigitte Köhr. In der Nadelfabrik wurde so Romeo und Julia als Konflikt zwischen einer türkisch-arabischen und einer deutschen Familie inszeniert, in einer leerstehenden Drogeriemarkt-Filiale in Eilendorf Brechts „Baal“.

Michael Schmitz-Aufterbeck, Intendant des Stadttheaters, würde solche neuen performativen Strategien im öffentlichen Raum gerne weiter ausbauen – noch stünden solche Projekte, die direkt in die Stadtteile gehen, aber finanziell eher am Rand. Dabei helfe die Verschmelzung von Realität und Fiktion, „den eigenen Alltag anders zu betrachten“, davon ist Regisseur Martin Groltsch überzeugt.

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