Aachen - Wenn ein Sack Flöhe dem Reiterhof hilft

Wenn ein Sack Flöhe dem Reiterhof hilft

Von: Thorsten Karbach
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Ein Modell, das Schule machen soll: Kinder der OGS Hanbrucher Straße besuchen den Reitverein Gut Hanbruch. Wenn Schüler erst um 16 oder 17 Uhr nach Hause kommen, bleibt sonst kaum noch Zeit für Pferde. Das spüren die Vereine. Sie zählen weniger Mitglieder. Foto: Heike Lachmann
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Streicheleinheiten für ein braves Pferd: Valentina ist gerne auf Dino unterwegs. „Er ist ein ganz liebes Tier“, sagt die Schülerin.

Aachen. Wenn Dino mit Frieda im Sattel unweit des Amsterdamer Rings im Kreis trabt, dann ist das eine runde Sache. Für das Pferd. Für die Grundschülerin. Für Reitlehrerin Melanie Cremer. Und nicht zuletzt für Renate Schneider und Elke Stenten vom Reitverein Gut Hanbruch.

 Denn die Begeisterung ist an allen Ende der Longe, im und rund um den Sattel spürbar. Frieda und ihre Mitschüler der KGS Hanbrucher Straße kommen wöchentlich im Rahmen der Offenen Ganztagsschule (OGS) auf den Reiterhof. Ebenso Kinder aus der OGS der Katholischen Grundschule Auf der Hörn.

Wenn das Glück der Erde – wie es so schön heißt – auf dem Rücken der Pferde liegt, dann können Stenten und Schneider förmlich sehen, wie es die Kinder erfüllt, wenn sie grinsend im Sattel sitzen. So wie jetzt Valentina. Für den Verein ist die OGS eine große Chance. Denn seitdem Kinder – ob an den Grundschulen oder nach der Schulzeitverkürzung (G8) an den Gymnasien – im ganzen Land bis spät am Nachmittag in der Schule sitzen, bleibt der Sattel in den Reitvereinen zunehmend leer. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) spricht in Person von Geschäftsführer Sport Dr. Dennis Peiler ganz klar von einem Problem für den Reitsport, wenn Schüler erst um 16 oder gar 17 Uhr nach Hause kommen: „Wann bleibt dann noch Zeit zum Reiten?“

Es werden immer weniger

544 000 Mädchen und Frauen sowie 176 000 Jungen und Männer reiten in Deutschland in 7500 Vereinen. Seit fünf Jahren werden es immer weniger. Von 2011 auf 2012 sank die Zahl der Reiter um 1,16 Prozent. Das sind 8455 Reiter. Wo das Problem genau liegt, legt eine andere Zahl nahe: Die Zahl der Reiter unter 18 Jahren ist um 6800 gesunken. Insbesondere die Jüngeren finden den Weg seltener in den Sattel. Eine andere Statistik der FN sagt für das Rheinland aus, dass die Zahl der Vereinsmitglieder unter 14 Jahren, also der Schüler, bei den Jungen von 1481 auf 1370 gefallen ist, bei den Mädchen von 12 662 auf 12 415. In der Summe zählt das Rheinland 2012 64 415 Reiter, im Vorjahr waren es noch 65 541. „Viele Reithallen stehen nachmittags leer“, sagt Peiler. Als junger Reiter hat er das noch ganz anders erlebt. 1999 wurde Peiler, mittlerweile auch Geschäftsführer des Deutschen Olympischen Komitees für Reiterei (DOKR), Deutscher Meister der Voltigierer.

Der Reitverein Gut Hanbruch hat die Leere gefüllt. Weil Kinder wie Frieda und Valentina im Sattel sitzen. Vor drei Jahren entschloss sich der Verein, auf Schulkinder zuzugehen, weil Schulkinder mangels Zeit nicht mehr von selbst zu den Ställen kamen. „Früher gab es hier – wie überall in den Vereinen – lange Wartelisten, aber das ist nicht mehr so“, sagt Elke Stenten. „Aber wann sollen die Kinder auch noch reiten, wenn sie erst um halb fünf aus der Schule kommen?“, stellt sie die gleiche Frage wie Dennis Peiler.

„Heftige Verluste“

Die Folgen haben viele Vereine auf Trab gebracht. „Wir spüren die Auswirkungen der verlängerten Schulzeit drastisch. Die Zeit der Wartelisten ist längst vorbei“, sagt Irmgard Schuster vom Reit- und Fahrverein 1954 Brand und fügt hinzu: „Wir fahren mittlerweile Verluste ein, das ist schon heftig.“ In besten Zeiten zählte der Verein 380 Mitglieder. Aktuell sind es 95.

Reitsport ist dabei nicht etwa unbeliebter geworden. Im Gegenteil: Wenn am 21. Juni der CHIO – eines von sage und schreibe 3609 deutschen Turnieren – in der Soers mit den Voltigierern startet, dann können sich die Macher des Weltfests des Pferdesports, bei dem mehr Preisgeld denn je fließt, des Besucherstroms sicher sein. Es ist überaus wahrscheinlich, dass am Ende der Turnierwoche ein neuer Besucherrekord verkündet wird. Im letzten Jahr kamen 366 000 Menschen zu den fünf Disziplinen. Der Reit- und Fahrverein Brand richtet am 9. sowie am 11. und 12. Mai ein Dressurturnier auf seiner Anlage an der Pützgasse aus und konnte bereits 350 Nennungen auflisten. Und weitere können folgen. Wenn die Mitgliederzahlen in den Vereinen auf der anderen Seite stetig sinken, dann ist das eben vor allem eine Zeitfrage. „Die Kinder haben doch gar keine Zeit mehr, ihre Freizeit zu genießen“, sagt Irmgard Schuster.

Im RV Gut Hanbruch bekommen Kinder und Jugendliche von 14 bis 18 Uhr Trainingszeit eingeräumt, von 18 bis 20 Uhr steht denen die Trainingsfläche frei, die einen Stall auf dem alten Gutshof gemietet haben, von 20 bis 22 Uhr reiten die Erwachsenen. Und dann sollten die Kinder ohnehin im Bett liegen – und vom Sieg beim Großen Preis von Aachen träumen. Wer um 16 oder 16.30 Uhr aus der Schule kommt, der kann nicht bis 18 Uhr so im Sattel sitzen, dass es dem Aufwand gerecht wird. Beim Reit- und Fahrverein Brand können die Trainingsstunden für die jungen Reiter frühestens um 16 Uhr starten.

„Wir haben uns die Frage gestellt, wie wir unter diesen Umständen noch Kinder erreichen können“, erklärt Elke Stenten für den RV Gut Hanbruch. Deswegen meldete sich der RV Gut Hanbruch, einer von sieben Reitvereinen (plus zwei Voltigiervereinen) beim Stadtsportbund, der Aachener Sportvereine und Offene Ganztagsschulen zusammenbringt.

Pferde gehen nicht in die Schule

In der Regel sind es Turn- oder Fußballvereine, die mit OGS kooperieren. Der RV Gut Hanbruch ist der einzige Reitverein, aber das hat auch logistische Gründe. Denn während die Übungsleiter der Sportvereine in der Regel in die Schulen kommen, führt der Weg an der Hanbrucher Straße in die andere Richtung. Die Kinder kommen durch das Johannistal beziehungsweise von der Hörn mit dem Bus auf den Hof. Dino, die sechs anderen Schulpferde und das Shetland-Pony – insgesamt stehen 41 Pferde auf der Anlage – können nicht einfach in die andere Richtung galoppieren. Schon gar nicht Bus fahren. Und so dreht Frieda mit geradem Rücken und sicherem Griff ihre Runden in der Reithalle.

Vor drei Jahren hat die FN die Kampagne „Vorreiter Deutschland“ ins Leben gerufen, um neuen Schwung in die Reitvereine zu bringen. Es gibt viele Ideen, wie den Tag des offenen Reitstalls, aber nur wenige langfristige Erfolge. Große Sprünge haben die wenigsten Vereine seitdem gemacht – jedenfalls in ihren Mitgliederkarteien. „Wenn 20 Mädchen auf der Warteliste stehen, muss ich mich nicht öffnen. Wenn aber der Leidensdruck da ist, dann muss ich mich öffnen. Wir brauchen ein Umdenken“, sagt Peiler. Der RV Gut Hanbruch hat diesem Leidensdruck rechtzeitig vorgebaut und lässt sich zweifellos mit den OGS-Stunden als Vorreiter in Deutschland bezeichnen.

Viel Verantwortungsbewusstsein

Renate Schneider und Elke Stenten sind immer wieder begeistert, wenn die Kinder die Pferde putzen, wenn sie Dino in die Halle führen, die kleinen Helme aufsetzen und wenn Valentina sagt: „Dino ist ein ganz liebes Pferd.“ Bis zu zwei Stunden sind die Kinder nachmittags auf dem Hof. Sie füllen zwischen den alten Mauern ein Zeitfenster, in dem es recht einsam geworden war auf dem Reiterhof, in dem der 1969 gegründete Verein seit 1975 beheimatet ist. „Sie sind wie ein Sack Flöhe. Herrlich“, sagt Stenten. Und pädagogisch sinnvoll ist die Zeit mit den Tieren allemal: „Sie lernen ganz viel Verantwortungsbewusstsein“, sagt sie. Und das steht in Mathematik oder Kunst so sonst nicht auf dem Stundenplan.

Valentina atmet tief durch und wischt sich eine verschwitzte Strähne aus der Stirn, während Dino den Schweif leicht nach links und rechts bewegt. Reiten ist immer auch Sport, und der RV Gut Hanbruch will mit dem Angebot natürlich Kinder für diesen Sport im Allgemeinen und im Verein im Speziellen bewegen, wenn diese Trab und Galopp kennenlernen. „Wir erreichen Kinder, mit denen wir sonst nicht in Kontakt gekommen wären, und die sonst wohl auch nie mit Pferden in Kontakt kommen würden“, sagt Schneider. Und aus den ersten Schülern sind auf diesem Wege Mitglieder geworden. Aktuell zählt Schneider 290, 90 sind unter 18 Jahren.

Dino und die Kinder ziehen weiter ihre Kreise. Nicht nur für die Reiterliche Vereinigung mag dies der richtige Weg sein. „Das ist eine wunderbare Geschichte“, sagt Elke Stenten. Die glücklichen Kinder im Sattel erzählen davon.

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