Wenn ein Konsumtempel Kunstort wird

Von: Kathrin Albrecht
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Tanzkunst trifft Kunstwerk: Das russische Do-Theatre gastierte im Rahmen von „Across the borders“ zwei Tage in Aachen – hier umgarnen die Tänzerinnen im Ludwig Forum Jeff Koons‘ Blumenstrauß. Foto: Andreas Steindl
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Ortswechsel: Im Aquis Plaza irritierten und begeisterten die russischen Tänzerinnen und Tänzer tags darauf Passanten. Foto: Andreas Schmitter
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Bequeme Kunst? Auch Gabriel Kuris Skulptur „Items in care of items“ wurde in die Tanzperformance eingebaut. Foto: Andreas Steindl

Aachen. So mancher Besucher des Ludwig Forums wird sich gewundert haben – ein junger Mann hatte es sich unter einem Teil von Gabriel Kuris Skulptur „Items in care of items“ bequem gemacht. Doch es gab schnell Entwarnung – die liegende Einlage war Teil des Programms „Two days in motion“, mit dem das Do-Theatre aus St. Petersburg im Rahmen des Kulturfestivals „Across the borders“ in Aachen gastierte.

Die Skulptur musste noch einiges mehr aushalten. Die Tänzer erklommen sie, rutschten wieder an ihr herunter, begleitet von Gitarrenmusik. Tänzerinnen mit breitkrempigen Hüten umtanzten Jeff Coons‘ Blumenstrauß und irrten durch den Mori-Wald des japanischen Künstlers Shigeo Toya. „Das Konzept ist, Kunst, Menschen und Orte in Bewegung zu bringen“, erklärt Evgeni Kozlov, der das Do-Theatre als Regisseur leitet und selbst im Ensemble mitwirkt.

Auch ein Chor gerät in Bewegung

Das schließt bei dieser Performance auch einen Chor mit ein: Der Chor Klangvoll mit Mitgliedern aus der Gesangswerkstatt Stimmwerk unter der Leitung von Eduardo Kwon beanspruchte nicht nur die Stimmbänder, sondern geriet auch selbst in Bewegung. „Für die Sänger ist das eine völlig neue Erfahrung. Aber wir möchten zeigen, dass Chormusik nicht nur etwas Statisches ist, sondern auch in Bewegung sein kann“, sagt Eduardo Kwon.

Vom relativ geschützten Kunstraum ging es beim zweiten Teil der Aufführung an einen Ort, der weniger mit Kunst zu tun hat: Im Aquis Plaza bot das Do-Theatre auf vier Etagen sein Programm dar. Der Auftakt vor einem Bekleidungsgeschäft im Erdgeschoss sorgte bei den Shoppenden für einige Verwirrung.

„Wieso stehen die hier alle Schlange?“, wundert sich eine Passantin. „Scheint irgendeine Bedeutung zu haben“, gibt ihr Begleiter zurück. Dann lüftet sich das Geheimnis: Im Schaufenster verwandeln sich die Tänzerinnen in Schaufensterpuppen, die sich erst ganz hölzern, dann aber immer fließender, zur Musik bewegen.

Die Kundschaft ist begeistert

In Bewegung kommt im Untergeschoss auch wieder der Chor Klangvoll: Zum Choral „Jesu meine Freude“ setzen sich die Sänger in Bewegung und fahren die Rolltreppe hoch und wieder herunter, bis sie sich zu den letzten Klängen in der Menge verlieren. Unter den Zuschauern ist auch Aquis-Plaza-Geschäftsführerin Kathrin Landsmann. Für die Idee, die Shopping-Mall zur Bühne zu machen, war sie sofort Feuer und Flamme: „Wir möchten nicht nur Shopping-Center sein, sondern eine Plattform für die Menschen, die hier leben.“

Auch die übrigen Gäste nehmen die Aufführung begeistert auf. Kurze Durchsagen leiten das Publikum in die richtige Etage, oft schauen gleich mehrere Etagen zu, wo es geht. Manche werden auch, etwas unfreiwillig, Teil der Aufführung, wenn sich die Tänzer unter die Zuschauer mischen. Eine Gruppe fällt auf, die jeder einen Stapel weißer, leerer Blätter im Arm tragen. Sie werden für das letzte Stück benötigt. Dann regnen sie aus dem Erd- in das Untergeschoss auf die Tänzer.

Künstlerische Herausforderung

„Das heute war ganz anders als gestern Abend, eine neue Herausforderung, weil man nicht weiß, wie das Publikum reagiert“, meint Evgeni Kozlov zum Abschluss. Das erste Mal, dass er in einem Kaufhaus auftritt, ist es allerdings nicht. Vor einigen Jahren präsentierte das Do-Theatre bei Sinn und Leffers ein Programm. „Dies ist größer, offener“, kommentiert Kozlov. Die letzten Takte sind verklungen, die Blätter eingesammelt. Innerhalb weniger Minuten wandelt sich das Aquiz Plaza von einem Kunstort wieder in ein Einkaufszentrum.

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