Wenn ein Gartenzwerg den rechten Arm hebt

Von: Thorsten Karbach
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Aachen. Ein kleiner Zwerg sorgt für riesiges Aufsehen. Der Frage, ob ein vergoldeter Gartenzwerg den rechten Arm zum Hitlergruß heben darf, mussten am Freitag Polizei und Ordnungsamt nachgehen, nachdem Passanten über die zwei goldenen, aber ganz und gar nicht goldigen Kerlchen mit dem gehobenen Arm im Schaufenster der Galerie Kunsthaus NRW in der Alexanderstraße stolperten.

Letztlich sollten die Zwerge umziehen - aus dem Schaufenster in den Hintergrund des Ausstellungsraumes. „Wir mussten die Menschen beruhigen”, erklärt Andrea Hüllenkremer für die Galerie. „Nachvollziehen können wir den Ärger nicht.”

Im Mittelpunkt endloser Diskussionen stehen eine ganze Reihe von Zwergen schon seit 2009. Denn da gestaltete der Künstler Professor Ottmar Hörl für eine Kunstaktion gegen Rechtsextremismus im belgischen Gent die provokanten Zipfelmützenträger. 100 waren es, ein paar goldene darunter. Hörl nennt sie Führungsoffiziere. Allesamt waren die Zwerge mit „poisened” unterschrieben - vergiftet heißt das und steht für das, was Hörl ausdrücken wollte. „Es geht mir um Opportunismus. In Belgien konnte man die Ironie verstehen”, sagt Hörl am Freitag gegenüber der AZ. In Aachen offensichtlich nicht.

Die Ausstellung in Gent trug den Titel „Dance with the devil” (Tanz mit dem Teufel), die Ironie Hörls wurde in Belgien gerühmt. Der Rest der Welt nahm den Zwergenaufstand aber erst zur Kenntnis, als in Nürnberg eine kleine Galerie einen der Zwerge ausstellte und es eine anonyme Anzeige gegen Hörl gab. Die Staatsanwalt Nürnberg/Fürth ermittelte, kam aber zu dem Ergebnis, dass „bei der Gesamtschau die Gegnerschaft zur Ideologie hinreichend deutlich wird”. In Stuttgart kam man später ebenso zu diesem Urteil. Und in Aachen erklärt Adolf Freh von der Polizei-Leitstelle: „Weil es eine Persiflage ist, hat es keine strafrechtlichen Konsequenzen. Wir werden es der Staatsanwaltschaft zur Kenntnis geben, damit auch sie es bewerten kann.” Von einem abweichenden Ergebnis sei aber nicht auszugehen.

Für Ottmar Hörl, geboren 1950 in Nauheim, werden die Aachener Zwerge demnach keine Folgen haben. In seinem Wertheimer Büro nahm er die Nachricht gelassen auf. „Ich kann jede Reaktion verstehen. Dafür mache ich die Arbeit doch, damit über Reaktion Kommunikation entsteht”, sagt er. Und Reaktionen hatte es überall gegeben, wo seine „Poisened”-Zwerge auftauchten. Sogar die damalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) wurde alarmiert und gab eine offizielle, durchaus kritische Stellungnahme ab. Hörl erinnert sich gern an diese Zeit und lacht: „Es ist zwar eine sehr politische Arbeit, die unter die Haut geht. Aber sie ist doch ein deutliches Mahnmal, um für eine bessere Welt zu kämpfen. Für diese Zwerge wäre ich 1933 erschossen worden.”

In aller Welt wurde nach der Anzeige über den Professor mit den Zwergen berichtet. Die New York Times widmete der Geschichte eine Doppelseite. Während dem Kunstprofessor und Präsidenten der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg der Rücktritt nahegelegt wurde, kauften jüdische Familien in New York und Antwerpen in großen Mengen Zwerge auf. Weil sie die „Darstellung der Herrenrasse als Gartenzwerge köstlich fanden”, so Hörl, kamen sie auf den Geschmack. Anfragen gebe es weiterhin.

Und es sind immer wieder Zwerge, die Hörl in Szene setzt. Er hat auch welche geschaffen, die den Mittelfinger recken. „Sponti-Zwerge” heißen sie. Nachdem die Bild-Zeitung titelte „Wir sind Papst”, erschuf er den betenden Zwerg Ben. „Zwerge sind eben ein bisschen blöd und lassen sich leicht instrumentalisieren”, sagt er. Hörls Arbeiten gehen aber über die Zwerge hinaus. Er hat 7000 Dürer-Hasen auf dem Nürnberger Hauptmarkt aufgebaut, 2010 dann 800 Luther-Figuren in Wittenberg und 300 Seelöwen in Mülheim an der Ruhr. Seine Arbeiten sind eben nicht zu übersehen. Auch wenn es sich um zwei kleine Zwerge handelt. Am gestreckten rechten Arm ist man nun auch in Aachen hängen geblieben.
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