Wenn die Plakette an der Tür Druck erzeugt

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Lernen nach Maß: Auf Einladung des Jugendamtselternbeirates diskutierten Publikum und Experten mit AZ-Redakteur Thorsten Karbach über Programme, Projekte und Zertifizierungen in Kitas. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Auch wenn wieder deutlich weniger Eltern als Erzieher und Erzieherinnen den Raum in der Käthe-Kollwitz-Schule füllten, traf das Thema doch den Nerv: „Wie viele Bildungsprogramme braucht ein Kindergarten eigentlich?“, fragte der Jugendamtselternbeirat – das Gremium vertritt die Eltern von Kindergartenkindern – bei seiner zweiten Podiumsdiskussion unter dem Titel „Lernen mit Spaß – Lernen nach Maß“.

Denn: Entenland, Zahlenland, Bewegungskindergarten, Haus der kleinen Forscher, Sprachförderung, Englisch – das Angebot an Bildungsprogrammen, Projekten und Zertifizierungen in Kindertagesstätten ist in den vergangenen Jahren immens gewachsen.

Mittlerweile wächst auch die Kritik daran, wie bei der von AZ-Redakteur Thorsten Karbach moderierten Diskussion schnell klar wurde. Karin Schmitt-Promny, Fachberaterin für den Kita-Bereich bei den Deutschen Paritätischen, sagte: „Die Bildungsprogramme wollen Gutes bewirken, das überzeugt mich aber nicht.“ Vielmehr erzeuge die Plakette an der Tür einer Einrichtung enormen Druck auf andere. „Wir sollten weg von den Zertifizierungen hin zu einer ganzheitlichen Umsetzung der Programminhalte in allen Einrichtungen.“

Auch Kinderärztin Dr. Gabriele Trost-Brinkhues plädierte für einen ganzheitlichen Blick auf das Kind, ohne dabei Bildungsprogramme per se abzulehnen. Aber: „Ohne emotionale Bindung kommt kein Programm bei den Kindern an.“ Kritisch sieht sie auch den Trend, dass Einrichtungen ohne Zertifizierung weniger Geld bekommen.

Monika Mangen, Sozialpädagogin und Fortbildnerin, verschärfte den Ton noch gegen die „Verplanung von Kindern“. Genormte Lernvorlagen schlössen den Alltag aus. Sie sorge sich um die Entwicklung der kleinen Menschen und um die Gesundheit der Erzieher. „Kinder sollen von Eltern und Erzieherinnen verantwortungsvoll begleitet ihren eigenen Weg finden. Muss ich dafür mit einer Entenschürze durch den Kindergarten hüpfen?“, rief sie und erntete dafür johlenden Applaus von zahlreichen Erziehern und Erzieherinnen.

Denn der gesellschaftliche Druck auf pädagogisches Personal, sich immer während in neuen Bildungsprogrammen fortzubilden, erzeugt spürbaren Unmut. „Ich muss ein Kind beobachten, analysieren, um es da abzuholen, wo es steht. Programme halten mich von meiner eigentlichen Arbeit ab“, hieß es im Plenum. Doch in etwa gleich großer Menge waren die Befürworter von Bildungsprogrammen vertreten – vorausgesetzt sie würden nicht in Laborsituationen umgesetzt, sondern in den Kita-Alltag integriert. Mit diesem Ansatz sehen sie sich auch gar nicht so weit weg von den Kritikern. „Programme sind immer nur Hilfsmittel“, meinte Siegfried Wartenberg, Leiter des Familienzentrums Johanniterstraße. Seine Einrichtung wird als Bewegungskindergarten zertifiziert und bietet mathematische Frühförderung durch Enten- und Zahlenland an. „Programme stärken das Bewusstsein für die Methodik.“

Irmgard Geupel, Trainerin der Stiftung „Haus der kleinen Forscher“, sagte: „Wir wollen die Erzieher und Erzieherinnen befähigen, ohne Angst gemeinsam mit den Kindern genauer auf naturwissenschaftliche Phänomene zu schauen. Forschen ist immer ein ganzheitlicher Prozess.“ Bestätigt werden beide von Vertretern aus dem Plenum: „Programme sind eine Inspiration für die Umsetzung im Alltag“, sagte eine Erzieherin. Wenn es ohne Plakette ginge, wären aber viele erleichtert, denn: „Das erzeugt schon Konkurrenzdruck unter den Kitas, denn die Eltern fragen danach.“ Jede Zertifizierung koste zudem viele Personalressourcen.

Die Diskussion machte auch Bürgermeisterin Hilde Scheidt nachdenklich. „Ich habe Vertrauen in die hohe Betreuungsqualität unserer Kindertagesstätten. Aber vielleicht sollten wir jetzt den Wert von Bildungsprogrammen mal kritisch begutachten, nach Evaluationen fragen. Ich plädiere für einen Runden Tisch mit Vertretern der Verwaltung, der Politik, Eltern und Erziehern.“

Der Jugendamtselternbeirat will weiter diskutieren. Dafür startet er in Kürze ein Forum auf seiner Internetseite jaeb-aachen.de.

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