Aachen - Wenn die „Gesundheitstonne” zur Gesundheitsfalle wird

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Wenn die „Gesundheitstonne” zur Gesundheitsfalle wird

Von: Stephan Mohne
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Es ist noch nicht lange her, da hat die Stadt mit Millionenaufwand neue Mülltonnen angeschafft. Die alten Eimer landeten im Schredder. Was folgte, waren Chaos und Ärger, als es an den Austausch der Tonnen ging.

Der Grund für das Ganze: Eine EU-Vorschrift, die Müllwerker besser schützen soll. Genauer gesagt: ihre Gesundheit. Laut der „Lastenhandhabungsverordnung” haben die neuen Tonnen Räder, werden direkt an die Schüttung der Müllfahrzeuge gerollt und von der Maschine angehoben.

Außerdem sind sie deutlich höher. Man muss sich also nicht mehr bücken, um sie hochzuwuchten. Vor diesem Hintergrund hat es mehreren AZ-Lesern, die sich meldeten, fast die Sprache verschlagen. Sie beobachteten Szenen, in denen die „Gesundheitstonnen” zur Gesundheitsfalle umfunktioniert wurden - von den Müllwerkern selbst.

Diese wenden nämlich offenbar nicht selten folgende Methode an: Statt mit dem Müllwagen von Haus zu Haus zu fahren, wird ein großer 1100-Liter-Container die Straße rauf und runter gerollt. In diesem werden dann die Mülltonnen ausgekippt - natürlich von Hand und sogar über Kopfhöhe. Ein Anwohner schildert gar, dass ein Mitarbeiter in den Container geklettert sei, um den Inhalt mit den Füßen zu „verdichten”. Auf dass mehr hineinpasse.

Franz Narloch, Leiter des zuständigen Aachener Stadtbetriebs, redet nicht lange um den heißen Brei herum. Vielmehr macht ihn diese Schilderung fuchsteufelswild: „Ich kann das nur bestätigen. Das kommt leider immer wieder vor”, ärgert er sich. Und zwar insbesondere im innerstädtischen Bereich mit Vollservice-Dienstleistung und Akkordbetrieb.

Auf diese Weise versuchten die Mitarbeiter, Zeit zu sparen. Das allerdings sei strikt untersagt. Narloch: „Wir warnen die Mitarbeiter ein ums andere Mal. Trotzdem wird es immer wieder gemacht.” Sogar mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen drohe die Betriebsleitung - von der Abmahnung bis hin zur „Entfernung” der Uneinsichtigen aus dem Abfuhrdienst.

Auch die Vorarbeiter liefen Gefahr, herabgestuft zu werden, wenn in ihrer Kolonne derart gehandelt werde. Dass bei dieser Art der Abfuhr bisweilen Abfall auf der Straße landet, ist ärgerlich. Viel schwerwiegender ist aber - siehe oben - die Sache mit dem Gesundheitsschutz. Diese Vorgänge verstoßen laut Narloch krass gegen die Unfallverhütungsvorschriften. Das könne böse gesundheitliche Folgen haben.

Und eines geht dem Chef nicht in den Sinn: „Wenn im Tarifpoker immer wieder über die Arbeitsüberlastung gestöhnt wird und sich die Leute dann die Arbeit unnötig selbst schwer machen, kann ich das überhaupt nicht mehr begreifen.” Die neuerlichen Meldungen will Franz Narloch einmal mehr zum Anlass nehmen, „alle zusammenzutrommeln und sie eindringlich zu warnen”.

60.000 neue Tonnen

60.000 neuen Mülltonnen musste die Stadt kaufen. Kosten: 1,3 Millionen Euro. Das war vor genau zwei Jahren. Die 60- und 120-Liter-Tonnen mit Rollen und Mindesthöhe von 90 Zentimetern ersetzten die alten 35-, 50- und 110-Liter-Rundtonnen. Nötig geworden war das wegen einer EU-Vorschrift, mit der die Gesundheit der Müllwerker besser geschützt werden sollte.

Nachdem die Tonnen ausgetauscht waren, gab es mächtig Ärger. Tausende stellten Änderungsanträge bezüglich der Tonnengrößen und des Leerungsrhythmus´. Ganz abgesehen von den Beschwerden über falsch oder gar nicht gelieferte Tonnen. Schließlich gab es noch Wirbel um die Gebühren. Hunderte Bescheide waren wegen eines Softwareproblems falsch.

Anschließend konnte sich mancher Müllwerker wiederum gar nicht mit den neuen Tonnen anfreunden. Wurden früher zwei Rundtonnen in die Hüften gestemmt und aus den Kellern getragen, so konnte man nun nur noch eine nehmen. Im Akkordbetrieb ein enormer Zeitverlust.

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