Wenn die Aseag-Busse zu rollenden Thermometern werden

Von: Amien Idries
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Die Sonde und das Gefährt: Timo Sachsen vom Geographischen Institut präsentiert das Messgerät, das von Aseag-Bussen durch die Stadt gefahren wird und die Temperaturen im Stadtgebiet erfasst. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Zunächst gibt es Entwarnung: Nein, die Aseag hat sich nicht von Google für das Angebot „Streetview” instrumentalisieren lassen. Die 20 Zentimeter hohen Geräte, die in den kommenden Monaten von den Linien 2, 7, 11 und 45 durch die Stadt kutschiert werden, dienen vielmehr der Wissenschaft.

Mit ihrer Hilfe soll die räumliche Temperaturverteilung in Aachen erfasst werden. Die „Bus-Thermometer” rollen im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojektes „City 2020+” durch die Stadt und erfassen von vier Uhr morgens bis Mitternacht alle fünf Sekunden die Temperatur.

„Wir untersuchen den Einfluss der demographischen Entwicklung und des Klimawandels auf Großstädte”, erklärt Professor Christoph Schmidt vom beteiligten Geographischen Institut der RWTH Aachen bei der Vorstellung des Projekts. City 2020+ ist Teil des Projekthauses „Humtec”, das durch die Exzellenzinitiative gefördert wird und in dem Forscher verschiedener Fachrichtungen gemeinsam Antworten auf globale Herausforderungen finden sollen.

„Dass es zwischen Städten und dem Umland besonders nachts hohe Temperaturunterschiede gibt, ist hinlänglich bekannt”, sagt Schneider. Über die Differenzen innerhalb der Städte und dem Zusammenspiel von Temperatur und anderen Faktoren, wie beispielsweise Bebauungsdichte oder Grad der Versiegelung, wisse man allerdings wenig.

Genau dieses Detailwissen sei aber vor dem Hintergrund der immer älter werdenden Gesellschaft und den steigenden Temperaturen geradezu lebenswichtig. „Der Hitzewelle im Jahr 2003 fielen in Europa 30000 bis 40000 Menschen zum Opfer”, erläutert der Geograph den ernsten Hintergrund. Besonders alte Menschen in Städten seien gefährdet. Deshalb seien die Forschungsergebnisse weit über die Aachener Stadtgrenzen hinaus relevant.

„Entlang der ausgewählten Buslinien, die einen Großteil des Aachener Stadtgebiets abdecken, haben wir Punkte definiert, die viele verschiedene städtebauliche Konstellationen abdecken”, verdeutlicht Geographin Mareike Buttstädt das Vorgehen. Diesen Punkten werden mithilfe integrierter GPS-Sender die gemessenen Temperaturen zugeordnet.

Besonders pfiffig war die Idee der Forscher, die Aseag mit ins Boot zu holen. „Normalerweise müsste man für dieses Projekt eigens Messfahrzeuge anschaffen und Personal einstellen”, sagt Schneider. Beides hat die Aseag, die sich schnell vom Projekt überzeugen ließ. Die Messgeräte, die am Geographischen Institut unter anderem von Timo Sachsen entwickelt wurden, werden vor Fahrtbeginn in die Halterungen gesteckt, an denen zu festlichen Anlässen Fähnchen flattern. Das war´s. Werkstattleiter Uwe Beitzel: „Für uns ist es ein geringer Aufwand und wir sehen den großen Nutzen, zu dem wir gerne unseren Beitrag leisten.”

Apropos Nutzen. Der ist nach Angabe der Forscher vielfältig. So ließen sich durch die Messungen sogenannte „Hot Spots” identifizieren, Stellen also, wo es zu Wärmestau kommt. Schneider: „Tagsüber nimmt die Bebauung in der Stadt Wärme auf, die über Nacht wieder abgegeben wird.” Diese Stellen sollten durch Stadtplanung entschärft oder zumindest nicht weiter verschärft werden. Dazu sei es wichtig Schneisen, die der Stadt kühle Luft zuführen, freizuhalten.

Außerdem würden die Aachener Daten in ein Stadtklimamodell des Deutschen Wetterdienstes eingespeist. Aus diesem soll in Zukunft der genaue statistische Zusammenhang von Bebauung und Temperatur ablesbar sein. „Es gibt keine mitteleuropäische Stadt, von der es so viele Messwerte gibt”, betont Schneider die Bedeutung.

Die Fülle der Messwerte ist auf die veranschlagte Dauer zurückzuführen. „Die Messungen haben bereits im März begonnen und werden mindestens ein Jahr dauern”, erläutert Buttstädt.

Spätestens zum Karlspreis 2011 sollten die Halterungen an den Busen also wieder für die Fähnchen frei sein.
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