Aachen - Wenn der verwirrte Vater in die Schule will

Wenn der verwirrte Vater in die Schule will

Von: Hanna Sturm
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Erzählt von seinen Erfahrunge
Erzählt von seinen Erfahrungen mit dem an Demenz erkrankten Vater: Schauspieler Martin Päthel.

Aachen. Im Alter dreht sich das Verhältnis von Eltern und Kindern auf den Kopf: Auf einmal ist die ältere Generation pflegebedürftig, braucht Hilfe beim Waschen, Anziehen und dem Gang zur Toilette.

Auch Martin Päthels Vater hatte zunächst nur „Vergesslichkeit wie einen Schnupfen”, als die Krebsoperation der Mutter ihn „mit Wucht in die Demenz katapultierte”.

Päthel ist Schauspieler am Theater K und fährt seit zwei Jahren jede Woche knapp 300 Kilometer nach Osnabrück, um einige Tage bei seinen Eltern zu wohnen, den Vater und die pflegebedürftige Mutter zu versorgen. Nach einiger Zeit hat er begonnen, sich Erlebnisse von der Seele zu schreiben. Bei einer Lesung im Theater K präsentiert er die Sammlung bruchstückhafter Episoden mit dem Titel „Das Glück ist ein Aas”.

Es ist eine Situation, wie sie immer mehr Familien erleben: Alleine kommen die Eltern nicht mehr zurecht, das Pflegeheim soll ihnen aber erspart werden. In drastischen Worten schildert Päthel seine Gefühle, verschweigt nicht die Wut, wenn der Vater zum dritten Mal in einer Nacht in langwierigen Diskussionen davon überzeugt werden muss, dass er jetzt nicht in die Schule gehen muss. Auch nicht seinen Ekel beim Windeln wechseln, oder die anschließende Scham, wenn er seine Gefühle nicht im Griff halten konnte.

Wütend ist Päthel auch auf Beschwichtigungsversuche wie „die können doch nichts dafür”, oder pauschale Aussagen, dass alte Menschen eben wieder zu Kindern würden. „Alt werden hat nichts mit Kindheit zu tun”, betont Päthel. Kindheit, das heiße ständig etwas Neues entdecken und lernen, das sei abwechslungsreich und erhebend. „Gedächtnisverlust dagegen ist erbärmlich und stupide.” Doch seine Texte sind auch sehr positiv, amüsante Anekdoten und Glücksmomente, Momente der Nähe zwischen Eltern und Sohn.

Durch die Krankheit des Vaters haben sich für ihn auch neue Sichtweisen auf die Gesellschaft ergeben: Demenz sei nicht nur eine Krankheit, sondern geradezu ein gesellschaftliches Prinzip geworden. „Gedankenloses Zeug daherquatschen, ohne irgendwann einmal für sein Tun verantwortlich gemacht zu werden”, wie er es etwa Bankern oder Politikern attestiert, das sei Demenz in reinster Form.
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