Wenn der eigene Körper zum Schlagzeug wird

Von: Katharina Menne
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Innovation am Schlagzeug: Harald Ingenhag erkundet neue Rhythmuswelten. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Wenn Harald Ingenhag so richtig loslegt, gibt es kein Halten mehr. Er schnipst und stampft und trommelt auf seiner Brust und seinen Oberschenkeln und erzeugt damit mitreißende Rhythmen. Body Percussion nennt sich das.

Der eigene Körper wird dabei zum Schlagzeug. Doch ganz so einfach, wie es vielleicht im ersten Moment klingt, ist es nicht. Es erfordert eine gehörige Portion Koordinations- und Konzentrationsfähigkeit. Für den 51-jährigen Schlagzeuger, Komponisten und Musikpädagogen aus Aachen ist es eine echte Schlagzeugalternative.

Mittlerweile hatte er sogar schon Soloauftritte als Body Percussionist auf verschiedenen Bühnen in Aachen, Köln und Brüssel und hat mit anderen Musikern zusammen selbstkomponierte Stücke eingespielt. Was ihn an dieser Art der Klangerzeugung so fasziniert und was er damit noch so alles vorhat, verrät er im Samstagsinterview.

Hört man, dass jemand auf seiner Brust herumtrommelt, denken viele vielleicht als erstes an Gesten von Affen. Wurden Sie schon einmal mit derartigen Vorurteilen konfrontiert?

Ingenhag: Ich muss sagen, dass ich bisher noch nie mit verächtlichen Kommentaren oder Vorwürfen zu tun hatte. Ein einziges Mal habe ich mal jemanden im Publikum lachen hören, als ich auf der Bühne stand, aber meistens überwiegt die Faszination im Publikum. Das Witzigste, was mal jemand zu mir gesagt hat, als ich ihm ein Video von mir gezeigt habe, war: „Wie, du schlägst dich selbst?“

Für mich ist Body Percussion eine sehr ausgeklügelte Kunstform. Von der rhythmischen Seite her ist alles möglich, was auch mit einem normalen Schlagzeug möglich ist. Nur dass es andere Klänge sind, irritiert die Leute im ersten Moment manchmal. Da muss man sich dann anhören, dass es nicht klingt oder irgendwie albern sei. Aber in der Regel beobachte ich eher das Gegenteil, nämlich ein stetig steigendes Interesse an Body Percussion.

Inwiefern?

Ingenhag: In meinen Kursen für Erwachsene, die ich jetzt seit einigen Jahren immer wieder anbiete, gibt es Leute, die zum Beispiel nie ein Instrument gespielt haben. Die sehen Body Percussion als Möglichkeit, sich auch ohne Vorkenntnisse musikalisch-rhythmisch zu betätigen. Auch die Kombination mit sogenannten Circle Songs, das heißt die Verbindung mit einer zusätzlichen gesanglichen Komponente, kommt sehr gut an. Das ist ganz erstaunlich, was man da für Klänge und Rhythmen gemeinsam erzeugen kann. Und dann wächst natürlich auch die professionelle Body Percussion Gemeinde, die sich im Internet und bei Workshops in der ganzen Welt vernetzt, stetig.

Wie sind Sie denn überhaupt auf Body Percussion aufmerksam geworden?

Ingenhag: Ich habe das durch Zufall im Internet entdeckt. Ich weiß gar nicht mehr genau wie. Auf jeden Fall bin ich vor etwa neun Jahren auf das Youtube-Video von Pedro Consorte, einem Brasilianer, gestoßen, der tolle Samba-Rhythmen mittels Body Percussion erzeugt. Das beginnt mit Brustschlägen, dann nimmt er die Füße dazu und zuletzt macht er sogar noch Geräusche mit dem Mund. Das sind drei Ebenen – das hat mich fasziniert. Denn auf sich selbst herumzutrommeln, das macht man als Schlagzeuger viel, aber das Video war die Initialzündung dafür, das Getrommel mal zu systematisieren.

Wie Sie eben sagten, veranstalten Sie mittlerweile auch zahlreiche Workshops für Kinder und Erwachsene. Wie führen Sie die denn an diese komplexen Rhythmen heran?

Ingenhag: Wir fangen natürlich ganz einfach an – mit Klatschen und Schnipsen und einer Ebene. Die Füße bleiben zu Beginn ganz weg. Und wenn das dann alle zusammen machen, klingt das schon viel voller und auch durchaus beeindruckend. Das steigern wir dann langsam. Ich teste dann aus, was klappt und was nicht. Mit Kindern überlege ich mir meist rhythmische Begleitungen oder gar Choreographien zu Kinderliedern, mit Erwachsenen zu Popsongs wie „Billie Jean“.

Wenn sie die Lieder kennen, sind sie direkt Feuer und Flamme. Aber besonders mit Kindern muss man natürlich auch sehr unterschwellig arbeiten, sie bei Laune halten und gegen das alte Disziplinproblem ankämpfen. Auf jeden Fall verlieren aber alle immer ganz schnell ihre Hemmungen – das ist sehr schön und natürlich auch wichtig, um sich überhaupt darauf einlassen zu können.

Wie muss man sich denn Ihre professionelle Form der Body Percussion vorstellen?

Ingenhag: Also ich nutze sechs verschiedene Klänge, die ich dann auch miteinander kombiniere: ein hoher Klatschton, ein tiefer Klatschton, Schläge auf Brustkorb und Oberschenkel, Schnipsen und Stampfen. Das braucht sehr viel Übung, aber nach den neun Jahren, die ich das jetzt schon mache, habe ich das immer weiter verfeinert und perfektioniert. Das hat dann schon Züge von einem Schlagzeug. Ich nehme das auch auf, lege verschiedene Spuren übereinander – bisweilen mit Gesang – und diese Skizzen oder Entwürfe schicke ich an andere Musiker, weil ich sie dafür interessieren und begeistern möchte. Daraus hat sich inzwischen auch eine vielversprechende Zusammenarbeit ergeben.

Was ist denn Ihre Motivation dahinter, auch andere Musiker für Body Percussion gewinnen zu wollen?

Ingenhag: Weil es neu ist, weil es frisch ist und weil es toll klingt. Und wenn die das dann auch toll finden, kommt es im besten Fall zur Zusammenarbeit: zu Produktionen oder auch Auftritten. Ich habe es auch live schon erprobt, zum Beispiel in der Klangbrücke hier in Aachen im letzten November. Und es war echt ein Highlight für mich, denn so oft hatte ich leider noch nicht die Möglichkeit live zu performen. Die Leute haben sehr gebannt zugehört und nach der Nummer brandete ein riesiger Applaus auf. Das hat mich natürlich sehr beflügelt und ermutigt.

Wo kann es denn in Zukunft noch so hingehen?

Ingenhag: Ich habe definitiv noch viel damit vor. Es ist auf jeden Fall ein Traum von mir, auch mal ein Soloprogramm auf die Beine zu stellen – allerdings nicht nur mit Body Percussion. Es gibt soweit ich weiß keinen Künstler auf der Welt, der sich auf eine Bühne stellt und nur Body Percussion macht. Das ist ja auch bei Schlagzeugern eher sehr selten. Es trägt einfach nicht über eineinhalb Stunden – das ist zu wenig. Wenn ich aber Body Percussion verbinde mit Gesang oder technischen Hilfsmitteln und zum Beispiel das Publikum einbeziehe, dann kann das eine tolle Show werden. Eine andere Sache, die ich auch schon mache und die mich sehr reizt, ist die Zusammenarbeit mit anderen Musikern. Ein Projekt läuft auch gerade, das findet man zum Beispiel auf Youtube.

Wie sind da so die Reaktionen drauf?

Ingenhag: Viele sagen, dass das richtig cool klingt. Ich habe auch noch nicht gehört, dass da jetzt jemand lieber ein Schlagzeug hätte. Das ist das Tolle: Man vermisst nichts, sondern man horcht eher auf und denkt sich: Wow, das klingt gut. Ich kann Ihnen das gerne mal zeigen.

Wow, das klingt echt gut. Sehr relaxt und ganz anders, als man zuerst erwarten würde.

Ingenhag: Das höre ich öfter (lacht).

Wie lebt es sich denn so als experimenteller Musiker in Aachen?

Ingenhag: Tja, geht so. Ich hadere mit Aachen seit vielen Jahren. Ich weiß der Stadt natürlich auch viel abzugewinnen, aber musikalisch gesehen ist es manchmal schwierig. Ich schiele schon lange eher nach Köln oder Berlin, aber ich habe hier auch meine Verpflichtungen und kann nicht so einfach weg. Als Forum für Jazz muss ich hier in Aachen allerdings das Dumont lobend erwähnen. Das ist eine tolle Plattform für aktuelle Musik. Aber weil das, was ich hier mache, auf dem Niveau in der Region weit und breit keiner macht, wundert es mich schon, dass mir nicht mehr Interesse entgegenschlägt. Es ist ja doch etwas Besonderes. Allerdings bin ich zuversichtlich, dass das mehr und mehr beachtet werden wird und dass ich auch hier in Aachen spannende Projekte machen kann. An Ideen mangelt es mir jedenfalls nicht.

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