Wenn das Geld für Arbeitsschuhe und Blaumann fehlt

Von: Thorsten Karbach
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Aachen. Wenn Marco mit der Flex die Funken sprühen lässt, dann funkeln seine Augen. Wenn Marco Kabel verlegt, dann arbeitet er schnell, konzentriert und präzise. Dabei ist Marco erst 14. Er besucht die Förderschule am Kurbrunnen und macht ein Berufspraktikum bei einem Anlagenbauer.

„Es macht Spaß”, sagt er, und er müsste es nicht einmal sagen. Man sieht ihm die Freude an. Doch beinahe wäre es gar nicht soweit gekommen. Denn Marcos Vater Wilhelm Greven fehlten für das Praktikum 70 Euro. Auf der Baustelle braucht Marco Blaumann und Arbeitsschuhe. Die haben ihren Preis. Und der war für den alleinerziehenden Hartz-IV-Empfänger zu hoch.

37 Jahre hat Greven gearbeitet, der Bauschlosser und Kunstschmied war leitender Monteur auf vielen Baustellen, da hat ihn der kleine Marco manchmal begleitet. Nun ist Greven 56, ein Alter, in dem er beruflich in der Sackgasse steckt. Dafür schaut er umso stolzer, wenn morgens der Sohn zur Baustelle fährt - im Blaumann, aus dessen Tasche der Zollstock schaut, und mit Sicherheitsschuhen.

Die 70 Euro hat sich Greven von einem Freund leihen müssen. Er hatte einen Antrag bei der Arge gestellt, ob die Bekleidung finanziert werden könne. Den Brief mit der Ablehnung hat er in der Hand. Er müsse die Kleidung mit seinen Hartz-IV-Zuwendungen bezahlen, ist da zu lesen. Außerdem bekomme er eine „Schulmittelbeihilfe”. Das stimmt natürlich, aber die ist so berechnet, dass sie für Bücher, Stifte und Hefte reicht. „Soll ich meinem Sohn stattdessen keine Bücher mehr kaufen? Das ist lächerlich”, sagt Greven.

Es ist aber so. Das weiß auch der Leiter der Schule am Kurbrunnen Lutz Pirnay. Arbeitskleidung für Berufspraktikanten ist in den Hartz-IV-Gesetzen nicht vorgesehen. Ein Schüler würde gerne im Gartenbau arbeiten. Es scheitert an Gummistiefeln. Pirnay könnte die Liste fortführen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Förderschüler aus sozial schwachen Verhältnissen kommen.

Aber gerade für Förderschüler, deren berufliche Perspektive begrenzt ist, ist Arbeit im Handwerk gleichermaßen möglich wie erfüllend. „Das darf nicht am Geld scheitern”, sagt Pirnay. Marcos geschickte Hände sind der Beweis. „Der Junge soll keine Regale einräumen müssen”, sagt sein Vater. Ein Praktikum in einem Supermarkt ist oftmals die einzige Alternative. Dort werden Kittel gestellt.

„Berufspraktika sind für die Entwicklung dieser Kinder von enormer Bedeutung”, erklärt Pirnay. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Frustrationstoleranz sind Eigenschaften, die die Kinder dabei erfahren. Deswegen haben die Schüler der Oberstufe (8. bis 10. Klasse) an Aachens Förderschulen einmal die Woche Praktikumstag. Dazu kommen Blockpraktika. 80 Tage verbringen sie während der Oberstufe in Betrieben. „So lernen sie auch, sich selber besser einzuschätzen”, sagt Martina Oswald.

Sie ist an der Schule Marcos Betreuerin. Auch sie sieht seine Begeisterung bei der Arbeit. Erfolgserlebnisse seien wichtig, sagt sie. Und Wilhelm Greven nickt. Seit zwei Jahren unterrichtet der Vater ehrenamtlich an der Schule Technik. Er schweißt mit den Kindern, graviert Gläser. „Das kann kein Lehrer”, sagt Pirnay. Aber Schüler wie Marco haben es bei Wilhelm Greven gelernt -Êund wollen es zeigen. Und das dürfe niemals an einem Paar Schuhen scheitern.
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