Aachen - Wenn auf der Bühne das eigene Leben spielt

Wenn auf der Bühne das eigene Leben spielt

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
5326700.jpg
Über den Weg der Schüler nach Aachen einen Zugang zum Theater finden: Georg und die anderen Schüler der neunten und zehnten Klasse der Gemeinschaftshauptschule Burtscheid erarbeiten im Mörgens das Thema das Stückes „Deportation Cast“. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Alles nur Theater! Ganz bestimmt nicht. Wenn Mira Loos mit Kofi, Martyna, Michelle und den anderen über Björn Bickers Stück „Deportation Cast“ spricht, dann geht es um weit mehr.

Die Theaterpädagogin spricht die Lebenswirklichkeit der Burtscheider Hauptschüler an. Auf der Probebühne des Theaters Aachen, dem Mörgens, dringt sie vor in die Geschichten der Schüler, lässt sie auf einer großen Karte den Weg ihrer Familien kreuz und quer durch die halbe Welt aufzeichnen. Vom Iran über Norwegen nach Aachen.

Von Polen über München nach Aachen. Aus Afrika. Aus Russland. In Aachen haben sich alle getroffen. Im Mörgens werden sie bald ein Theaterstück verfolgen, das von einer Familie erzählt, die aus dem Kosovo nach Deutschland kommt. Und wieder abgeschoben wird. Bickers „Deportation Cast“ ist aufwühlend. Die Schüler sind gespannt.

Seit 2009 gibt es eine offizielle Partnerschaft zwischen dem Theater Aachen und der Gemeinschaftshauptschule Burtscheid. Im April 2013 zählt Theaterpädagogin Loos mehr als 600 Schulklassen, mit denen sie zusammenarbeitet. In Aachen und der Städteregion hat das Theater Aachen mit seinem Spielplan nahezu alle Schulen erreicht. Der Radius der Besucher wird größer und größer gezogen. Loos berichtet von Schulen aus Bonn und Köln, sogar aus Brüssel und Amsterdam, die das Theater Aachen entdecken. „Das ist grandios, ein tolles Ergebnis“, sagt Ursula Schelhaas, Pressesprecherin des Theaters Aachen.

Durch „Verrücktes Blut“ gelockt

Allein „Verrücktes Blut“ (ein Stück von Nurkan Erpulat und Jens Hillje, frei nach dem Film „La Journée de la Jupe“ von Jean-Paul Lilienfeld) besuchten in der laufenden Spielzeit 40 Klassen. „Da fühlen sich die Schüler alle in ihrer Lebenswirklichkeit angesprochen. Sie sind total angefixt“, berichtet Loos von dem Stück, in dem sich Schüler mit Schillers „Räuber“ beschäftigen müssen. Für andere Schulen öffnete sich mit Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ die Theatertüre – und dies dann nicht zum letzten Mal.

„Mit Tschick können sich die Jugendlichen identifizieren und haben gleichzeitig großen Spaß an der Inszenierung“, erklärt die Theaterpädagogin. Und so wurden immer wieder neue Aufführungstermine auf den Spielplan gesetzt. Normalerweise werden Aufführungen im Mörgens im Spielplan zwölf Mal fest disponiert. Mittlerweile wurde „Tschick“, diese romantische Irrfahrt des Russlanddeutschen Tschick und des wohlstandsverwahrlosten Maik, 39 Mal gespielt. Fortsetzung folgt. „Das ist eine wahnsinnige Erfolgsgeschichte“, kommentiert dies Schelhaas.

„Eigentlich ist es super schwer, Jugendliche fürs Theater zu begeistern. Aber wir haben einen so großartigen Spielplan, dass es uns recht leicht fällt“, sagt Loos. „Das Theater Aachen steht besser da als je zuvor“, haben Kulturdezernent Wolfgang Rombey, Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck und Verwaltungsdirektor Udo Rüber zuletzt einhellig festgestellt. Die Besucherzahlen sind bestens.

Die Hauptschüler aus Burtscheid sind ein gutes Beispiel, wie das Theater Aachen dabei die Jugendlichen erreicht. „Theater war für sie anfangs mit einem großen Fragezeichen verbunden. Doch die Hemmungen sind schnell verschwunden“, erzählt Lehrerin Barbara van Reth. Und letztlich haben sich die Schüler auch bewusst für die 14-tägigen Theaterbesuche entschieden. Als „Literatur/Theater“ steht der Kurs als sogenanntes Wahlpflichtfach auf dem Stundenplan.

Kein Kinderspiel

Es ist alles andere als ein Kinderspiel, das Theater so kennenzulernen. Auch wenn gerade das „Hi-Ha-Ho-Spiel“ abläuft, bei dem die Schüler die entsprechenden Silben rufen und dazu die Arme bewegen. Lockerheit ist wichtig, wenn ernste Themen aufgegriffen werden. Wenn die Schüler ihre Lebenswege auf der Europakarte einzeichnen, dann lernen sie nicht nur das Theater, sondern vor allem sich selbst kennen. Und damit auch die traurigen Kapitel ihres Lebens.

„Es ist wichtig, dass wir dabei eine gesunde Distanz beibehalten. Wir wollen hier nicht exhibitionistisch agieren, sondern die Schüler zum Dialog anregen“, sagt Loos. Und je näher den Schülern ein Stück wie „Deportation Cast“ gebracht wird, je enger es mit ihrem eigenen Leben verknüpft wird, umso größer ist die Lust, es dann auch auf der Bühne zu erleben. So war es für die fünf Burtscheider Hauptschüler auch schon bei „Verrücktes Blut“.

Nicht immer ist die Lust auf Theater derart groß. Es kommt eben immer auf den Zugang an. Und da gibt es in der Regel zwei Wege: den freiwilligen und den von Lehrern erzwungenen. Aktuelle Produktionen wie Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ (im Großen Haus, bestens besucht) und Goethes „Iphigenie auf Tauris“ (im Mörgens, auch wiederholt ausverkauft) stehen auf den Lehrplänen der gymnasialen Oberstufen.

Zig Deutsch-Leistungskurse aus der Region sitzen in den Aufführungen. Nicht alle Schüler freiwillig. Aber so ist das eben. Für Theaterpädagogin Loos ist die Begeisterung der Besucher vor allem eine Frage der Vorbereitung: „Es macht einen Unterschied, ob die Vor- und Nachbereitung in der Schule mit dem Lehrer oder im Theater stattfindet. Im Theater verliert eine Klasse ihre klassischen Strukturen. Die Theaterluft gibt einen anderen Zugang, versprüht Lust auf mehr“, sagt sie. „Dann haben auch die Schüler Bock auf Theater.“

Die Burtscheider Hauptschüler sprechen mittlerweile in einer Art Speed-Dating im schnellen Wechsel über sich und ihre Lebenswege. So wird das Mörgens zu ihrer Bühne. Sie haben auch schon ein wenig selber gespielt. Viel Theater musste Mira Loos dafür gar nicht machen. 

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert