Wen legt die Werbung aufs Kreuz, wer steht wie da?

Von: Robert Esser und Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
Der Blick des Experten: FH-Pro
Der Blick des Experten: FH-Professor Christoph Scheller analysiert nach sechs Wochen plakativem Wahlkampf die Qualität der Motive aus der Sicht des Designers. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Es ist schon ein Kreuz mit der Wahlwerbung. So der so. Maßgebliche Parteistrategen sehen ihre eigene Bilderflut mittlerweile nämlich durchaus kritisch. „Vielen wäre diesbezüglich ein Stillhalteabkommen in den Wochen vor der Wahl recht”, weiß Emanuel Richter.

Der Professor für Politische Wissenschaft an der RWTH Aachen kennt aber ebenso die Crux des Coups: „Darauf wird man sich parteiübergreifend nie einigen können.” Buchstäblich plakativ buhlen die Parteien also bis zuletzt um die Gunst der Wähler.

Mehr quantitativ als qualitativ eindrucksvoll - resümiert auch Professor Christoph Scheller. „Das ist einfach zu viel”, sagt er. Scheller ist Professor an der FH Aachen, sein Lehrgebiet ist Grafik-Design (Konzeption und Entwurf), sein Schwerpunkt: Kommunikation und Werbung. Der Mann weiß, wie gute (Werbe-)Plakate aussehen müssten. Und wie schlechte aussehen.

Was er seit sechs Wochen sieht, sind vor allem Gesichter. „Eigentlich ist das eine Personenwahl, mehr Personenwahl geht kaum mehr”, kritisiert Scheller, „nur die Grünen und die Linke sind da nicht konsequent.” Richter vermisst politische Botschaften: Vor 50 Jahren druckten Parteien noch ganze Wahlprogramme auf ihre Straßenposter.

Dann kam das Fernsehen; und mit ihm die Macht der Bilder, bis zum Straßenrand. „Es gab keine klaren politischen Botschaften in den Plakatserien, keine grundsätzlichen programmatischen Unterschiede - alles ist auf visuelle Wirkung ausgelegt”, analysiert der Politologe. „Ein Armutszeugnis; ziemlich fantasielos”, findet Richter.

„Schlecht gebastelt”

Dann geht Design-Dozent Scheller ins Detail. „Handwerklich berücksichtigten fast alle die Grundregeln der Plakatgestaltung”, erklärt der Experte. Fast alle. Denn da war dieses Großplakat, auf dem ein Junge mit roter Baseballkappe CDU-Spitzenkandidat Norbert Röttgen anschaut, der wiederum in die Kamera grinst - mit dem Slogan: „Politik aus der Sicht unserer Kinder”. „Das ist schlecht zusammengebastelt, leider auch ein unvorteilhaftes Bild von Röttgen”, meint Scheller. „Nicht nur die Kappe ist aufgesetzt.” Zumal es ein ähnliches SPD-Motiv mit Hannelore Kraft gab, die sich im Kreis einiger Kinder bewegt, sich zu ihnen beugt und zumindest so aussieht, als würde sie aufmerksam zuhören.

Politologe Richter kennt den SPD-Slogan „Wir lassen kein Kind zurück”. Woher? Genau mit diesem Satz ging schon US-Präsident George W. Bush auf Stimmenfang. Peinlich. Aber Scheller überzeugt die handwerkliche Qualität: „Das ist ein professionelles Foto, bringt Hannelore Kraft sehr authentisch rüber. Sie ist so. Einfühlsam wie eine Mutter. Insofern ist das Plakat handwerklich geschickter, authentischer und somit besser. Bei Kraft ist gelungen, was bei Röttgen konstruiert wirkt”, sagt Scheller.

Ohne Kind, quasi als Solist im Bild, wirke Röttgen echter. „Er ist sicherlich ein guter Familienvater, aber Norbert Röttgen steht für eine gewisse Ministerqualität - und die liegt nicht im Familienministerium. Es ist treffender, ihn mit anderen Themen zu verbinden”, findet Scheller. Und so steht neben Röttgens Konterfei auf anderen Großplakaten: „Verantwortung, Kompetenz, Nachhaltigkeit”. Das passe. „Dafür steht er. So kommt er als kompetenter Politiker rüber”, so der Experte Scheller. Und Kraft? „Sie präsentiert sich als Mutter des Landes - mit freundlichem Schmelzblick”, interpretiert er Großformate der Ministerpräsidentin.

Manipulationen entsprechen offenbar dem Zeitgeist: Dass Krafts Gesichtsfalten auf den Wahlplakaten offensichtlich vorab am Computer geglättet wurden, stört Scheller keineswegs. „Das ist legitim, das wird heute, in Zeiten von ,Germanys next Topmodel im TV und Bauchweg-Retuschen in Glamourmagazinen, so von einem Porträt erwartet. Da ist es eher peinlich, wenn ein Motiv nach Handyfoto aussieht”, sagt er. Und danach sieht nur die kleine Kampagne der Satire-Partei „Die Partei” aus. Und genau das beklagt Professor Richter: Inhalt egal, nur die visuelle Botschaft zählt - eben wie in einschlägigen Fernsehshows.

Ähnlich wie Kraft wirke auch Christian Lindner als FDP-Spitzenkandidat überaus authentisch, so Scheller. „Er ist der Rettungsanker der FDP, steht für die ursprünglichen Ziele, Haltungen und Werte der FDP”, sagt er. Das Plakat zeigt einen gestikulierenden Lindner, er schaut nicht in die Kamera, sondern zu einem nicht vorhandenen Gesprächspartner. „Lindner ist aus dem Leben gegriffen, sehr emotional, er zeigt auf dem Plakat, dass er zu seiner Meinung steht.

Deswegen ist auch dieses Plakat sehr passend”, findet Scheller. Optisch gelungen ist der FDP auch „Das”. Will sagen: Der Lindner-Slogan unterstreicht den Verweis „Das ist meine FDP” - grafisch betont und abgesetzt. „Das macht sehr deutlich, dass es sich hier nicht um die alte FDP in der großen Krise handelt. Eine gute Darstellung dieser Botschaft”, erläutert Scheller. Politologe Richter stimmt in einem Punkt zu: „Die Strategie, sich als NRW-FDP in der Person Lindners abzukoppeln, ist einleuchtend”, sagt er.

„Billiges Zugeständnis”

Die Grünen setzen zumindest ansatzweise auf Themen. Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann spielt nur eine untergeordnete Rolle im Personenwahlkampf. Überzeugend findet Scheller das aber auch nicht. „Das Plakat zur Windenergie ,Jede Kraft braucht einen Antrieb ist altbacken, nicht mehr aktuell. Mittlerweile ist doch jeder ein Halbgrüner und greift mit Selbstverständlichkeit zur Energiesparlampe”, kritisiert er das Motiv.

Und Richter ergänzt in Sachen „Kraft”-Wort: „Witzig vielleicht; aber irgendwie auch ein billiges Zugeständnis an die Werbestrategen.” Apropos Zugeständnis: Augenscheinlich proklamieren die Grünen in erster Linie den Fortbestand der Regierungskoalition mit der SPD. „Es wird nicht für Grün, sondern für das bisherige Erfolgsteam geworben. Das sieht so aus, als sei man von sich selbst nicht überzeugt - eine Angstkampagne”, kommentiert Scheller.

Das beweise zudem der auf Grünen-Plakate gepappte lila Hinweis auf die Zweitstimme, die der Wähler doch bitte dem Juniorpartner der SPD geben solle. Immerhin fällt der - wie gewollt - auf. „Das ist ein klassischer ,Störer. Aber ansonsten sind die Plakate blass.” Doch Scheller weiß auch, welches Konzept die Grünen letztlich verfolgen: „Die beste Chance, die die Grünen haben, ist auf das bestehende Team zu setzen. Das ist gut.” Der Designer vermisst hier aber angesichts sachbezogener Motive die letzte Konsequenz der Kampagne.

Besonders schlecht schneidet bei Scheller die Linke ab: „Die Plakate sind allesamt populistisch. Markant sind die Wünsch-Dir-Was-Versprechen, dabei bleibt offen, wie die Versprechen erfüllt werden können. Und jeder weiß, dass das nie was wird”, sagt der FH-Professor. Sehr plakativ sei die Darstellung. Aber immerhin konsequent. Roter Hintergrund, große Buchstaben, Schlagworte. „Das ist wie ein Banner auf einer Demo. Und Rot drückt als Farbe das Soziale und Kämpferische aus”, sagt Scheller.

Dass Personen meist fehlen, ist für Scheller keineswegs überraschend. „Der Linken fehlen in NRW profilierte Personen. Strategisch ist es daher sinnvoll und sehr konsequent, erst gar nicht auf Personen zu setzen.”

Personen fehlten zunächst auch den Piraten, immerhin sind zuletzt noch ein paar (unbekannte) Gesichter auf neuen Plakaten erschienen. Die segeln zwar gerade auf einer Art Erfolgswelle durch die politische Landschaft. Der Design-Professor nimmt ihrer Plakatkampagne aber ganz fachkundig den Wind aus den Segeln. Sein Urteil: „Das wirkt wenig professionell, da werden viele Anfängerfehler gemacht.”

Zum Beispiel: Slogans wie „Wir halten uns an das Grundgesetz, da sind wir konservativ” oder „Dieses System braucht ein Update” setzen laut Scheller voraus, dass der Betrachter weiß, worum sich die Piraten in ihrem gerade erst formulierten Wahlprogramm thematisch kümmern. „Wenn die Piraten vorab einmal mit diesen Plakaten den Bürger auf der Straße konfrontiert hätten, wäre dieser grundsätzliche Fehler direkt erkannt worden”, sagt Scheller.

Noch schlimmer: Der eigenen Kampagne wird mit der Aufforderung „Vertraue keinem Plakat” widersprochen. Scheller: „Es wird versucht, den Hype zu pflegen - aber ohne Fakten und Inhalte. Die Piraten haben mit ihrer Kampagne nicht zu Ende gedacht. Und wenn mich ein Plakat im Unklaren lässt, dann bin ich davon genervt, ich möchte keine Rätsel lösen. Plakativ, poppig, jung - das reicht mir nicht.”

Fazit: Plumpe Plattitüden, wenig Wortwitz, überhaupt keine Überraschungen, thematisch trostlos: Ziemlich niederschmetternd holen die Analysen der Professoren Scheller und Richter die Parteien in Sachen Plakatwahlkampf auf den Boden der Tatsachen zurück. „Ich glaube nicht, dass die Parteien mit der Plakatierung Entscheidendes gewinnen”, bilanziert der Politologe vor dem Wahlsonntag. Dann zählen die Kreuze. So oder so.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert