Welche Zukunft hat der Kármán-Komplex?

Von: Werner Czempas
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Was kann man anfangen mit dem Kármán-Auditorium? Neben einem zweitägigen Workshop gab es eine ausführliche Vortrags- und Diskussionsveranstaltung. Foto: Harald Krömer
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BDA-Vorsitzender Klaus Klever zeigte sich zufrieden, dass das Thema jetzt diskutiert wird. Foto: Heike Lachmann
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Workshops sind eine Zukunftsperspektive für das Karmán Forum. Foto: Heike Lachmann

Aachen. Was wird aus dem Kármán-Forum der RWTH? Kann sich das Forum etwa zu einem „Haus der Wissenschaft“ entwickeln, in dem Wissenschaft für die Bürger konkret erlebbar wird? Wie kann es Bindeglied zwischen Hochschule und Innenstadt werden?

Mit solchen Fragen beschäftigte sich eine Veranstaltung, zu der der Bund Deutscher Architekten (BDA) Aachen und der Förderverein „aachen-fenster – raum für bauen und kultur“ eingeladen hatten. Der Veranstaltungssaal drinnen war mit mehr als 100 Zuhörern gesteckt voll. Die Besucher wurden mit einem hochspannenden Abend belohnt.

„Die Mischung macht’s – ein neues Gefühl von Stadt“ lautet das Jahresthema des BDA-Landesverbands NRW. Für seine Veranstaltung wandelte der BDA Aachen das Thema ab und formulierte: „Die Mischung macht’s – ein neues Gefühl von Hochschule.“ Das Kármán-Forum soll es bringen.

Der Kármán-Komplex erstreckt sich vom RWTH-Hauptgebäude am Templergraben entlang der Eilfschornsteinstraße runter bis zum Annuntiatenbach. Es ist die Schnittstelle zwischen RWTH und Innenstadt. Seit 2015 steht das Kármán unter Denkmalschutz. Anlass für den BDA Aachen und „aachen-fenster“, Denkanstöße zu seiner Zukunft zu geben, ist die Entscheidung der RWTH, nach 40 Jahren Nutzung den in die Jahre gekommenen und stark renovierungsbedürftigen Hörsaaltrakt des Forums mit Beginn des Sommersemesters 2017 „aus dem Betrieb“ zu nehmen. Das ist möglich, weil mit dem neuen Hörsaalzentrum Carl jetzt mehr als 4000 neue Hörsaalplätze zur Verfügung stehen.

Hörsaaltrakt geschlossen

„Mit der Schließung des Hörsaaltraktes als Herzstück des Kármán-Forums droht nicht nur, dass dieser sensible innerstädtische Stadtraum seine Funktion als Bindeglied Hochschule-Kernstadt verliert, sondern auch eine fragwürdige schleichende Verlagerung des studentischen Lebens zur Verkehrskreuzung Turmstraße-Pontwall stattfindet“, beschrieb Architekt Hans Dieter Collinet, Vorsitzender des „aachen-fenster“, mögliche Folgen. Architekten, Städteplaner und Landschaftsgestalter aus nah und fern sowie Architektur-Studierende der RWTH, Vertreter der Stadt und Ratspolitiker suchten Antworten.

Eine Schrecksekunde gab es gleich zu Beginn: Alle Anregungen schienen derzeit verfrüht. Denn Gabriele Golubowitsch, Leitende Baudirektorin der RWTH, und Architekt Herbert Holler vom Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW, verlasen eine abgestimmte Erklärung: „Eine weitere Nutzung des Kármán in der jetzigen Form ist aufgrund des Gebäudezustandes ohne umfassende Sanierung nicht möglich. Was die Folgenutzung betrifft, stehen Bau- und Liegenschaftsbetrieb und RWTH im engen Dialog miteinander, um gemeinsam ein stufenweises Hochschul-Sanierungskonzept für den Kernbereich der RWTH (Kármán, Audimax, Hauptgebäude) zu entwickeln und gleichzeitig die erforderlichen Hörsaalkapazitäten und Ersatzflächen während der Arbeiten vorzuhalten.“

Zum Hörsaaltrakt hielt die Baudirektorin unmissverständlich fest: „Wir haben weiteren Bedarf für die nächsten zehn Jahre.“ Das heißt: Es kann dauern mit einer an diesem Ort intensiveren Verzahnung RWTH-Innenstadt, Eigentümer ist das Land, die RWTH nur Nutzer und beider finanzielle Mittel sind „spärlich“ (Golubowitsch).

Die weitere Diskussion zeigte dennoch, dass es richtig ist, frühzeitig den öffentlichen Dialog zu führen und Impulse zu geben. „Wir mögen es, es kann nicht ersetzt werden“, plädierten Sprecher der Studierenden, „dass das Forum ein Ort, das Zentrum für die Studierenden bleibt“.

Auch Wohnungen für Studenten denkbar

Wolf Büttner, einer der Architekten des Forums, empfahl: nicht abreißen, umnutzen, mischen, auch Wohnungen für Studenten denkbar. „Wie stark darf ich das als Denkmal besonders erhaltenswerte Gebäude verändern?“ fragte Stadtplaner Michael Hecker. Andrea Puffke, Leiterin des Amts für Denkmalpflege beim Landschaftsverband Rheinland, gab die Antwort: „Ich kenne kein Denkmal, das nicht umgenutzt werden kann. Eine Tabuisierung von Veränderungen ist schlicht falsch.“ Ins Forum dürfe man allerdings „nicht mit dem Bagger rein“.

Das „Haus der Wissenschaft“ in Braunschweig, seit zehn Jahren schon arbeitend, konnte seine Geschäftsführerin Karen Oltersdorf leider nur grob skizzieren: Plattform, wo Wissenschaft aus dem Elfenbeinturm heraus- und mit der Gesellschaft zusammenkommt, wo Bürger erfahren, was Wissenschaft macht, „wo man auch mal beim Shopping so beiläufig reinschaut“. Auch Jürgen Kippenhan, Lehrbeauftragter am Philosophischen Institut der RWTH, Gründer des Instituts für Philosophie und Diskurs, wünscht sich den Ort, „der atmosphärisch den Boden bereitet, damit Wissenschaftler und Leute sich begegnen und auf Augenhöhe miteinander reden können“.

Dieter Begaß, Leiter des städtischen Fachbereichs Wirtschaftsförderung, bekräftigte, Aachen wolle sein Profil als Wissenschaftsstadt weiter ausbauen. In Aachen werde „Zukunft gemacht“. Es sei wichtig, an einem Ort „den Bürgern zu zeigen, was Wissenschaft in Aachen auf die Beine stellt“. Zur „urbanen Universität“, zur Universität in der Stadt, markierte jüngsten Trend Professor Franz Pesch, Innenstadtentwickler aus Stuttgart. Beim Kármán-Forum gehe ihm das Herz auf, es biete „unglaubliche Möglichkeiten“, doch „das Ding ist nicht urban, die Mitte ist leer“, weshalb er Stadt und Hochschule zu einem Konzept für eine gemeinsame Nutzung riet.

Vom Westbahnhof kommend bis zum Forum habe er „schreckliche Räume, keinen Platz, wo man sich wohlfühlt“ im Hochschulviertel gesehen, schilderte Stadtarchitekt René Daniels aus Maastricht. Das Forum eigne sich wunderbar, einen solchen Raum zu schaffen und Bürger mit der Wissenschaft zusammenzuführen.

„Steinwüste ohne jedes Grün“

Als „Steinwüste ohne jedes Grün“ beschrieb der Aachener Investor Norbert Hermanns das „prominente Grundstück“ Kármán-Forum. Es reiche nicht aus, den Hörsaaltrakt technisch auf den neusten Stand zu bringen. An diesem zentralen Platz könne die RWTH zeigen, „wie eine Universität im 21. Jahrhundert aussieht“. Das „Riesenpotenzial“ für einen „Platz, an dem wieder alle zusammenkommen“, unterstrichen Sprecher des Tele-Internetcafés Berlin und der Aachener RWTH-Initiative „Collective Incubator“.

Die letzte Diskussionsrunde gehörte der Politik. Eine räumliche Verbindung von der Hochschule zum Markt zu schaffen sei sicherlich auch das Ziel der Politik, „aber wir können den Eigentümer nicht zwingen“, meinte Alexander Gilson (CDU). Boris Linden (SPD) erklärte, auch wenn die RWTH weitere zehn Jahre für das Kármán-Forum Bedarf anmelde, seien es „zehn verschenkte Jahre, wenn wir nicht schon jetzt über seine Zukunft nachdenken“.

„Nutzbar machen für die Stadt, ihre Bürger und die Uni“, rät auch Peter Blum (FDP). „Der Phantasie sind Tür und Tor geöffnet“, ist Marc Beus (Linke) optimistisch, die Hochschule müsse sich öffnen gegenüber der Stadt, deren Einflussmöglichkeiten allerdings begrenzt seien. Ulrich Gaube (Grüne) empfiehlt Workshops, „wir brauchen eine Planung für die künftige Nutzung des Kármán.“

Nach vier Stunden fasste Architekt Klaus Klever, Vorsitzender des BDA Aachen, zusammen: „Es ist eingetreten, was wir erhofft haben: Das Thema ist jetzt da.“ Zu später Stunde ging die Runde auseinander, nicht ohne mit viel Beifall den beiden Moderatoren Tim Rieniets (Initiative StadtBauKultur NRW) und Amien Idries (Chef vom Dienst unserer Zeitung) zu danken für ihre sachkundige und immer wieder neue Aspekte anregende Diskussionsführung.

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