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Wege zum Frieden über die Erinnerung

Von: Rauke Xenia Bornefeld
Letzte Aktualisierung:
Gedenkstunde zur Reichspogromn
Gedenkstunde zur Reichspogromnacht: Musikalisch wurde der Abend unter anderem von Eva Hage gestaltet. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Nicht im Krönungssaal, sondern in der Synagoge wurde am Samstagabend der Pogromnacht vom 9. November 1938 in Aachen gedacht. „Der passende Ort”, wie Rabbiner Mordechai Bohrer befand.

Gekommen waren viele ältere und alte, aber auch junge Menschen. Gekommen war auch ein Vertreter des Vorstands des islamischen Zentrums in Aachen.

Und drei Zeitzeugen berichteten, wie sie den Anfang des größten Völkermordes in Aachen erlebten. „Das sind gute Zeichen”, sagte Propst Ruprecht van de Weyer, katholischer Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Aachen. „Wege zum Shalom, zum Frieden, führen über die Erinnerung.”

Diese Erinnerung machten die drei Zeitzeugen schmerzhaft lebendig. Dr. John Francken hat auf seinem Dachboden in London 650 Briefe und Postkarten von seiner Großmutter Dora aus Aachen an seine Tante Ruth in London gefunden und aufgearbeitet.

Zwischen 1934 und 1939 schrieben sich Mutter und Tochter und hielten damit auch die Geschichte fest. „Am Tag nach der Reichspogromnacht schrieb Dora zwei Postkarten. Das hat sie vorher und nachher nicht getan”, berichtete Francken. Morgens habe sie geschrieben: „Es ist überall dasselbe. Ich bin in Ordnung.”

Am Nachmittag: „Man darf den Mut nicht verlieren.” Dora ist die Flucht gelungen. Sie hat fast alle Freunde aus Aachen in Vernichtungslagern der Nazis verloren.

Erica Prean und Dr. Dan Philipp erlebten ihre Kindheit in Aachen, bis es ihren Eltern gelang, mit ihnen zu emigrieren. Prean: „Ich war acht Jahre alt. Ich habe am nächsten Morgen die zerstörten Geschäfte gesehen und hatte wieder mehr Angst. Obwohl ich ein braves Kind war, bin ich an diesem Tag nicht in die Schule gegangen. Ich fand das zu gefährlich.”

Einen tiefen Einblick in seine Seele erlaubte Philipp den Zuhörern. „Mit Todesverachtung versuche ich die traumatischen Erlebnisse von 1935 bis 1938 zu verarbeiten. Es gelingt mir immer schlechter”, gab er unumwunden zu. Erstmals habe er jetzt den Schülern des Pius-Gymnasiums davon erzählt.

Weder seine Frau, noch seine Kinder wüssten von den Vergewaltigungen, Schlägen und Demütigungen durch die Deutschen, die er in seiner Kindheit erfuhr. Sie wissen auch nichts von Gisela, seiner Leidensgefährtin, die 1945 auf dem Todesmarsch von Auschwitz erschossen wurde. „Es gibt Sachen, die man vergessen will, aber nicht kann.”

Bürgermeister Björn Jansen zog die Lehren für die Gegenwart und Zukunft: „Es tut weh, dass Menschenrechte, Glaubensfreiheit und Demokratie nicht von allen geschätzt und geachtet werden. Wir dürfen nicht wegschauen, wenn Menschenunwürdiges passiert.”

Musikalisch gestaltet wurde die Gedenkstunde im Saal der Synagoge vom Anna-Orchester und einem Ensemble des Aachener Bachvereins unter der Leitung von Georg Hage mit Musik von Lewandowski, Dvorak und Mendelsohn-Bartholdy. Eva Hage übernahm sehr gekonnt die so listischen Alt-Partien.
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