„Wege gegen das Vergessen“: Tolle Dokumentation hatte Geburtswehen

Von: Leon Kirschgens
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Ein Beispiel von vielen: Die großen Tafeln an der Marktseite des Rathauses erinnern an die Nazi-Verbrechen und bekunden gleichzeitig das Bekenntnis zu Freiheit und Demokratie. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Es ist nur ein Satz. Unscheinbar steht er auf der klein wirkenden Bronzetafel am Aachener Rathaus. Wenig an der Tafel lässt vermuten, dass sie einen steinigen Weg bis zu ihrer Entstehung hatte. Nüchtern weist sie auf die Tatsache hin, dass Adolf Hitler 1933 die Ehrenbürgerschaft der Stadt Aachen bekam.

Und doch lösten diese und viele weitere Tafeln mehr als 60 Jahre nach dieser Verleihung an den NS-Führer eine jahrelange Auseinandersetzung zwischen Aachener Bürgern und dem Stadtrat aus.

80 Bürger und Bürgerinnen

Ein Rückblick über 20 Jahre. Etwa 80 Aachener Bürgerinnen und Bürger hatten sich 1997 zusammengetan, um die Nazi-Vergangenheit in Aachen aufzuarbeiten und eine „dezentrale Gedenkstätte“ zu schaffen, also in Aachen und Umgebung verteilt Tafeln mit Fakten und Erinnerungen an historischen Orten aufzuhängen oder in den Boden einzulassen. Heute gibt es den „Denkmal-Weg“. Am Rathaus, in der Großkölnstraße und am Theaterplatz hängen die bronzenen Metalltafeln – um nur drei der 42 Orte zu nennen. Die Volkshochschule(VHS) bietet Begleitmaterial und auch Führungen an.

Zunächst schien alles rund zu laufen: Der Stadtrat beschloss im März 1997, die „Wege gegen das Vergessen“ zu unterstützen. Daraufhin trafen sich Aachener Bürger über Jahre hinweg in Kleingruppen, um zu recherchieren, sich auszutauschen, Geschichte aufzuarbeiten. Sie gingen den Fragen nach, wo Judenverfolgung in Aachen stattfand, warum es so viele Mitläufer gab und wie Einzelne Widerstand leisteten. Dafür interviewten sie Zeitzeugen und studierten hunderte Dokumente.

Es sollte ein Projekt für das stete Erinnern, für das Wachhalten werden. Gegen das Vergessen, und auch gegen Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit in der Gegenwart. Das Besondere: Es sollte keine elitäre, wissenschaftliche Aufarbeitung werden. Vielmehr sollten Bürger jeden Alters und unabhängig von ihrer Bildung mitmachen können. Und zwar als ganz normale Menschen und nicht als Vertreter einer Partei oder Organisation. Am Ende sollte der „Denkmal-Weg“ quer durch Aachen in wenigen Worten an das Geschehene erinnern. Nüchtern, aber unverblümt.

So weit, so einfach? Es blieb nicht so: Die Probleme begannen paradoxerweise im Stadtrat – wo die „Wege“ einst ihren Anfang genommen hatten. Als die Ergebnisse samt Material im April 1999 dem Rat vorgestellt wurden, schien die Arbeit getan; fehlte doch nur noch der Ratsbeschluss, der die Texte absegnen sollte. Doch plötzlich schien das Erarbeitete auf der Kippe zu stehen: Im Kulturausschuss gab es Kritik an den Ergebnissen. Während die Grünen und die SPD keine Einwände hatten, bemängelte die CDU 17 der 42 Texte. Sechs sollten geändert, elf komplett gestrichen werden, da sie „überflüssig oder zu kritisch“ seien.

Heftige Diskussionen

Für die heftigste Diskussion sorgte bei den Politikern die geplante Tafel am Rathaus. Sie sollte darauf hinweisen, dass im Jahr 1933 neben den 17 Aachener NSDAP-Abgeordneten auch 23 Zentrums-Abgeordnete dafür stimmten, Hitler die Ehrenbürgerschaft zu verleihen. „Wir wollen unsere Stadt nicht als die braunste aller Städte darstellen“, befand die CDU. Außerdem stelle die Ehrenbürgerschaft Hitlers aus Sicht einiger CDU-Abgeordneter eine „Marginalie“ dar, die einzig dazu diene, das Zentrum in ein schlechtes Licht zu rücken.

Der Streit sollte sich noch weiter zuspitzen: Im August 1999 entschied der Rat zwar einstimmig, dass die Tafeln an den vorgeschlagenen 42 Orten aufgehängt werden sollten. Die Texte aber waren damit noch längst nicht abgesegnet. Die CDU beauftragte Anfang 2000 den Aachener Historiker Professor Dr. Klaus Schwabe. Er sollte im Auftrag der CDU alle Texte, die für die „Wege gegen das Vergessen“ geschrieben wurden, überprüfen. Nach monatelanger Prüfung hatte er an keiner Tafel etwas Gravierendes zu bemängeln. Dieses Hin und Her sei ein „Kampf ums Komma“, hieß es damals in der Presse. Doch im Stadtrat, zwischen den Parteien, ging es um mehr als bloß ums Komma. „Es scheint, als suche die CDU einen Weg ins Vergessen“, monierten damals die Grünen. Die CDU hielt dagegen: „Das Thema sollte sorgfältig behandelt werden. Wir möchten den Texten erst zustimmen, wenn alle Fehler beseitigt sind.“

Und so kam es zum Eklat im Kulturausschuss: Der damalige CDU-Ratsherr Dietmar Katzy hatte wohl auch nur Fehler auf einer Tafel beseitigen wollen, als er in einer Ratssitzung von „Entschädigungen“ jüdischer Mitbürger sprach und sich plötzlich in einem Saal voller Anfeindungen wiederfand. Hätte er gewusst, welch‘ einen Sturm der Entrüstung er im Rat auslösen würde, er hätte sich vermutlich seine Äußerungen zweimal überlegt: Katzy, damals Vorsitzender des Kulturausschusses, 2013 gestorben, hatte Einwände gegen die Tafel an der Großkölnstraße. Diese – mittlerweile aufgehängt – zeigt, dass 1938 Privatbesitze und die dort angesiedelten Geschäfte jüdischer Mitbürger enteignet und an Nichtjuden übertragen wurden. Als die jüdischen Geschäfte enteignet wurden, seien auch „Entschädigungen geflossen“, hatte Katzy gesagt. „Skandal“, schallte es ihm daraufhin entgegen, „da wird einem ja schlecht“, riefen empörte Ratsmitglieder – sogar Tränen flossen. Minutenlang stand die Sitzung kurz vor dem Abbruch. Katzy bedauerte seine Aussage und entschuldigte sich. „Mir ist eine Aussage zugeschrieben worden, die in der Verkürzung das Gegenteil von dem ausdrückt, was ich sagen wollte“, sagte er hinterher.

Doch all diese Hindernisse waren mehr Herausforderung denn Hürde: Am 31. Oktober 2001 schließlich wurde die erste bronzene, gut 30 Kilogramm schwere Tafel am Rathaus feierlich angebracht – mit allen Parteien, den Vertretern der VHS und dem damaligen Oberbürgermeister Dr. Jürgen Linden. Auch der Streit legte sich weitgehend.

Heute sei die Zusammenarbeit mit der Aachener Politik problemlos, sagt Yvonne Hugot-Zgodda, Moderatorin der „Wege gegen das Vergessen“. Damals sei in den Köpfen vieler Aachener noch das Bild verankert gewesen, dass Aachen eher wenig mit den Ereignissen in der NS-Zeit zu tun gehabt habe. „Aber das stimmt so nicht. Auch in unserer Stadt haben sich Menschen an den Verbrechen beteiligt“, sagt Hugot-Zgodda. Über die Jahrzehnte habe da aber ein Sinneswandel stattgefunden. Auch die Parteien unterstützten nun die stete Aufarbeitung.

Bleibt da nur noch ein Thema, das bis in die Gegenwart hineinreicht: „Wir bemühen uns immer noch darum, für die pädagogische Arbeit, die seit Jahren geleistet wird, eine feste Stelle einzurichten“, sagt Winfried Casteel, der das Projekt an der VHS bis vor wenigen Wochen federführend leitete. Seit Beginn der „Wege gegen das Vergessen“ möchten die Initiatoren auch einen Pädagogen einstellen, der Begleitmaterial für Schulen erstellt, Führungen anbietet, Fortbildungen organisiert. Er soll Kontinuität in die „Wege“ bringen. Denn bisher ist das Engagement immer davon abhängig, wie viel Zeit die Beauftragten an der VHS nebenbei haben.

Ein Pädagoge wurde nie eingestellt, bisher kümmert sich die VHS darum. Der Grund: Es sei zu wenig Geld da. Das war zumindest 1999 die Begründung. Damals hätte ein solcher Pädagoge immerhin circa 170 000 Mark jährlich gekostet. „Dann sollten wir das Geld eben aus dem Anti-Graffiti-Topf nehmen und ein paar braune Flecken der Vergangenheit entfernen“, schlugen die Grünen damals vor. Dazu aber kam es nicht. Bisher.

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