„Was gerade bei Philips passiert, tut mir sehr weh“

Von: Stephan Mohne
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Bombardier/Talbot als Erfolg, Philips als größtes Sorgenkind: Franz-Peter Beckers geht nach 14 Jahren an der Spitze der Aachener IG Metall in den Ruhestand. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Franz-Peter Beckers ist Gewerkschafter durch und durch. Schon früh hat er sich auch auf Betriebsratsebene bei Philips für Kollegen eingesetzt, bevor er zur IG Metall selbst wechselte. Vor 14 Jahren wurde er deren 1. Bevollmächtigter in Aachen. Jetzt ist für den 63-Jährigen Schluss.

Er geht in einer Zeit, in der er sich insbesondere um seinen „Heimatbetrieb“ Philips – wo auch sein Vater und zwei Geschwister arbeiteten – Sorgen macht. Warum, das erzählt Beckers im Interview mit unserer Zeitung.

Nicht viel bis nichts übrig geblieben ist auch von den klassischen Aachener Industriebereichen wie Tuche, Nadeln oder Metallverarbeitung. Warum braucht man da noch eine IG Metall?

Beckers: (lacht) Na, so ist das ja nicht. Klar, Tuche sind weg, Nadeln so gut wie, aber wir haben schon noch eine ganze Reihe von Betrieben der Metallverarbeitung, auch größere wie die Schumag, die wir nie aufgegeben haben und wo wir jetzt auf stabiles Fahrwasser hoffen. Wir haben Bombardier beziehungsweise nun die Talbot Services – wo es keine Selbstverständlichkeit ist, dass wir das noch haben. In der Umgebung haben wir Schlafhorst als großen Betrieb mit über 1000 Beschäftigten. Dazu kommen neue Betriebe aus dem Umfeld der Hochschule, die immer größer geworden sind – FEV zum Beispiel mit 1500 Beschäftigten. Und da ist die Elektroindustrie, vor allem Philips als einer der größten Arbeitgeber in Aachen. Daneben gibt es die, die man nicht immer direkt im Fokus hat wie etwa das gesamte Kfz-Gewerbe, wenn wir da auch Probleme mit Betriebsratsbildungen haben. Gebraucht werden wir also schon noch.

Wie hat sich denn die Mitgliederzahl entwickelt?

Beckers: Wir haben im Jahr 2000, als ich hier als Geschäftsführer angefangen habe, 11 500 Mitglieder gehabt, jetzt sind wir bei 8500. Es ist natürlich ein ständiger Kampf, neue Mitglieder zu gewinnen.

Was sind derzeit die größten Baustellen?

Beckers: Die größte Baustelle, die sich im Moment entwickelt, ist Philips. Die Ausgliederung der Autolampenproduktion reißt aus der Philips GmbH den dicksten Brocken heraus. Und es ist ja nicht nur das. Schon vorher war klar: Die Produkte, die da gefertigt werden, sind Auslaufmodelle – konventionelles Licht bei Autoscheinwerfern etwa. Es gibt in Aachen keine Technologien, keine Anstalten etwas in Richtung neuer Technologien für den Scheinwerferbereich zu entwickeln. Darüber hinaus gibt es den Bereich der Halogenbeleuchtung für den Haushalt mit über 200 Beschäftigten. Diese sollen nach EU-Recht 2016 verboten werden. Selbst wenn es gelingt, das bis 2018 zu verschieben, sind das auch nur noch vier Jahre. Wenn man noch weiter schaut in die Entscheidung von Philips, nicht mehr in die Produktion von neuen Technologien wie LED im Lichtbereich zu investieren, dann ist auch ein großer Hoffnungsträger für Aachen, die OLED-Technologie als Licht der Zukunft, gefährdet. Die Entscheidung, die Bereiche Automotive und LED auszugliedern, legt nahe, dass man dort nichts mehr tun will. Das macht uns große Sorgen. Nicht von heute auf morgen. Aber wenn man jetzt noch etwas erreichen will, dann muss man Philips in die Pflicht nehmen. Ein möglicher Käufer ist jedenfalls nicht in Sicht.

Und wie geht das nun weiter?

Beckers: Es gibt drei Möglichkeiten. Entweder es gibt einen Finanzinvestor, den ich nicht sehe. Oder man geht an die Börse. Osram hat das versucht, ist aber gescheitert. Oder man findet einen strategischen Partner etwa unter den großen Automobilzulieferern. Da sehe ich in Europa aber keinen. Da ist man schnell in China. Ein Teil der Scheinwerferlampenproduktion von Philips ist schon in China. Das könnte einen Verlagerungstrend dorthin beschleunigen.

Wie ist denn die Stimmung im Betrieb?

Beckers: Die Leute sind schon verunsichert. Vielen ist noch nicht so ganz klar, was das bedeutet. Die Aufgabe auch meines Nachfolgers ist, möglichst schnell möglichst viel abzusichern. Wir wollen nicht noch einmal so etwas erleben wie mit LG.Philips, als LG als Investor einstieg und zwei Jahre nach der Schließung der Bildröhrenfabrik das Unternehmen einfach in die Insolvenz fallen ließ und sich nach Asien verdrückte.

Würden Sie den Kampf um das Bombardier/Talbot-Werk als Meilenstein und größten Erfolg der Arbeit von Gewerkschaften und Betriebsräten in Aachen bezeichnen?

Beckers: Das kann man sagen, wenn man es so sieht, dass wir eine unternehmerische Entscheidung gekippt und in eine neue Richtung umgekehrt haben, die Mut macht, sich auf die regionalen Kompetenzen zu besinnen. Die Erfolge von Gewerkschaftsarbeit sind aber eigentlich das tägliche Kleinklein. Da, wo wir im Betrieb mal wieder verhindert haben, dass Leuten das Geld abgenommen wird oder dass wir mal wieder irgendwo Menschen – und wenn es auch nur fünf sind – abgesichert oder Entlassungen verhindert haben. Aber Bombardier ist schon ein Leuchtturm. Es war auch sehr wichtig für die Region, weil man erkannt hat, womit man sich hier auseinandersetzen muss – mit der Frage, ob wir hier eine Deindustrialisierung erleben und was das bedeutet. Diese Frage ist auch in Sachen Philips aktuell. Bei Bombardier hatten wir die Möglichkeit zu sagen, dass wir hier Kompetenzen haben, die auch weiterhin gebraucht werden. Man muss natürlich auch Investoren haben, die das tragen.

Kurioserweise war das die Quip AG, die Sie bisweilen als „Verleihbude“ bezeichnet haben. Haben Sie Ihre Meinung geändert?

Beckers: Was die Frage der Arbeitnehmerüberlassung als solche angeht, nicht. Aber die Quip ist stark in der Region verankert, und das ist wichtig. Hier haben in der Region handelnde Menschen Entscheidungen getroffen, diesen Weg zu gehen. Es ist wichtig, dass hier Leute etwas im Wortsinn unternehmen – das hat zuletzt oft gefehlt.

Haben Sie lieber mit einem internationalen Konzern oder mit einem Firmenpatriarchen, für den Gewerkschafter eigentlich ein rotes Tuch sind, verhandelt?

Beckers: Bei Konzernen kann man gar keine Entscheidungsträger packen. Bei Konzernen wie Philips oder Bombardier ist es ganz schwer, Entscheidungen zu beeinflussen. Bei Philips etwa verhandelt man mit den in Deutschland Verantwortlichen, aber die haben alle eigentlich nichts zu entscheiden. Das wird aus den Niederlanden einfach herübergereicht, und die nationalen Vorstände haben das umzusetzen. Das war bei Bombardier nicht anders. Mit den Patriarchen ist es auch nicht einfach, weil die sagen: „Der Laden gehört mir und ich mache damit, was ich will.“ Wenn mir ein Nadelfabrikant gesagt hat, „Ich mache die Bude zu“, hat man ihn auch kaum daran hindern können. Ein positives Beispiel ist Junker, wo wir in sehr engem Kontakt mit der Geschäftsführung stehen. Das war früher nicht so, hat sich aber geändert. Man achtet sich.

Bei unserem letzten Interview vor zwölf Jahren ging es vor allem um die IT-Krise und neue Aufgaben der IG Metall in diesem Bereich. Davon hört man aber kaum noch etwas.

Beckers: Richtig, das hat sich gewandelt. Damals ging es um den Boom von Unternehmen wie Elsa und anderen, die so richtig abgingen und dann auch schnell geplatzt sind. Da ist nicht viel übrig geblieben.

Sie gelten nicht als Hardliner und haben auch Kompromisse gemacht – oder machen müssen. Hat ihnen das Kritik aus den eigenen Reihen eingebracht?

Beckers: Klar werden Entscheidungen manchmal intern kritisiert. Wir sind eine demokratisch aufgebaute Organisation. Da werden Sachen natürlich unterschiedlich diskutiert, weil es auch unterschiedliche Positionen aus unterschiedlichen Betrieben mit unterschiedlicher Denkweise gibt. Es war für mich immer ganz wichtig, ein gegenseitiges Verständnis bei den Kollegen herzustellen.

Gibt es etwas, das Sie als größte Niederlage empfunden haben?

Beckers: Das, was bei Philips geschieht und geschehen ist, tut mir persönlich sehr weh – angefangen von der Bildröhrenfabrik bis zur Schließung des Forschungslabors und zu dem, was sich da jetzt tut. Ich habe selber dort 13 Jahre gearbeitet, mein Vater hat schon dort gearbeitet, zwei Geschwister von mir ebenfalls. Dass wir es nicht schaffen können, einen solch großen Konzern, der in Aachen seit Generationen verankert war und richtig viel Geld verdient hat, langfristig hier zu binden, ist eine traurige Geschichte. Besonders ärgert mich, dass man bei absehbaren Dingen, die man hätte beeinflussen können, falsche Wege gegangen ist – wie in der Nadelindustrie.

Was werden Sie besondern vermissen – und was überhaupt nicht?

Beckers: Was ich vermissen werde, ist sicher der Umgang und die Auseinandersetzung mit vielen Menschen unterschiedlicher Art von unseren Kollegen bis hin zu Unternehmern. Ich werden Kontakt aber auf einer ehrenamtlichen Ebene halten und versuchen, mein Wissen als Referent in der Bildungsarbeit weiterzugeben. Worauf ich gerne verzichte, ist, dass manchmal die Anspannung und die Verantwortung viel zu groß wird, dass man nachts wach wird und unter enormem Druck steht.

Mit 63 Jahren haben Sie das halbe Leben ja quasi noch vor sich. Was kommt nun nach der Gewerkschaftsarbeit?

Beckers: Da gibt es eine ganze Menge. Ausbauen will ich mein großes Hobby Fotografie. Das ist bisher zu kurz gekommen. Die neue Fotoausrüstung ist schon da. Zudem bewohne ich einen denkmalgeschützten Teil eines alten Bauernhofs. Da ist immer etwas zu tun. Außerdem wollen meine Frau und ich mehr reisen. Ansonsten hat sich privat auch etwas verändert. Unser Sohn ist aus dem Haus und mittlerweile in Neuseeland. Da ist es im Haus wohl manchmal auch zu ruhig.

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