Was die Welt im Innersten zusammenhält

Von: Peter Pappert
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Wohin geht es? Woher kommt es? Und was steckt dahinter? Den meisten Menschen rauben metaphysische Fragen nicht den Schlaf; existenziell sind sie trotzdem. Foto: imago/Marcus Winther
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Prof. Dr. Hans-Dieter Mutschler. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Besonders populär ist die Metaphysik nicht, sondern eher sperrig. Viele derer, die davon hören, schalten ab, denn es klingt kompliziert. Es ist tatsächlich nicht einfach, danach zu fragen, was hinter der Physik steht. Der Metaphysik geht es darum, was außerhalb der sinnlich erfahrbaren, natürlichen Welt liegt.

Sie behandelt die letzten Gründe und Zusammenhänge des Seins, also die hinter unseren Wahrnehmungen verborgenen oder vermuteten Phänomene.

Die Frage liegt auf der Hand, ob man sich damit unbedingt befassen muss. Unbedingt nicht und „müssen“ schon gar nicht, aber sinnvoll wäre es schon, meint der Naturphilosoph Hans-Dieter Mutschler. Er ist der Ansicht, dass die Metaphysik – wie die Sexualität – das menschliche Leben elementar bestimmt. Im Sommersemester hat er an der RWTH Aachen die Klaus-Hemmerle-Stiftungsprofessur wahrgenommen.

Mit Mutschler sprach unser Redakteur Peter Pappert über Metaphysik, Theologie und die Frage nach Gott.

Leben wir in einer Zeit oder Gesellschaft, der die letzten Gründe und Zusammenhänge, die wir nicht wahrnehmen oder beweisen können, egal sind?

Mutschler: Oft. Das liegt daran, dass es uns sehr gut geht. Da kann man sich das leisten.

Was passiert mit einer Gesellschaft, die sich immer weniger um jene Bedingungen menschlicher Existenz kümmert, die nicht auf Erfahrung, Beobachtung oder wissenschaftlichen Experimenten beruhen?

Mutschler: Die geht kaputt.

Warum?

Mutschler: Weil sich die Demokratie nicht halten lässt, wenn die Menschen nur so dahinleben. Es braucht eine bewusste Entscheidung zur Autonomie; das bekommt man nicht geschenkt.

Glauben Sie, dass die meisten Menschen wirklich wissen wollen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“?

Mutschler: Eben nicht – und heute weniger als früher. Im Mittelalter hatte man eine Lebenserwartung von rund 30 Jahren. Die Menschen hatten keine medizinisch-technischen Mittel und den Tod dauernd vor Augen. Man war auf die Endlichkeit verwiesen und stellte deshalb metaphysische Fragen. Heute können wir den Tod ziemlich weit hinausschieben. Andererseits wird oft so getan, als seien die Menschen heute völlig ungläubig, aber im Mittelalter immer fromm zur Kirche gegangen. Ich glaube nicht, dass es so war. Wenn Sie im Mittelalter nicht zur Kirche gegangen wären, hätten Sie keine Karriere gemacht. Denn Kirche und Staat bildeten eine Einheit. Wer nicht wenigstens vorgab, fromm zu sein, wurde nichts.

Trotzdem ist es merkwürdig, dass sich die Menschen nicht mehr mit den letzten Fragen auseinandersetzen. Müssen wir denn nicht wissen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“?

Mutschler: Nein, das muss niemand. Sie müssen keine letzten Fragen stellen. Sie können zufrieden sein, wenn Sie zu essen haben und versorgt sind, wenn Ihre Kinder eine gute Schulbildung bekommen und Sie in Urlaub fahren können. Sie können sich komplett im Vorletzten aufhalten.

Demnach ist gegen die „rheinische Lösung“ nichts zu sagen: Glücklich sein, anständig leben, die zehn Gebote und den kategorischen Imperativ so gut, wie es geht, im Blick behalten und ansonsten darauf vertrauen, dass nachher ein gnädiger Gott uns auffängt.

Mutschler: Ja, ja, das geht.

Aber Sie haben vorhin selbst gesagt, eine Gesellschaft, die metaphysischen Fragen ausweiche, gehe vor die Hunde. Also sind die letzten Fragen solche für wenige – für eine Elite.

Mutschler: Der Begriff gefällt mir nicht so gut, weil Sie kein Universitätsstudium absolviert haben müssen, um diese Fragen zu stellen. Die kann jeder stellen. Das beschränkt sich nicht auf eine Bildungselite.

Also muss es Menschen geben, die sich im Interesse der menschlichen Existenz dazu berufen fühlen, diese Fragen zu stellen und mit anderen darüber zu sprechen.

Mutschler: Das wäre wünschenswert.

Aber es geschieht nicht in ausreichendem Maße.

Mutschler: Ja, ich glaube, so ist es.

Wessen Aufgabe wäre es, das zu ändern.

Mutschler: Das wäre auf jeden Fall die Aufgabe der Kirche – aber auch der Philosophie.

Der Wissenschaft generell?

Mutschler: Die Wissenschaft generell sitzt in einem anderen Boot. Der Physiker oder Chemiker hat spezielle Themen zu behandeln, die nicht die Existenz als solche betreffen. Wenn ich Atomphysiker bin, muss ich nicht die Frage nach der menschlichen Existenz stellen, sondern kann davon absehen. Das kann der Philosoph nicht – der Theologe erst recht nicht.

Es wäre aber auch nicht falsch, wenn der Atomphysiker es täte.

Mutschler: Es wäre sehr wünschenswert.

Sie haben in Ihrer Aachener Vorlesung gesagt, die Theologie habe die Technik ein ganzes Jahrhundert lang ignoriert. Ist es dann womöglich verständlich, dass die Techniker heute die Theologie vernachlässigen?

Mutschler: Auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen. Es gibt noch andere Gründe. Als Techniker realisieren Sie mit endlichen Mitteln endliche Ziele. Da kommt Gott nicht vor; muss er auch nicht.

Wie wichtig ist für Sie als Philosoph die Frage nach Gott?

Mutschler: Ich bin Philosoph, und als Philosoph bin ich skeptisch gegenüber Gottesbeweisen. Ich bezweifle, dass die Vernunft einen hinreichenden Begriff von Gott geben kann. Ich bin aber nicht nur Philosoph; ich bin auch Mensch und habe meine Ziele und Ahnungen. Als Mensch bin ich gläubiger Christ. Aber ich vermische das nicht.

Das können Sie auseinanderhalten?

Mutschler: Das muss man auseinanderhalten. Wenn Sie Ihren Glauben und Ihre philosophischen Maßgaben nicht methodisch trennen, mischen Sie in Ihre Philosophie private Glaubensüberzeugungen. Dann sind Sie für jemanden, der nicht gläubig ist, gar nicht mehr verständlich.

Da hat die Theologie es im Wissenschaftsdiskurs aber schwer.

Mutschler: Ja.

Glauben Naturwissenschaftler, dass sie auf metaphysische Fragen verzichten können?

Mutschler: Da müssen Sie unterscheiden wie bei anderen Menschen auch. Es gibt große Naturwissenschaftler wie Albert Einstein (1879-1955), Max Planck (1858-1947) und Werner Heisenberg (1901-76), die sich mit metaphysischen und religiösen Fragen auseinandergesetzt haben. Viele tun es aber nicht; sie müssen es auch nicht. Die Physik funktioniert, auch ohne dass Sie solche Fragen stellen.

Der Philosoph Jürgen Habermas, der sich selbst als „religiös unmusikalisch“ bezeichnet, hat wiederholt dafür plädiert, die Stimme der Religion ernst zu nehmen. In seiner berühmten Frankfurter Friedenspreis-Rede sagte er mit Blick auf Fragen der Gentechnik: „Säkulare Mehrheiten dürfen in solchen Fragen keine Beschlüsse durchdrücken, bevor sie nicht dem Einspruch von Opponenten, die sich davon in ihren Glaubensüberzeugungen verletzt fühlen, Gehör geschenkt haben; sie müssen diesen Einspruch als eine Art aufschiebendes Veto betrachten, um zu prüfen, was sie daraus lernen können.“ Hat Habermas Recht?

Mutschler: Ja, er hat Recht. Habermas war früher nicht so positiv der Religion gegenüber eingestellt. Er glaubte, dass die herrschaftsfreie Kommunikation alles richten und die Religion ersetzen werde. Er hat aber einsehen müssen, dass der Mensch nicht nur einfach theoretisch reflektiert und die moralische Substanz nicht aus der Vernunft kommt. Die Menschen handeln aus dem Bauch heraus oder aus der Intuition oder aus Glaubensvoraussetzungen. Weil Habermas befürchtet, dass unsere Gesellschaft moralisch erodiert, rät er, mit den Gläubigen zusammenzuarbeiten, weil die wenigstens noch an etwas glauben, weil die noch eine moralische Grundüberzeugung haben. Er selbst ist aber nicht gläubig.

Es geht ihm dabei vor allem um Chancen und Risiken der Gentechnik.

Mutschler: Habermas ist beunruhigt durch die Möglichkeiten der Manipulation des Menschen in den Medizintechnologien. Wir haben derart viele Apparate und beschäftigen uns mit so vielen Machtmitteln, die uns zur Verfügung stehen, dass solche Fragen an sich immer dringlicher sind, aber weniger gestellt werden, weil wir uns etwas vormachen.

Der Mensch sei mehr „als eine genetisch programmierte Maschine oder ein rechnergesteuerter Roboter“, haben Sie in Ihrem Buch „Von der Form zur Formel“ geschrieben. Widmet die naturwissenschaftliche, technische Universität RWTH diesem Gedanken genügend Aufmerksamkeit?

Mutschler: Es hat mich sehr positiv überrascht, dass die RWTH diesen Fragen sehr aufgeschlossen gegenübersteht, dass sie nach den Angeboten der Theologen fragt. Das ist nicht überall der Fall. In anderen technischen Universitäten werden Theologie und Philosophie an den Rand geschoben; das ist hier in Aachen anders.

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