Warum die Gjonis wieder hoffen dürfen

Von: Matthias Hinrichs
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Ein Buggy bleibt im Moment leer: Der schwerkranke Anaid wird derzeit im Klinikum behandelt und kann nicht mit seinen Eltern Sonilja und Roland Gjoni sowie seinem Bruder Arnild zum Fototermin vor dem Klinikum erscheinen. Foto: Michael Jaspers
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Haben sich intensiv um die Familie Gjoni gekümmert: Ellen und Bashkim Begolli. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Manchmal gibt es eben doch ein Happy End. Während Hunderte von Flüchtlingen im Grenzland in den sprichwörtlichen Seilen hängen, war das Tauziehen um das Schicksal der Gjonis erfolgreich – zumindest bis auf Weiteres. Und man darf das Bild aus gutem Grund noch ein Stück weiter strapazieren.

„Viele, viele Menschen haben an einem Strang gezogen, um dem kleinen Anaid und seiner Familie den weiteren Aufenthalt in Aachen zu ermöglichen.“ So hat es Linken-Ratsfrau Ellen Begolli dieser Tage formuliert – und hinzugefügt: „Die Aachener sind einfach fantastisch!“

Mitte Juli auf den Weg gemacht

Und so ist nicht nur den Eltern des schwerstkranken Kindes ein riesiger Stein vom Herzen gefallen, nachdem der Nervenkrieg um ihren Verbleib ein erfreuliches Ende gefunden hatte. Heißt: Der dreijährige Anaid, der an einer schwerwiegenden Muskelschwäche leidet, kann weiter im Uniklinikum behandelt werden, er darf mit seinen Eltern und seinem kleinen Bruder Arnild vorläufig bleiben.

Mitte Juli hatten die Gjonis sich in ihrer Verzweiflung auf den Weg nach Deutschland gemacht. In Albanien hatten die Ärzte ihren Sprössling praktisch aufgegeben. Am 20. Juli strandete die Familie zunächst im Inda-Gymnasium, das die Stadt auf „Bitten“ der Bezirksregierung bekanntlich kurzfristig zum Notquartier für formal nicht zugewiesene Asylsuchende umfunktioniert hatte.

Da ahnten Sonila Gjoni und ihr Mann Roland noch nicht, dass sich die zufällige Unterbringung in Aachen für sie als echter Glücksfall erweisen würde. Und zwar vor allem, weil sie in Ellen Begollis Ehemann Bashkim Begolli, seines Zeichens gebürtiger Albaner, nicht nur einen engagierten Dolmetscher, sondern einen wahren Freund fanden.

Wirbelsäulenschaden

Nach wenigen Tagen nämlich musste der Junge wegen Verdachts auf eine Infektion von Kornelimünster ins Uniklinikum eingeliefert werden. Seither ist Bashkim Begolli kaum von seiner Seite gewichen – aus gutem Grund. Der Verdacht auf Tuberkulose bestätigte sich zwar zum Glück nicht. Aber die Ärzte stellten fest, dass das Kind aufgrund seiner Erkrankung einen massiven Wirbelsäulenschaden erlitten hat – Anaid ist schwerbehindert, kann praktisch nicht gehen.

Zudem wurde erhebliches Untergewicht diagnostiziert; da der Junge auch noch unter einer ausgeprägten Karies leidet, muss er per Magensonde künstlich ernährt werden. Dennoch konnte der kleine Patient zunächst die Klinik wieder verlassen. Die Ärzte bescheinigten ihm per Schreiben ans Sozialamt, dass eine „Unterbringung in den beengten Verhältnissen einer Sammelunterkunft“ aus medizinischen Gründen „problematisch“ sei. Das Sozialamt sorgte sofort dafür, dass die Familie ein kleines Appartement an der Vaalser Straße, gleich um die Ecke des Krankenhauses, beziehen konnte.

Dann aber überschlugen sich die Ereignisse erneut. Anaid konnte seine Nahrung nicht bei sich behalten und musste sich wieder in stationäre Behandlung begeben. Am selben Tag jedoch erhielten die Gjonis einen Bescheid der Bezirksregierung Arnsberg, Außenstelle Willich: In offensichtlicher Unkenntnis ihrer Situation wurde ihnen mitgeteilt, dass nunmehr eine Unterbringung in Windeck, Rhein-Sieg-Kreis, angeordnet sei. Dort hätten sie sich innerhalb von drei Tagen einzufinden. Andernfalls würden sie „zwangsweise an den vorgenannten Ort gebracht“.

Ellen und Bashkim Begolli ließen die Telefondrähte glühen, überlegten, ob sie den Oberbürgermeister einschalten sollten, um eine nunmehr offizielle Zuweisung der Gjonis ins Rechtsrheinische mit der tragischen Perspektive einer baldigen Abschiebung zu verhindern. Denn die Familie hat, weil sie aus einem „sicheren Herkunftsland“ stammt, kaum eine Chance, als asylberechtigt anerkannt zu werden.

Schließlich gelang es Ellen Begolli, die zuständigen Sachbearbeiter bei der Bezirksregierung zu überzeugen. „Es wäre völliger Schwachsinn gewesen, das schwerkranke Kind jetzt an irgend einen anderen Ort zu verfrachten, wo die Familie in Aachen doch so viel Unterstützung erhalten hat“, meint die Linken-Ratsfrau. Inzwischen haben die Gjonis sich an der Vaalser Straße gut einrichten können – auch dank tatkräftiger Hilfe der Elisabethinnen aus Preuswald, die diverse Möbel zur Verfügung gestellt haben, und der Internet-Plattform „www.jutestun.de“, über welche wichtige Utensilien des täglichen Bedarfs vermittelt werden.

Unter den gegebenen Umständen, so die Zusage aus Willich, könne man die Familie nun auch formal der Stadt Aachen zuweisen – sofern sie dies akzeptiere. Am Ende stand das Wort des Sozialamtsleiters: „Aus humanitären Gründen machen wir das in dieser speziellen Situation natürlich“, sagte Heinrich Emonts der AZ. „Wir gehen davon aus, dass die Familie nun zumindest eine Duldung erhält.“ Und: Letztlich werde das Land die Kosten für die kleine Wohnung wohl übernehmen.

Der kleine Anaid und seine Familie können also darauf bauen, dass sie zumindest so lange bleiben dürfen, bis sich der Gesundheitszustand des Jungen nachhaltig verbessert hat. „Und das“, meint Ellen Begolli, „war nur möglich, weil sich von Anfang an so viele Menschen für ihn eingesetzt haben – von den ehrenamtlichen Helfern über die fantastischen Ärzte im Klinikum bis hin zu den zuständigen Behörden der Stadt Aachen.“

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