Vorlesung zu Flucht und Migration: Rationalität statt Angst

Von: Kristina Toussaint
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Thema „Flucht, Vertreibung und Migration in Geschichte und Gegenwart“: Die Professoren Dr. Simone Paganini, Emanuel Richter, Armin Heinen, Moderator Klaus Freitag, Christine Roll, Dominik Gruß und Harald Müller (von links) diskutierten zum Ende der Ringvorlesung. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. „Entwurzelt?“ – eine Ringvorlesung der Fachgruppe Gesellschaftswissenschaften an der Technischen Hochschule hat über das Sommersemester Flucht, Vertreibung und Migration untersucht. Die Politikwissenschaftler, Historiker, Soziologen und Theologen haben dabei Flucht in den verschieden Epochen der Geschichte betrachtet, aber auch heutige Fluchtursachen erforscht und ungewöhnliche Perspektiven eingenommen.

Übergeordnet war dabei immer die Frage: Was kann die Wissenschaft zur aktuellen Debatte beitragen?

Die mediale Darstellung der Flüchtlingsproblematik schüre vor allem Ängste und Unsicherheiten, so Dekanin Christine Roll in der abschließenden Podiumsdiskussion zum Ende der Vorlesungszeit. Unter dem Impuls, Vorurteilen und negativen Stimmungen in der Debatte entgegenzuwirken, entstand die Idee zu einer interdisziplinären Ringvorlesung.

Die Betrachtung der Geschichte sei wichtig, so Politikwissenschaftler Emanuel Richter, die Relativierung aktueller Probleme durch den historischen Vergleich sei jedoch unangebracht. Die gegenwärtige Krise bewertet Richter als „frappierend“: Das situative Handeln der Bundesregierung führe zur Aushöhlung des Asylrechts und zu einen mangelhaften Steuerungspolitik. Nationale und europäische Abkommen würden im Ernstfall oft nicht greifen. Der Schengen-Raum stelle als „Schattensystem“ allein ein repräsentatives Instrument dar, das bei Belastung jedoch gänzlich versage – weil er nicht darauf ausgelegt sei und das Abkommen nicht konsequent umgesetzt würde. Als für die Gesellschaft problematisch sieht die Diskussionsrunde nicht die Heterogenität unter den Geflüchteten oder das Aufeinandertreffen von Religionen. Vielmehr die Definition von Fremdheit über den Islam als vermeintlich bezeichnendes Merkmal sei kritisch.

Dominik Groß vom Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin macht darauf aufmerksam, dass die Strukturen beispielsweise im medizinischen System noch nicht auf eine veränderte Gesellschaft ausgerichtet sind. Im Alltag prallten traditionalistische, westlich-christliche Auffassungen von Krankheit auf ganz andere Ansätze und Vorstellungen. „Man hat andere Patienten als früher, aber den gleichen Umgang“, so Groß. Interkulturelle Kompetenzen seien gefragt. Debatten müssten zugelassen und Ängste ausgehalten werden, so Armin Heinen, Professor für neue und neueste Geschichte. Der „deutsche Sonderweg“, der eine relativ gut funktionierende Einwanderungsgesellschaft ermöglicht, habe sich nur durch eine permanente Diskussion entwickeln können.

Die Wissenschaft könne keine Vorhersagen für die Politik treffen, war sich die Runde einig. „Historisch begründete Prognosen zur weiteren Entwicklung der Problematik halte ich für äußerst gefährlich“, so Richter. Was die Wissenschaft jedoch leisten kann, ist das Augen öffnen: Einerseits durch die Untersuchung von Fluchtursachen, andererseits durch die Konfrontation mit Geschichte und das Erinnern. Diese rationale Auseinandersetzung vermag es, einen Gegenpol zu geschürten Ängsten und Vorurteilen zu schaffen.

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