Aachen - Von Odysseus und anderen Antihelden

Von Odysseus und anderen Antihelden

Von: Sebastian Maassen
Letzte Aktualisierung:
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Spannende Diskussionsrunde mit Schülern: Michael Köhlmeier, Träger des Walter-Hasenclever-Preises, war gestern zu Gast im Einhard-Gymnasium. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Am Sonntag hat Michael Köhlmeier den Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen erhalten. Zahlreiche geladene Gäste waren anwesend. Gestern musste der österreichische Autor sich vor einem ganz anderen Publikum behaupten: Schülern des Einhard-Gymnasiums.

Die Aula ist schon vor Beginn der Veranstaltung brechend voll. Als Köhlmeier gegen 10 Uhr den Saal betritt, brandet Jubel auf. Es ist deutlich zu spüren, wie sehnsüchtig die Schüler ihn erwartet haben. Nicht zuletzt ihnen ist es zu verdanken, dass Köhlmeier die diesjährige Auszeichnung bekommen hat, denn wer das Einhard-Gymnasium, die frühere Schule Walter Hasenclevers, besucht, hat traditionell ein Wörtchen bei der Auswahl des Preisträgers mitzureden.

Lou-Reed-Hit als roter Faden

So sind es zunächst auch die Schüler, die im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen. Unter dem Motto „Walk on the wild side – Unser Abenteuer des Lesens und Lebens“ versuchen sie, die Bedeutung antiker Mythen für die heutige Zeit zu erschließen.

Der Lou-Reed-Klassiker zieht sich als roter Faden durch die Veranstaltung. Ebenso wie das Motiv der Nautik, denn Köhlmeiers Lieblingsheld der griechischen Mythologie ist Odysseus. Eine durchaus aktuelle Figur, wie der Autor findet. Ein „Antiheld“ mit einer „Obsession für Frauen“ und zudem der „erste bekannte Kriegsdienstverweigerer“. Ihm räumt er viel Platz ein in seinem „großen Sagenbuch des klassischen Altertums“, einer Neuinterpretation antiker Stoffe, die schon so manchem der Anwesenden „beim Verständnis vieler Lektüren geholfen“ hat.

Das „Sagenbuch“ liegt offensichtlich auch der PowerPoint-Präsentation zugrunde, in der die Schüler einige Stationen der Odyssee mit viel Liebe zum Detail nachstellen. Da wird die Begegnung mit Skylla und Charybdis zum Kampf Playmobilfigur ver­sus Handpuppe, die Höhle des Zyklopen zum Hörerlebnis. „Sehr beeindruckend“, lobt Köhlmeier.

Der anschließende Talk ist nicht minder unterhaltsam. „Was machen Sie, wenn Sie traurig sind?“, wird der Autor gefragt. Antwort: „Ich gehe in die Apotheke und besorge mir ein Medikament.“

Ähnlich souverän geht Köhlmeier mit allen Publikumsfragen um. Mal antwortet er kurz, mal ausführlich, aber immer präzise. Ob er über die Inspirationsquellen für seine Werke spricht oder seine persönliche Auslegung des kategorischen Imperativs erläutert, seine Ausführungen bleiben stets nachvollziehbar.

Köhlmeier hat keinerlei Berührungsängste. Ganz offen erzählt er, er habe wenig übrig für Metaphern. Auch wisse er zu Beginn einer Buchseite oft nicht, wie sie enden werde. Die Ent­mys­ti­fi­zie­rung des Autors. Aber auf sym­pa­thische Art. Dabei wäre Köhlmeier um ein Haar gar kein Schriftsteller geworden. Er habe immer einen Hang zur Mathematik gehabt, sagt er. Nur die glühende Leidenschaft seines Deutschlehrers ließ ihn umschwenken.

Dr. Maria Behre, Lehrerin am Einhard-Gymnasium und Mitglied der Walter-Hasenclever-Gesellschaft, teilt diese Leidenschaft. Sie hat mit Köhlmeier genau das gefunden, was sie sich im Vorfeld gewünscht hat: einen Autor, der sich nicht scheut, mit jungen Menschen in Diskurs zu treten und ein philosophisches Gespräch auf Augenhöhe zu führen. „Das ist ein wahres Geschenk“, sagt sie. „Meine Hoffnungen sind übertroffen worden.“

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