Von Kopf bis Fuß auf Gesundheit eingestellt

Von: Carolin Cremer-Kruff
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Gesund und fit in allen Lebenslagen: Dr. Arvi Päärmann schwört auf den Lebensentwurf von Sebastian Kneipp – und auf grünen Tee für das komplette Wohlbefinden. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Dr. Arvi Päärmann ist von Kopf bis Fuß auf Gesundheit eingestellt. Wenn man seine Praxis für Alternative Augenheilkunde betritt, spürt man das sofort: Ruhige und leise Musik im Hintergrund, helle freundliche Räume und eine dampfende Tasse mit erlesenem grünen Tee steht auch schon parat.

Päärmann ist aber nicht nur Arzt und in ehrenamtlicher Tätigkeit als Vertreter für Complementäre und Alternative Medizin (CAM) im BVA (Berufsverband der Augenärzte) unterwegs, sondern er ist auch seit einigen Monaten 1. Vorsitzender des Aachener Kneipp-Vereins. Im vergangenen Jahr feierte der Verein sein 120-jähriges Bestehen. Wasser ist eines der Hauptelemente beim Kneippen – wohin könnte das besser passen als in die Kaiserstadt mit all ihren Quellen? Päärmann möchte dafür sorgen, dass in Zukunft wieder mehr jüngere Menschen mit Kneipp ihre „Gesundheitskarriere“ starten, am besten natürlich bei ihm im Verein. Denn, so sagt er: Dieser strotzt nur so vor Gesundheit.

Sie sind überzeugter Kneippianer. Warum?

Päärmann: Weil Kneippen so viel bewirken kann, und das präventiv: Stressabbau, eine Verbesserung der Durchblutung, Stärkung des Immunsystems, Stärkung der Venen, man kann abschalten, in den meisten Fällen ist man an der frischen Luft, das Wohlbefinden wird durch eine bessere Ernährung gesteigert.

Moment: Wohlbefinden durch gesunde Ernährung? Was hat das denn mit Wassertreten zu tun?

Päärmann: Mit dieser Rückfrage habe ich gerechnet. Denn Kneippen ist mehr als Wassertreten. Kneippen ist eine Lebenseinstellung, ja, fast schon eine Lebensphilosophie für ein gesundes Leben auf ganzer Linie. Im Grunde genommen besteht die Kneipp-Therapie nach seinem Erfinder Sebastian Kneipp nämlich aus fünf Elementen: Wasser, Ernährung, Heilpflanzen, Bewegung und Lebensordnung. So sollen Körper, Geist und Seele mit der Natur in Einklang gebracht werden. Kneippen hört also nicht auf, sobald ich eine Anwendung beendet habe, sondern zieht sich bestenfalls durch mein ganzes Leben. Wie sagt man heute so schön: Die Work-Life-Balance kann so wieder hergestellt werden.

Dennoch klingt „Kneippen“ in den meisten Ohren wohl sehr altmodisch. Ist Kneippen wirklich nur etwas für die Generation 50plus oder hat es bei jüngeren Menschen einfach ein Image-Problem?

Päärmann: In der Tat gehöre ich von den 134 Mitgliedern mit meinen 60 Jahren zu den jüngsten im Aachener Kneipp-Verein. Das ist natürlich einerseits ein schönes Gefühl, auf der anderen Seite würde ich mich freuen, wenn wieder mehr jüngere Menschen – vor allem Kinder – Interesse für das Kneippen entwickeln würden. Denn Kneippen tut jedem gut, unabhängig vom Alter. Wenn auf diese Weise verschiedene Generationen Kontakt zueinander finden, wäre das optimal. Daher organisieren wir am 13. Juni das Sommer- und Kinderfest „Jung trifft Alt“ bei uns auf dem Gelände. Unser ältestes Mitglied beispielsweise ist 96 Jahre. Eine 90-jährige top-fitte Frau ist mittlerweile bei uns Ehrenmitglied und hat peu à peu ihre ganze Familie vom Kneippen überzeugen können. Alle sind jetzt bei uns im Verein und eingefleischte Kneippianer. Insofern kann man tatsächlich sagen: Ja, Kneippen hat ein Image-Problem, aber völlig zu Unrecht.

Warum entscheiden sich denn tendenziell eher ältere Leute für das Kneippen?

Päärmann: Ab 60, 70 Jahren ist es nicht mehr so einfach, Kontakte über den Beruf oder in anderen gesellschaftlichen Bereichen zu knüpfen. Wo ist das jedoch noch möglich? Genau: im Verein, über den Sport. Die meisten älteren Menschen möchten jedoch keinen Hochleistungssport mehr machen, sondern möchten beim Sport einen Entspannungseffekt verspüren und zudem mit anderen Menschen ins Gespräch kommen. Beim Kneippen sind sie da genau an der richtigen Adresse. Denn dabei kann man gleichzeitig – wenn man möchte – neue Leute kennenlernen. Unser Verein organisiert ja auch Feste, Kegelabende, Wanderungen und Tagesfahrten, die nächste am 6. Juni.

Und das ohne sportlichen Leistungsdruck.

Päärmann: Genau. Den Konkurrenzgedanken gibt es bei uns nicht. Jeder möchte aktiv etwas Gutes für sich tun, sein eigenes Tempo finden – z. B. beim Pilates. Das würde auch vielen jüngeren Menschen gut tun. Viele powern sich nach einem anstrengenden Arbeitstag auch noch beim Sport aus, trainieren für große Ziele, z. B. einen Marathon in ihrer Freizeit. Ich frage dann immer: Warum entspannt ihr euch nicht in der Freizeit, warum klinkt ihr euch nicht einfach mal aus diesem Hamsterrad aus? Kneippen ist in dieser Hinsicht eine ganz hervorragende Möglichkeit. Hierbei geht es nicht um das Credo „Forever Young“, sondern darum, die Qualität des Lebens selbst zu bestimmen und auch möglichst gesund älter zu werden, und damit agiler, sowohl körperlich als auch geistig. Bei vielen steht die Freizeit mittlerweile unter dem Motto „Action, Action, Action“, Kneipp hingegen fährt runter, hat etwas Beruhigendes.

Okay, nehmen wir mal an, Sie wären Werbetexter: Wie würden Sie versuchen, auch den letzten Zweifler vom Kneippen zu überzeugen?

Päärmann: Kneippen ist ein unvergleichliches Gefühl: Wenn du mit deinen nackten Füßen das Wasser verlässt und das frische Gras unter deinen Füßen spürst und dann merkst, wie die Wassertropfen an der frischen Luft unter den Sonnenstrahlen langsam auf deiner Haut trocknen. Das ist besser als das Coca-Cola-Frischegefühl.

Sie sprachen eben auch Pilates an. Der Aachener Kneipp-Verein bietet also neben Kneippen noch ganz andere Gesundheitsangebote?

Päärmann: Genau, wir entwickeln uns immer weiter, versuchen am Puls der Zeit zu bleiben und ein umfassendes Gesundheitsangebot für unsere Mitglieder bereitzustellen. So bieten wir z. B. neben Pilates auch Gymnastik, Hatha-Yoga und Nordic Walking an. Diese Kurse werden ausschließlich von fachlich ausgebildeten Trainern geleitet und sind für jeden Geldbeutel erschwinglich.

Was erwartet mich, wenn ich das Kneipp-Gelände am Preusweg aufsuche?

Päärmann: Das Gelände ist einfach ein Paradies am Rande der Stadt: weitläufig, viel Grün, direkt am Waldrand, frische Luft und im Sommer Sonnenschein ohne Ende. Zurück zur Natur, der ideale Platz für Familien. Hier herrscht eine ungezwungene Atmosphäre, die einen kleinen Urlaub vom Alltag zulässt. Und natürlich gibt es die typischen Stationen im Kneipp-Haus: Wassertretanlage, Armbadanlage, Schlauch für Wassergüsse. Manche Mitglieder verbringen im Sommer ganze Tage bei uns auf dem Gelände, Kinder können hier in Ruhe spielen.

Dennoch könnte das Gelände einen modernen Anstrich vertragen.

Päärmann: Das stimmt. In erster Linie werden unsere Mitgliedsbeiträge für die Pacht des immerhin 7169 Quadratmeter großen Kneipp-Geländes verwendet. Für Investitionen in eine moderne In-frastruktur bleibt da nicht mehr viel übrig. Zumal wir unsere Mitgliedsbeiträge bewusst sehr niedrig halten, damit jeder – ganz gleich, ob arm oder reich – die Chance hat, Zugang zum Kneipp-Gelände zu bekommen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass wir irgendwann einen Sponsor finden, so dass wir das Gelände noch einmal auf Vordermann bringen können, eventuell mit einem neuen Kneipp-Haus und einem Schwimmbad. Bis dahin funktioniert trotzdem alles, vor allem mit der großartigen Unterstützung vieler Helfer aus dem Verein.

Muss man fürs Kneippen unbedingt zu Ihnen auf das Gelände kommen?

Päärmann: Nein, Kneippen kann man auch zu Hause und lässt sich wunderbar in den Alltag integrieren. Aber natürlich ist es draußen an der frischen Luft immer noch am schönsten. Unter der Dusche kann man allerdings problemlos die typischen Kneipp-Güsse vornehmen – ohne viel Aufwand, z. B. ein Armbad. Dazu gibt es den schönen Spruch: Ein Armbad ist die Tasse Tee des Kneippianers. Übrigens auch kreisende Augengüsse, um die Partien rund ums Auge zu durchbluten. Das ist nicht nur gesund, sondern auch ein wahrer Schönheitskick. Die Haut ist danach einfach viel rosiger und frischer. Da kann keine teure Anti-Aging-Creme mithalten. Das Geld kann man sich definitiv sparen.

Ihre jährlichen Fortbildungsreisen zu den „Wurzeln“ der Medizin haben Sie bereits nach China, Taiwan, Kambodscha, Vietnam und Tibet geführt. Kommt Ihnen da das Kneipp-Gelände in Aachen nicht nahezu langweilig vor?

Päärmann: Ganz im Gegenteil. Denn eines habe ich bei meinen Reisen gelernt: Grundverständnisse von alternativer Medizin und auch Homöopathie unterscheiden sich in vielen Ländern nicht großartig voneinander. Viele Dinge haben einfach nur verschiedene Namen. Und manchmal klingt der eine Name vielleicht etwas exotischer als der andere und weckt daher eher die Neugierde der Menschen. Daher bin ich überzeugt: Der Name „Kneipp“ muss einfach wieder mehr Sexappeal bekommen, dann könnte das einen neuen Kneipp-Boom auslösen.

Glauben Sie wirklich daran, dass Kneippen wieder ein Comeback schaffen kann?

Päärmann: Ja, ganz fest. Auch bei vielen jüngeren Menschen stelle ich wieder eine große Sehnsucht nach Ruhe und Entspannung fest. Es gibt auch immer mehr „zertifizierte Kneipp-Kitas“, so dass schon die Allerkleinsten mit dieser traditionsreichen Gesundheitstherapie in Berührung kommen. Sebastian Kneipp hat viele dicke Wälzer geschrieben und ich bin heute noch erstaunt, was für kluge Gedanken ich dort finde. Insofern ist Kneipp immer noch modern, er ist nur ein bisschen in Vergessenheit geraten.

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