Von der „Kinderbewahrschule” zum hochmodernen Seniorenheim

Von: Werner Czempas
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Ein idyllischer Ort für den H
Ein idyllischer Ort für den Herbst des Lebens: Das Haus Marien-Linde an der Eifelstraße öffnet anlässlich seines 50. Geburtstages für zwei Tage die Pforten für die Allgemeinheit. Foto: Harald Krömer

Aachen. Das Haus ist viel jünger als sein Name. Doch der steht für eine gesellschaftliche Institution im Ostviertel und ist Begriff auch in der ganzen Stadt. Das Altenheim Haus Marien-Linde in der Eifel-straße 27 ist 50 Jahre alt.

Am kommenden Freitag und Samstag wird das Jubiläum mit einem ”Tag der offenen Tür” gefeiert. Alle können mitfeiern.

Die Eifelstraße Nummer 27 kann Geschichte erzählen. Denn dort, wo heute ein modernes Altenheim mit seiner Fassade aus hellem Klinker und kantig-großen Erkern aus grün gestrichenem Stahl und viel Glas das Bild der Eifelstraße mitprägt, öffnete vor mehr als 100 Jahren, im November 1895, das Marienhospiz seine Pforten. Alte Unterlagen verraten einiges über die sozialen Verhältnisse jener Zeit. Das Hospiz hatte sich vorgenommen, „die Gegensätze der Stände zu mildern, die Wunden des Arbeiterstandes zu erkennen und zu heilen und die gegenseitige Achtung zu fördern”.

Die Wunden des Arbeiterstandes

Die Wunden des Arbeiterstandes im kaiserlich-preußischen Hohenzollern-Regiment! Das Marienhospiz führte deshalb im Aachener Arbeiterviertel ein „Haushaltungspensionat mit 55 im Haus lebenden Mädchen/ jungen Frauen / Übernachtungskosten: 60 Pfennig wöchentlich”, eine „Sonntagsschule” mit Unterricht im Kochen, Nähen und anderem für bis zu 200 Mädchen, eine „Kinderbewahrschule” mit bis zu 150 betreuten Kindern und eine „Volks-/Armenküche” für bis zu 70 Familien, was erschreckend an die „Aachener Tafel” unserer Tage erinnert.

Bis in die Vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts diente das Marienhospiz auf diese Weise. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dort eine „Notkirche” für den Pfarrsprengel St. Josef eingerichtet - von 1947 bis 1951 mit bis zu 700 Plätzen und heute unvorstellbaren sechs Sonntagsmessen. Zehn Jahre später, 1961, eröffnete die Pfarre in ihrem alten Haus das Altenheim Marien-Linde.

Altenheime damals sind über Jahrzehnte nicht zu vergleichen mit heutigen Senioren-Stätten. Petra Kallipossis (44) erinnert sich: „Als ich vor 17 Jahren hier als Praktikantin anfing, waren alle Räume duster. Ich bin nach Hause und habe gesagt: Da arbeite ich nicht länger. Es war echt krass.” Dunkel, enge Zimmerchen, olle Schränke, ein Bad für alle pro Etage, nur drei Toiletten. Die Praktikantin blieb, und heute ist Petra Kallipossis Leiterin des Pflegedienstes.

Von Ende 2000 bis Mitte 2002 ließ die Pfarre St. Josef als Trägerin das alte Haus Eifelstraße 27 radikal um- und neubauen und modernisieren. Für damalige runde 14 Millionen Deutsche Mark entstand ein Haus mit allem Wohlfühl-Komfort: 90 Bewohner in drei Wohnbereichen über sechs Etagen, große lichtdurchflutete Einzelzimmer, einige Doppelzimmer, alle mit gekacheltem Sanitärbereich mit Dusche und WC, helle Möbel oder die eigenen, helle Türen, helle Böden, die Wände in Pastellfarben, jeder Flur anders. ”Hier ist es so schön hell”, sagen Besucher spontan.

Seit 17 Jahren leitet Walter Ditscheid das Seniorenheim. Rund 100 Mitarbeiter kümmern sich in drei Schichten um das Wohl der alten Herrschaften. Ditscheid hat die rasanten Veränderungen in der stationären Altenhilfe hautnah miterlebt. Reichte Marien-Linde 1961 im alten Haus ein kleiner Pflegebereich im Parterre für 15 Prozent der Bewohner, ist der Anteil der Pflegebedürftigen wie andernorts heute auf nahezu 100 Prozent explodiert. Im gleichen Zeitraum nahm die Zahl der dementiell und/oder psychisch erkrankten Heimbewohner ebenfalls sprunghaft von 30 auf mehr als 70 Prozent zu.

„Ein wichtiger Aspekt unserer Arbeit”, erzählt Walter Ditscheid, „ist deshalb die psychisch-soziale Betreuung, wichtig das Aufgreifen der Biografie unserer Bewohner.” Beharrlich baute Ditscheid einen Sozialdienst auf, der mit Werner Schwarzer und den Kolleginnen Hilde Ening und Alexandra Souren überdurchschnittlich gut besetzt ist. Der Sozialdienst kümmert sich unter vielem anderen etwa um Gartenfeste wie jetzt am Donnerstag mit Grillen, Spielen, Singen und Live-Musik, unternimmt mit eigenem Kleintransporter mit Rollstuhlhalterungen Ausflüge oder organisiert für die, die das kräftemäßig noch schaffen, alljährlich ein paar Tage Urlaub an Rhein oder Mosel. Medienschrank und Großwandleinwand ermöglichen Kino im Festsaal, der dreimal in der Woche auch als Cafeteria dient. Es gibt Bingo, Kegeln, den Männerstammtisch im „Insulaner” am Neumarkt oder im Brander Bahnhof, die wöchentliche Zeitungsrunde und, und, und.

Haus Marien-Linde ist aus dem Ostviertel nicht wegzudenken: Altenstube, Altentagesstätte, Gottesdienste in der prachtvollen Kapelle, Veranstaltungen, Mittagstisch für alle über 60 mit drei Gängen für zivile 3,50 Euro, täglich frisch aus der eigenen Küche, deren Kuchen und vor allem der Bienenstich im Viertel berühmt sind. Werner Schwarzer freut sich über eine neue, bestens angekommene Idee, die „Generationenbrücke”, zu der ein Jahr lang zweimal monatlich die 8. Klasse, 14- und 15-Jährige, der Hauptschule Aretzstraße anrückte. Schwarzer: „Alt und jung lernten sich kennen, spielten miteinander, klönten und haben sich klasse verstanden.” Eine neue Klasse für eine weitere Generationenbrücke ist in Aussicht.

Offene Türen für Neugierige

All das können Neugierige an den Offene-Tür-Tagen erleben. Und im herrlichen Garten lustwandeln, Augenweide und blumenreicher Park mit Sonnenhalle und Pavillon und Sitzgruppen und ohne Zaun gleich daneben der Kindergarten von St. Josef, von wo die Kleinen häufig bei den Senioren mal vorbeischauen zum Spielen, Singen, Malen oder einfach Quatschen. Und im grünen Winkel unter der alten Linde steht als lebensgroße Steinstatue Maria mit dem Kinde. Haus Marien-Linde!

Zwei Tage im Zeichendes Geburtstags

Zum 50-Jährigen Bestehen lädt das Altenheim Marien-Linde in der Eifelstraße 27 an zwei Tagen zum „Tag der Offenen Tür” ein:

Freitag, 23. September: 14 - 18 Uhr; 14.30 Uhr Auftritt Kindergarten St. Josef im Garten; 15 - 16 Uhr Singen; Grillen, Bier vom Fass, Kuchen, Eis, Kaltgetränke.

Samstag, 24. September: 10.30 - 14.30 Uhr; 12.30 Uhr Singen; Gulaschsuppe, Bier vom Fass, Kuchen, Eis, Kaltgetränke.

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