Vom Pranger bis zum Contergan-Prozess

Von: Eva Onkels
Letzte Aktualisierung:
10812528.jpg
Stellten das neue Buch „Recht und Unrecht - 1200 Jahre Justiz in Aachen“ im Sparkassen-Forum vor: (v.l.) Dieter Bischoff, Werner Pfeil, Norbert Laufs und Frank Pohle. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Auch an der Aachener Justiz sind 1200 Jahre nicht spurlos vorbeigegangen. Das neu erschienene Buch „Recht und Unrecht – 1200 Jahre Justizgeschichte in Aachen“ begleitet den Weg des Rechts in der Kaiserstadt von den Kapitularien Karls des Großen bis hin zum Contergan-Prozess in den 1960er Jahren.

Dazwischen liegen unzählige Gerichtsstände in und um Aachen im Mittelalter, die Zeit der Franzosen und Preußen und der Nationalsozialismus. Das von der AKV Sammlung Crous herausgegebene Buch ist ein Blick auf ganz unterschiedliche Kapitel der Aachener Justizgeschichte und ganz sicher nicht nur für Juristen spannend.

Frank Pohle, Juniorprofessor an der RWTH, berichtete von seinen Leseerfahrungen und ermöglichte darüber hinaus den Zuhörern einen spannenden Einblick in die Aachener Justizgeschichte. Orte und Gegenstände, an denen Geschichte erfahrbar wird, hält Pohle für wesentlich für ein besseres Verständnis von Geschichte. Rechtshistorische Orte gibt es in Aachen mehr als auf den ersten Blick vermutet werden kann.

Sogar der Markt ist als solcher zu bezeichnen, schließlich musste der rechtliche Rahmen für ein Markttreiben erst einmal geschaffen werden. Gleichzeitig sind Märkte auch Orte, an denen Recht gesprochen werden kann. Ein anderer rechtshistorischer Ort ist der Katschhof, dessen Name schon sagt, dass hier einst der Pranger stand. Das Buch beginnt mit der Zeit Karls des Großen. „Auch vorher ist schon Recht gesprochen worden“, so Pohle, doch die Quellenlage sei zu dünn, es gäbe keine Aufzeichnungen aus vorkarolingischer Zeit.

„Aber 1200 Jahre sind auch schon einen Tradition“, meint er mit einem Augenzwinkern. Das neue Buch kann keinen vollständigen Blick auf die Aachener Justizgeschichte geben – will es aber auch gar nicht. Das Herausgreifen einzelner Aspekte ist dafür sehr gut gelungen und manchmal auch lustig zu lesen. Anders als heutzutage, war die erste Niederschrift rechtlicher Texte zu Zeiten Karls des Großen, beispielsweise sehr ungeordnet.

Es gab kein Bürgerliches Gesetzbuch, Strafgesetzbuch oder die Strafprozessordnung. Gesetze zu Mord und Totschlag standen neben Anordnungen wie beispielsweise: „Man soll keine Bäume anbeten.“ Dennoch waren Karls Kapitularien der erste Versuch einer „normativen Gesetzgebung“ und wesentlich für die weitere Entwicklung Aachener und auch deutscher Rechtssprechung.

Ein weiteres spannendes Kapitel im Buch behandelt die Hexenverbrennung in der frühen Neuzeit: „Was heute Boko Haram und ISIS tun, war bei der Hexenverbrennung auch in Europa weit verbreitet“, so Pohle und dieser Satz öffnet einem vielleicht mehr die Augen, als man das im Hinblick auf Aachen gerne hätte.

Ein besonderes Fundstück hält das Buch auch in Bezug auf den Nationalsozialismus bereit. Ein Artikel beschäftigt sich mit einem Fund im Aachener Amtsgericht. Bei einem Umzug fand man Verwaltungsakten von 1933 bis 1945, durchaus interessant für Rechtswissenschaftler und Historiker, ermöglichen solche Texte doch Einblicke in die Verwaltungsgerichtsbarkeit, die man im Nationalsozialismus vielleicht nicht unbedingt als funktionierend vermutet. Ebenso setzt sich das Buch auch mit der Frage auseinander, wie Anwälte im Dritten Reich arbeiten konnten.

Das Werk ist ab sofort im Buchhandel erhältlich.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert