Aachen - Viele kleine Meisterwerke über viele große Künstler

Viele kleine Meisterwerke über viele große Künstler

Von: Matthias Hinrichs
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Ob kleine Comic-Serien oder große Gemälde: Willi Blöß‘ Werke haben in jedem Format Format. Inzwischen hat der Aachener Künstler bereits 27 gezeichnete Kurzbiografien veröffentlicht. Seine Werke erfreuen sich nicht nur bei Schulen und Museen großer Beliebtheit. Foto: Andreas Steindl
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Hommage an den Urvater des Comics: Im vergangenen Sommer ist Willi Blöß‘ Comic über Wilhelm Busch erschienen. Repro: Michael Jaspers

Aachen. Mit seinen turbulent-witzigen – und allemal lehrreichen – Bildergeschichten hat sich Willi Blöß längst eine feste Fangemeinde gesichert. Seine kleinen, aber mit viel Liebe zum Detail und reichlich Hintergrundwissen gespickten Kurzporträts über berühmte Künstler suchen ihresgleichen im klassischen Genre: Willi Blöß ist Comic-Zeichner aus Leidenschaft.

Inzwischen hat er bereits 27 großen Künstlern mit seinen Mini-Biografien ein Denkmal gesetzt, seine Werke sind vor allem in Schulen und Museen echte Renner. Im AZ-Interview erzählt Blöß, wie es dazu kam – und warum er den Zeichenstift so bald auf gar keinen Fall zur Seite legen möchte.

Gerade ist Ihr jüngstes Werk über Rembrandt erschienen, kürzlich erst haben Sie Wilhelm Busch ein Denkmal auf 24 Seiten gesetzt. War auch Zeit, oder? Er gilt als Urvater des Comics – einverstanden?

Blöß: Klar. Und nach ihm kam erst mal sehr lange nichts – jedenfalls nicht in Deutschland. Man kann sagen, dass der berühmte amerikanische Verleger Randolph Hearst Wilhelm Buschs Erbe in gewisser Weise gerettet und weiterentwickelt hat, weil er den „Marktwert“ seiner Bildergeschichten erkannt hat. Schon Ende des 19. Jahrhunderts hat Hearst seinerseits den ersten Comic-Strip in Anlehnung an „Max und Moritz“ herausgegeben – übrigens unter dem deutschen Titel „The Katzenjammer Kids“.

Wilhelm Busch hat die biedere Bürgerlichkeit seiner Zeit oft mit sarkastisch-satirischen (Über-)Zeichnungen aufgespießt. Wäre einer wie er heute noch erfolgreich?

Blöß: Auf jeden Fall. Er war immer am Puls seiner Zeit, und er war in der Tat ein großer Grantler; ich sehe ihn da auch in der Tradition mit vielen „Kollegen“, von Karl Valentin bis Marcel Reich-Ranicki. Er konnte schimpfen wie ein Rohrspatz, das finde ich sehr erfrischend. Das war sozusagen sein Prinzip, wobei Busch viele andere Talente hatte. Er schrieb Gedichte und Romane, malte auch Ölbilder. Derbe Späße waren allerdings sein Markenzeichen. Im Grunde hat er fast alles vorgegeben, was Walt Disney später so erfolgreich gemacht hat, Slapstick und heftige Übertreibungen inklusive. In meinem Comic spiele ich am Ende darauf an: Die Ente, die die sterblichen Überreste von Max und Moritz frisst, wird von ihrem Artgenossen Donald Duck beäugt . . .

Sie selbst scheinen eher ein Meister der Untertreibung, haben einmal von sich gesagt: „Eigentlich kann ich nicht besonders gut zeichnen.“ Gehört das zur Koketterie des Künstlers?

Blöß: (lacht) Mag sein, das kam wohl etwas schräg herüber. Das kam wohl auch aus dem Bewusstsein heraus, dass es so viele brillante Grafiker gibt.

Immerhin sind Sie nicht nur gelernter Architekt, sondern haben auch als Werbegrafiker und -texter gearbeitet. Wie kam es zum Entschluss, „nur“ noch Comics zu machen?

Blöß: Schon als Kind habe ich immer zeichnen wollen, es war mir auch schon früh klar, dass ich das beruflich machen möchte. Dann habe ich angefangen, mich für Künstlerbiografien zu interessieren, und habe gemerkt, dass da reichlich Potenzial drin steckt – jenseits von irgendwelchen Modetrends. Ich finde, die Geschichten sind wichtig für alle Menschen, sie gehen jeden irgendwie an, und es ist einfach ein tolles Gefühl, Leute auf diese Weise, durch Illustrationen und kurze Texte, für große Maler begeistern zu können.

Vor ein paar Jahren galten Comics vielfach noch als „Schund“. Ist das Klischee inzwischen ausradiert?

Blöß: Sowas erzählen nur Leute, die keine Comics kennen, das hat wohl etwas mit Berührungsängsten zu tun. Im Grunde ist es beim Comic wie bei jeder Kunstform, wie bei der Musik: Es gibt gute und schlechte. Ich brenne jedenfalls für meine Arbeit und stelle fest, mit welcher Begeisterung sie aufgenommen wird. Ich bekomme tatsächlich fast jeden Tag Zuschriften mit viel Lob. Es geht ja nicht nur um Micky Maus und Co. Ich kenne Professoren, die halten ihre Seminare oder Vorlesungen mit Hilfe von Comics, egal ob es zum Beispiel um Wirtschaftsgeschichte geht oder um das Weltklima. Auch unsere Nachrichten werden zunehmend visualisiert, insofern sind Comics durchaus im Trend.

Trotzdem mögen Sie es nicht, wenn man ihre Werke als „Bildungslektüre“ in eine bestimmte Ecke stellt. Warum eigentlich nicht?

Blöß: Weil bei diesem Wort quasi direkt eine Klappe heruntergeht. Ich gebe zu, dass es mir schwerfällt, meine Arbeit mit solchen Begriffen zu definieren. Hauptsache ist doch, dass die Menschen Lust haben, sie sich anzuschauen. Ich stehe dazu, dass meine Werke in Gestalt gut konsumierbarer Heftchen daherkommen: Innerhalb von 15 Minuten kann man hier sehr viel über berühmte Menschen erfahren – wo gibt es das sonst?

Dafür sind Sie 2012 mit dem deutschen Biografiepreis geehrt worden. Gab ein spezielles Heft den Ausschlag?

Blöß: Nein, ich bin explizit als Erfinder dieser Reihe ausgezeichnet worden. Das war eine tolle Veranstaltung seinerzeit in Nordwalde, wo der Preis verliehen wurde; da waren Prominente wie Mario Adorf oder die Witwe von Steve McQueen zu Gast.

Sie haben mittlerweile 28 Comic-Biografien vorgelegt, die Serie der Porträtierten reicht von Beuys über van Gogh und Salvador Dalí bis Horst Janssen und David Hockney. Welche Arbeit war bislang die schwierigste?

Blöß: Schwierig sind alle. Beuys und Hockney waren schon extrem kompliziert. Aber das ist ja gerade meine Spezialität: schwierige Dinge leicht verständlich zu machen. Zwei der Porträtierten habe ich übrigens persönlich kennengelernt, Otmar Alt und Klaus Staeck. Die waren am Anfang ziemlich skeptisch, am Ende aber begeistert.

Wie lange arbeiten Sie an einer solchen, in der Regel 24-seitigen Biografie?

Blöß: Auf jeden Fall mehrere Monate, ich mache ja alles allein mit meiner Frau – wir sind Verleger, kümmern uns um den Vertrieb und so weiter. Meist brauche ich allein acht Monate für die redaktionelle Vorarbeit. Meine Werke werden ja vor allem von Museen und Schulen nachgefragt. Da muss alles hundertprozentig korrekt sein, das wird von Fachleuten geprüft. Bevor ich mich ans Zeichnen mache, fasse ich alles, was andere auf tausenden Seiten aufgeschrieben haben, auf vier Din-A-4-Seiten per Maschine zusammen.

Wie muss man sich die eigentliche Gestaltung des Comics vorstellen?

Blöß: Meist entwickle ich die Bildergeschichten im Sommer im Atelier in Spanien, wo die Familie meiner Frau lebt. Ich versinke dann völlig darin, fast wie hinter Klostermauern, meist ist das Zeichnen an sich innerhalb von zwei Wochen erledigt. Vom Stil her orientiere ich mich zunehmend an den Künstlern, die ich porträtiere. Es ist immer sehr spannend, die richtige Mischung zu finden, damit meine eigene Handschrift erhalten bleibt.

Wie groß ist der Spagat zwischen Unterhaltung, Kommerzialisierung und pädagogischem Sendungsbewusstsein?

Blöß: Gewinnmaximierung ist jedenfalls nicht mein Ding. Ich möchte Menschen erreichen, die die übliche Fachliteratur nicht nutzen. Meine Comics kosten nur drei Euro. Ich sehe meine Arbeit als kleines Puzzleteil in der Kunstvermittlung. Den pädagogischen Holzhammer packe ich dabei bestimmt nicht aus, natürlich sollen die Leute vor allem Spaß bei der Lektüre haben – dabei nehmen sie allerhand neue Erkenntnisse mit.

Und dann melden sich die Fans bei Ihnen und wollen wissen, wie man Comic-Zeichner wird . . .

Blöß: Das kommt in der Tat oft vor. Ich kann ihnen da nicht wirklich weiterhelfen, kenne eigentlich niemanden, der vom Comic-Zeichnen unmittelbar leben kann. Anders als in vielen anderen Ländern, etwa Frankreich, Belgien, den Niederlanden und den USA, gibt es hierzulande keine regelrechten Comic-Schulen. Und mein Arbeitsalltag ist ja vor allem gekennzeichnet durch reichlich Verlagsarbeit von der Buchhaltung bis hin zur Logistik. Sicher hat der Beruf so etwas wie eine romantische Note, aber man darf sich davon nicht blenden lassen.

Was erwidern Sie Kritikern, die meinen, Ihre Arbeiten seien eher oberflächlich und trügen damit womöglich zur allgemeinen Bildungsmisere in Zeiten der „Wikipedia“- und „Facebook“-Generation bei?

Blöß: So etwas sagen nur Leute, die meine Comics nicht kennen. Natürlich gibt es auch auf diesem Sektor allerhand Mist. Aber ich will mich nicht dauernd für meine „Branche“ rechtfertigen müssen.

Sie haben als einer der geistigen Väter der „Comiciade“ hervorragende Beiträge geleistet, um eventuelle Vorurteile abzubauen. Haben Sie damit gerechnet, dass die Veranstaltung sich derart erfolgreich entwickelt?

Blöß: Nach bislang zwei Veranstaltungen scheint es mir ein bisschen zu früh zu sagen, dass die Comic-Messe sich etabliert hätte. Wäre aber klasse, wenn sie sich etwa im Stil der „Art Cologne“ weiterentwickeln würde. Auf jeden Fall ist die „Comiciade“ bislang in der Tat hervorragend angekommen, sicher vor allem deshalb, weil sie die ganze Bandbreite des Genres hervorragend abbildet. Allerdings würde ich entschieden dafür plädieren, die Eintrittspreise zu senken, um noch mehr Publikum zu gewinnen.

Glauben Sie, dass das Comic auch in seiner analogen Form, eben als Heft, eine Zukunft hat?

Blöß: Davon bin ich überzeugt. Ich glaube allerdings, dass sich das Buch als solches in seiner klassischen Form in Kürze erledigt haben wird. Wenn die Menschen in wachsendem Maße zum E-Book greifen, bleibt in ihren Regalen mehr Platz für „schöne Dinge“ – zum Beispiel gute Comics, die wieder wie in Wilhelm Buschs Zeiten zum kleinen Hausschatz werden.

Glauben Sie das wirklich?

Blöß: Absolut. Das Buch ist out – Comics sind es nicht. Ich glaube, sie werden demnächst sogar einen neuen Boom erleben. Ich bin jedenfalls weiter mit viel, viel Leidenschaft dabei.

Und wen porträtieren Sie als nächstes?

Blöß: Wenn die Stadt 2020 mit einer großen Ausstellung an das Gastspiel von Albrecht Dürer vor 500 Jahren in Aachen erinnert, will ich Leben und Werk des großen Malers bereits auf meine Weise illustriert haben. In meinem Verlag stapeln sich schon die dicken Wälzer über Dürer, er ist ein wahnsinnig inspirierender Künstler; meinem Dürer-Comic wird es auch an „Action“ sicher nicht mangeln. Und eins ist klar: Ich brenne weiter für meine Arbeit – ich mache sie für euch alle!

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