Viele „freie“ Künstler fühlen sich von der Politik im Stich gelassen

Von: Matthias Hinrichs
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Ob Klassik mit „Accordate“, Kinderliteratur aus erster Hand von Sigrid Zeevaert oder Poetenfest in der „Raststätte“, ob Rock-Kultur oder „Robin Hood“ im Theater 99: Heribert Leuchter hat mit seiner Kritik, dass die Stadt die freie Szene zu wenig unterstütze, vielen Kollegen offenbar aus der Seele gesprochen.

Aachen. Nicht erst am geplanten neuen Portal fürs Ludwig Forum scheiden sich die kreativen Geister: 300.000 Euro will die Stadt nach dem Beschluss des Kulturausschusses in die Umgestaltung des Entrées zum Musenhort an der Jülicher Straße investieren. Lässt man die „Freien“ unterdessen draußen im Regen stehen?

Lässt die viel zitierte öffentliche Hand das Gros der Kulturschaffenden im Dreiländereck quasi am langen Arm verhungern, während kommunale Institutionen mit Steuergeldern in Millionenhöhe bedacht werden? Viele selbstständige Künstler und engagierte Laien-Kollegen sehen das so – nicht viele äußern sich derart dezidiert, wie es der Musiker Heribert Leuchter unlängst in einem geharnischten Leserbrief getan hat: Manche(r) fürchtet um – vergleichsweise minimale – Zuschüsse aus dem Fördertopf für die „Freien“, der pro Jahr gerade einmal 50.000 Euro mehr enthält, als fürs Umbauprojekt am Forum veranschlagt sind. Doch Empörung ist vielfach spürbar, wie eine (freilich nicht repräsentative) Umfrage ergab.

Vor allem jüngste Äußerungen des Kulturdezernenten Wolfgang Rombey nämlich hatten Leuchter in Rage gebracht. Es könne nicht Aufgabe der Stadt sein, über die bestehenden Leistungen hinaus „bürgerschaftliches Engagement im Kulturbereich zu finanzieren“, hatte der Beigeordnete erklärt. Das Forum hingegen erfahre ausgerechnet in seiner Heimat viel zu wenig Anerkennung.

Anna Kusen, Geschäftsführerin der Klassik-Initiative „Accordate“, beurteilt die Situation indessen ganz anders: „Angesichts dieser Entscheidung, so viel Geld für eine kosmetische Maßnahme auszugeben, müsste ein Aufschrei der Empörung durch die Stadt gehen“, findet sie. So werde der Eindruck erweckt, als habe die Stadt mit den Leistungen der freien Künstler „praktisch nichts am Hut, obwohl doch auch die freie Kulturszene eindringlich gebeten wurde, für das bevorstehende Karlsjahr adäquate Beiträge zu leisten, die wiederum der Allgemeinheit zugute kommen“. Völlig unverständlich sei zudem, dass es noch immer nicht gelungen sei, einen geeigneten Saal für große Konzerte aller Musikrichtungen zur Verfügung zu stellen.

„Jeder Künstler ist zuerst und überhaupt ein lokaler Künstler“, zitiert der Maler Karl von Monschau in diesem Zusammenhang seinen Kollegen Richard Long. „Mein Vorschlag lautet, die Hundertschaften der ,local heroes‘ stärker an das Forum zu binden, um somit tausende neuer Besucher zu rekrutieren.“ Auch die Pläne, einen „Gourmettempel“ ins Haus zu locken, hält von Monschau, Ehrenmitglied des Berufsverbands Bildender Künstler in Aachen, für unangemessen. Statt dessen gelte es, „ein zeitgemäßes Café zu installieren. Und das dürfte man für 300.000 Euro locker schaffen.“

Weniger hart geht Jupp Ebert mit den Verantwortlichen ins Gericht: „Kollege Leuchter hat absolut Recht“, betont der bekannte Sänger. Insgesamt habe er den Eindruck, dass etwa die Vielzahl der Bands längst nicht so gute Präsentationsmöglichkeiten habe, wie die es verdient hätten. „Andererseits muss man sehen, dass das Forum in einem erbärmlichen Zustand ist. Es ist nur zu verständlich, dass die Stadt daran etwas ändern will.“

Der Fotokünstler Janek Markstahler sieht Handlungsbedarf hingegen vor allem im Hinblick auf eine gezielte Förderung guter Ideen: „Das Problem ist, dass sich kein Politiker darum schert, was hier alles los ist. Man muss schon super vernetzt sein, um zur Kenntnis genommen zu werden.“ Als „schwierig und sehr kompliziert“ kennzeichnet derweil Waltraud Nießen von der „Raststätte“ die Diskussion. „Natürlich ist die freie Szene völlig unterfinanziert. Andererseits können wir selbst nicht meckern.“ Derzeit gehört die „Raststätte“ zu den wenigen Einrichtungen, die jährlich mit einem „Budget-Sockel“ über mehrere tausend (hier 10.000) Euro unterstützt werden. „Die restlichen zwei Drittel unseres Etats finanzieren wir allerdings durch harte ehrenamtliche Arbeit“, sagt Waltraud Nießen.

Durchaus „wahrgenommen und wertgeschätzt“ fühlt sich Kinderbuchautorin Sigrid Zeevaert. Allerdings fehle „so etwas wie ein kultureller Betrieb, der einen Austausch unter den Kulturschaffenden fördert und möglich macht“. Dass der „real existierende“ städtische Kulturbetrieb selbst bescheidene Anträge auf Fördermittel oft erst nach Monaten – und dann nicht selten abschlägig – bescheide, berichtet Regisseurin Tatjana Jurakowa aus leidvoller Erfahrung. „Medien und Publikum lieben unser ,Jurakowa-Projekt‘ – von der Stadt können wir das nicht behaupten“, sagt sie. „Schön und gut, dass man uns zum Beispiel Räume im neuen Kulturzentrum an der Talstraße anbietet – bei 8 Euro Miete pro Quadratmeter können wir uns das aber nicht leisten...“

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