Viele Einblicke in die Welt des Handwerks

Von: Katharina Menne
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Geschicklichkeit und handwerkliches Verständnis sind gefragt: Beim Schul-Contest im Rahmen des „Tags des Handwerks“ im BGE-Bildungszentrum auf der Hüls galt es, aus Rohren eine fast mannshohe Steckfigur zu bauen. Foto: Andreas Steindl
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NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann: „Es muss nicht jeder Abitur machen und studieren.“ Foto: Andreas Steindl

Aachen. „Nicht durcheinander bringen. Wir müssen die Rohre nach ihrer Länge sortieren, damit wir sehen, welches wir an welcher Stelle brauchen.“ Philipp Mehlkop beugt sich über die Bauanleitung, die vor ihm auf dem Tisch liegt. Dann klemmt er eins der vielen grauen Abwasserrohre in die Schraubzwinge, misst 56 Zentimeter ab und beginnt zu sägen.

Der 16-Jährige nimmt zusammen mit drei Mitschülern und einer Mitschülerin am „Tag des Handwerks“ teil. In einem von der Handwerkskammer organisierten regionalen Schul-Contest messen sich die Schüler mit fünf anderen Schulen aus dem Kammergebiet.

Betriebspraktikum

Schon die erste Station hat es in sich. Aus den unterschiedlich langen Rohren und Verbindungsstücken soll eine fast mannsgroße Steckfigur gebaut werden. Da die Schüler für jede der vier Aufgaben nur 45 Minuten Zeit haben, ist Aufgabenteilung und Arbeitsorganisation gefragt. Da ist es hilfreich, dass Philipp so schnell das Kommando übernommen hat. Daran, dass er sogar eine richtige Arbeitshose und Schuhe mit Stahlkappen trägt, sieht man, dass er nicht zum ersten Mal handwerklich tätig ist. Aktuell mache er sein Betriebspraktikum bei einem Dachdecker, erzählt er.

Insgesamt gesehen ist er mit seinem handwerklichen Interesse in seiner Altersgruppe aber eher die Ausnahme. „Das Handwerkliche kommt bei den Jugendlichen heute viel zu kurz“, bemerkt Hauptschullehrer Ekrem Sariköse. Die fünf von ihm betreuten Schüler freuen sich dennoch sehr auf das Programm. „Ich möchte mal sehen, wie die Berufe so sind. Am meisten freue ich mich auf die Metall- und die Elektro-Station“, sagt Alex Dill. Wie alle anderen hier besucht er die neunte Klasse und das heißt: Die Berufswahl rückt immer näher.

„Mit einem Tag wie diesem gibt die Handwerkskammer Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, in Berufsfelder hineinzuschnuppern, die sie im Alltag eher nicht erleben. Sie sollen Werkstattluft riechen und praktische Erfahrungen sammeln“, erklärt Peter Deckers, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Aachen, die Motivation, die hinter einem solchen Aktionstag steckt.

Und Werkstattluft riechen die Schüler wirklich: Die Metall-Station zum Beispiel macht schon von weitem mit einem typischen metallisch-scharfen Geruch auf sich aufmerksam. Um den Beruf des Metallbauers kennenzulernen, sollen die Schülerinnen und Schüler hier verschiedene Biegeübungen vornehmen. Mit Hilfe von Rund- und Flachzangen werden ein Visitenkartenhalter und ein Medaillenständer aus dickem Draht erstellt. Dana Braun ist das einzige Mädchen in ihrem Team von der Gesamtschule Weilerswist. Das stört sie überhaupt nicht. „Ich mag es, herumzuwerkeln und was Praktisches zu machen“, sagt die 14-Jährige.

Insgesamt sind in den Teams nur wenige Mädchen vertreten. „Wahrscheinlich liegt das daran, dass hier einfach typische Männerberufe vorgestellt werden“, vermutet Sariköse. „Ginge es um das Friseurhandwerk oder um Handwerksdesign, sähe das vermutlich anders aus.“ Doch auch der tatsächliche Anteil der Frauen an der Gesamtzahl der Lehrlinge im Kammergebiet Aachen liegt seit einigen Jahren konstant bei nur etwa 20 Prozent und da sind Ausbildungsberufe im Bereich Nahrung, Gesundheit, Körperpflege bereits mit eingerechnet.

Während die Schülerinnen und Schüler sägen, biegen und lackieren, findet in einer der benachbarten Werkstätten im Gebäude des Bildungszentrums der „Karrieretreff NRW“ statt. In einer Podiumsdiskussion mit Landes-Schulministerin Sylvia Löhrmann, dem Berufsbildungsforscher Professor Felix Rauner und dem Geschäftsführer des Westdeutschen Handwerkskammertags, Andreas Oehme, wird das duale Bildungssystem als Alternative zum Studium diskutiert. Dabei wird deutlich, dass die berufliche Ausbildung wieder mehr in den Fokus der Gesellschaft rücken muss. „Es ist wichtig, dass die Vielfalt und vor allem die Gleichwertigkeit der verschiedenen Berufe wieder bewusster werden. Es muss nicht jeder Abitur machen und studieren. Mit einer soliden Ausbildung steht man finanziell meist nicht schlechter da“, appelliert Löhrmann.

Für die Schülerinnen und Schüler des Contests ist jetzt Endspurt angesagt. Sie sind bei der letzten Station angekommen. Danach kommt schon die Siegerehrung für die beste handwerkliche Gruppenleistung des Wettbewerbs. Neben Medaillen und Teilnehmerurkunden winken auch Preisgelder. Nach der Auswertung steht fest: Gewonnen hat die Gesamtschule aus Weilerswist. Und was nehmen die Teams von dem Tag mit? „Man hat gemerkt, dass es allen viel Spaß gemacht hat, und es gab definitiv einige Talente unter den Teilnehmern, die den Weg des Handwerks weiter verfolgen sollten“, stellen die Betreuer der verschiedenen Stationen unisono fest. Und zumindest Philipp Mehlkop wird das auch tun. Er will Dachdecker werden.

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