Viel Potenzial im Mikrokosmos Ostviertel

Von: Mischa Wyboris
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Aachen. Der Stadtteil Ost - ein „Türkenviertel”, in dem keine Studenten wohnen, dafür aber viele junge Eltern, die mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind. Richtig? - „Falsch!”, sagt Professor Barbara Krause mit Nachdruck.

Mit ihren Kollegen hat die Politikwissenschaftlerin der Katholischen Hochschule (KH) das im Oktober vergangenen Jahres ausgelaufene Projekt „Boje” (Beratung und Orientierung für junge Eltern in Aachen-Ost) unter die Lupe genommen - und dabei mit gängigen Vorurteilen aufgeräumt.

„Unsere Zielgruppe war viel kleiner als gedacht”, erklärt Krause, dass junge Eltern zwischen 15 und 27 Jahren keineswegs im großen Ausmaß den Stadtteil bevölkern. Es habe sich aber gezeigt, dass die „Boje”-Angebote zur Unterstützung beim Lebens- und Familienalltag sowie bei der Eingliederung in den Arbeitsmarkt indes „auf große Nachfrage bei anderen Gruppen in Aachen-Ost” gestoßen seien - und diese Gemeinschaft umfasst laut Krause nicht nur türkische Bürger, sondern viele unterschiedlicher Herkunft.

„Das Ostviertel ist ein Mikrokosmos der deutschen Gesellschaft: bunt und heterogen. Familie, ein Haus im Grünen, ein sicherer Job - die Wertvorstellungen und Lebensanschauungen unterscheiden sich hier nicht von denen der Gesamtbevölkerung”, fasst Krause zusammen.

Zu Beginn der Initiative „an die Zielgruppe der jungen Eltern heranzukommen und sie zu überzeugen, war wahnsinnig aufwendig”, sagt Elke Ariens, Projekt-Managerin vom städtischen Amt für Wirtschaftsförderung. Nicht zuletzt auch deshalb, weil mit dem Begriff der „Beratung” nur die wenigsten etwas hätten anfangen können. „Hilfe bei persönlichen Problemen holen sich die Menschen bei den Leuten, zu denen sie Vertrauen haben”, erklärt Krause. Dazu gehörten neben Familie und Freunden auch die Erzieher und Erzieherinnen der Kitas im Viertel.

„Ganz miserable Noten bekam dagegen die Arge”, weiß Krause. Von Pontius zu Pilatus sei man geschickt worden, und viele Sachbearbeiter hätten nicht richtig zugehört, gibt die Professorin die Beschwerden der Projektteilnehmer wieder. „Das brach so aus den Leuten heraus. Die Fall-Manager scheinen so überlastet zu sein, dass sie kaum richtig auf die Menschen eingehen können.”

Eine weitere Erkenntnis der Studie zum Projekt: Nicht wenige Studenten wohnen in Aachen-Ost, und auch bei den Migranten habe das Viertel viele „Kompetenzen und Ressourcen”, wie Krause es nennt. Nur wüssten die meisten nicht, wie sie ihre ausländischen Abschlüsse in hiesige umwandeln könnten - oder die deutsche Bürokratie verhindere dies.

„In der Schlussphase waren wir endlich so weit, dass das Projekt hätte starten können”, beschreibt Krause die langwierige Vorbereitungszeit. „Kurzfristige Projekte, wie sie die Politik so gern bevorzugt, sind schlichtweg nicht zielführend.” Rund 200000 Euro für ein 15-monatiges Projekt, das erst ganz zum Schluss ins Rollen kam: „Das war kein rausgeworfenes Geld, denn wir konnten jedem Einzelnen weiterhelfen”, ist Ariens überzeugt. Und fügt hinzu: „Ohne diesen langen Vorlauf hätten wir allerdings viel bessere Ergebnisse erzielen können.”
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