Aachen - Viel Betrieb in der Kita, wenn Kita im Betrieb ist

Viel Betrieb in der Kita, wenn Kita im Betrieb ist

Von: Thorsten Karbach
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Betrieblich organisierte Kinde
Betrieblich organisierte Kinderbetreuung: Die städtische Betriebskita ist überaus beliebt, denn Familie und Beruf lassen sich hier prima vereinbaren. Das Modell ist in Zeiten des stockenden U3-Ausbaus aktueller denn je. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Was für ein Betrieb herrscht hier im Innenhof! Wenn Schul- und Kindergartenkinder unterwegs sind, dann ist es ein ganz dynamisches Durcheinander auf dem Hof hinter der Reumontstraße.

Kita-Leiter Bernd Kwiatkowski stemmt die Arme in die Seiten. Den Durchblick behält er, egal wie viele Kinder hier unterwegs sind: Grundschüler, Montessori-Kinderhaus-Besucher, Kita-Kinder aus der Mariabrunnstraße und eben „seine” aus der Reumont-straße. Und streng genommen kommen auch die aus zwei Einrichtungen: der „normalen” und der städtischen Betriebskita.

Es wird viel diskutiert über die Probleme beim Ausbau von Plätzen für Unterdreijährige (U3) im Speziellen und über Kinderbetreuung im Allgemeinen. Eine solche Betriebskita, wie sie die Stadt Aachen ebenso wie die RWTH und FH betreiben, kann vor Ort bei den Arbeitnehmern Sorgen nehmen. In Eilendorf haben sich deswegen Firmen wie Grünenthal gemeinsam auf den Weg gemacht, eine eigene Kindertagesstätte zu schaffen. Das Thema Betriebskita wird nun intensiver denn je diskutiert. Am Dienstag wird im Kinder- und Jugendausschuss der Stadt Aachen (ab 17 Uhr in Maria im Tann, der Tagesordnungspunkt ist allerdings nicht-öffentlich) die Frage der Trägerschaft der neuen Einrichtung in Eilendorf-Süd diskutiert.

Überall in Deutschland werden solche Einrichtungen gegründet. Und die Eilendorfer Idee stößt in Aachen auf besonders offene Ohren. „Wir hören dies sehr gerne”, sagt Heinz Zohren vom städtischen Fachbereich Kinder, Jugend, Schule. Denn die Stadt hat selbst gute Erfahrungen mit der Umsetzung einer solchen Idee gesammelt.

Mit zehn Plätzen gestartet

Vor fünf Jahren ist der Betriebskindergarten der Stadt an der Reumontstraße gestartet. Früher gab es im Haus einen einfachen Kindergarten und einen Hort. Letzterer wurde geschlossen, weil die Nachmittagsbetreuung zu den Offenen Ganztagsschulen verlagert wurde. Zehn Plätze für die Kinder städtischer Mitarbeiter wurden geschaffen, sechs waren direkt, die weiteren vier im Laufe des ersten Jahres belegt. „Der Bedarf stieg enorm an”, berichtet Leiter Kwiatkowski.

2008 waren es dann schon 16 Plätze allesamt für Unterdreijährige - und alle umgehend belegt. Es wurde erweitert und räumlich umgedacht. „Die Betriebskita hat sich etabliert”, sagt er. Jährlich werden nun sechs Plätze frei, 18 Anmeldungen gibt es jetzt schon für 2013. Ende des Jahres werden es bestimmt wieder 30 sein. Kein Wunder bei rund 4000 Beschäftigten bei der Stadt Aachen.

Dass es in Aachen so eine städtische Betriebskita gibt, geht letztlich auf den 10. Mai 2005 zurück. In Aachen wurde das bundesweit 143. Bündnis für Familien ins Leben gerufen. Es ist ein freiwilliger Zusammenschluss von Kommune, freien Trägern, Vereinen, Einrichtungen und allen, denen Kinder am Herzen liegen. Diese Bündnisse gehen auf eine Idee von Renate Schmidt, Familienministerin im Kabinett von Gerhard Schröder, zurück. Die Bündnisse haben die Regierungswechsel überlebt, im Januar 2012 gibt es in ganz Deutschland 650.

Ein Fingerzeig

Aachen wurde schon 1996 beim ersten Bundeswettbewerb „Kinder- und familienfreundliche Gemeinde” unter 360 Teilnehmern mit 14 anderen ausgezeichnet - und das nur für eine Bestandsaufnahme. Aber im Mai 2005 wurde das Thema intensiver denn je diskutiert. Arbeitsgruppen haben sich gebildet, beschäftigten sich mit dem Miteinander von Jung und Alt oder auch mit dem familienfreundlichen Wissenschaftsstandort. „Die Botschaft lautet: Aachen und Familie, das gehört zusammen. Das muss Strahlkraft haben”, betont Zohren. Es wurde das „Prädikat familienfreundlich” vergeben, Familienpatenschaften geschaffen, Familienzentren gegründet wie in kaum einer zweiten Kommune in NRW.

Die Liste der Maßnahmen, Ideen und Projekte ist ellenlang. Und der Betriebskindergarten, eröffnet am 3. September 2007, ein ganz wichtiger Fingerzeig für das familienfreundliche Aachen. „Damit haben wir uns als familienfreundlicher Arbeitgeber klar positioniert”, sagt Zohren. Schließlich sei die Stadt zweitgrößter Arbeitgeber nach der RWTH (etwa 10.000 Beschäftigte) in Aachen, und da konnte man nicht bloß von anderen verlangen, über Betriebskindergärten nachzudenken. Da musste es ein Zeichen geben. Und das gab es.

Kwiatkowski arbeitet seit 1989 als Erzieher, seit 1997 leitet er die Kindertagesstätte Reumontstraße. Wenn er den spielenden Kindern zuschaut, sagt er: „Wir versuchen mit sehr, sehr viel Herz, den Kindern und Eltern den Weg in diese große, weite Welt so harmonisch wie möglich zu gestalten.” Die ersten drei Lebensjahre dürfen sich dabei ruhig zig Stunden im Sandkasten abspielen. Denn dort sitzen die Kleinsten aus der Sonnengruppe gerade und strahlen.

Keine Perspektive

Das Haus an der Reumontstraße besuchen 51 Kinder. Die Jüngsten sind ein halbes Jahr alt, die Ältesten sind Sechs und kommen in die Schule. Die Nachfrage ist enorm, auch für die „normalen” Kindergartenjahre gibt es 70 bis 80 Voranmeldungen. Die meisten haben keine Perspektive. Kwiatkowski spürt auch den steigenden Bedarf an U3-Betreuung in der Nachbarschaft. „Der ist im Viertel wirklich groß”, sagt er. Aufnehmen kann er ein Kind aber tatsächlich nur, wenn die Eltern bei der Stadt Aachen arbeiten. So ist das eben. Das ist der Sinn einer Betriebskita.

Genauso müssen die U3-Betriebskita-Kinder nach drei Jahren - soweit sie nicht aus dem Viertel kommen - die Einrichtung wieder verlassen und eine Kita im Umfeld ihres Wohnortes besuchen - oder eine nach Wahl, solange sie dort noch einen Platz bekommen. Kwiatkowski findet diesen Bruch aber unproblematisch: „Dann sind die Kinder auch an einem Punkt, an dem Freundschaften fürs Leben geschlossen werden. Das sollten sie in der Nachbarschaft und dort, wo sie dann auch auf eine Grundschule gehen werden, tun”, sagt er. Doch das ist für die Sonnen(gruppen)kinder noch ganz weit weg. Vor ihnen liegt erstmal das bunte Spielzeug aus ihrer Betriebskita.

Mit Tagesmüttern

Es gibt eine Broschüre der Stadt Aachen, in der „individuelle Lösungen für die betrieblich unterstützte Kinderbetreuung” beworben werden. Letztlich müsse nicht gleich eine eigene Betriebskita eröffnet werden. Tagesmütter im Haus sind ebenso denkbar (wenn mindestens zwei Räume mit Schlaf- und Spielmöglichkeiten vorhanden sind). Die Stawag, große RWTH-Institute und andere Firmen haben Belegplätze in einem Kindergarten, also Kapazitäten für die eigenen Mitarbeiter reserviert.

In Oberforstbach haben Firmen auf privatgewerblicher Basis schon vor zehn Jahren eine eigene Kindertagesstätte „Pascals Zwerge” mit riesigem Erfolg auf die Beine gestellt. Auch das Unternehmen „Dialego” hat mit der „Kids Company” in Zusammenarbeit mit In Via Aachen ein Angebot geschaffen. „Die Betriebskita ist letztlich immer die umfassendste Lösung”, sagt Zohren. Aber nicht die einzige.

Das Titelbild der Broschüre zeigt einen Dreikäsehoch mit Anzug und Krawatte und einer Krone. Als würden Kinder die Unternehmenspolitik mitregieren. Zohren ist davon überzeugt. Das, was in der politischen Diskussion als Vereinbarkeit von Familie und Beruf bezeichnet wird, hat er als Statistik vorliegen: Demnach sind 67 Prozent der 25- bis 39-Jährigen bereit, den Arbeitgeber für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu wechseln. Bei 90 Prozent dieser Altersgruppe ist die Familienfreundlichkeit bei der Arbeitgeberwahl ebenso wichtig oder noch wichtiger als das Gehalt (Quelle: Personenmarketingstudie des Bundesfamilienministeriums).

Ausbildungsmagnet Aachen

„Die jungen Leute wollen eine Familie gründen, und es ist Aufgabe der Gesellschaft und speziell der Kommunen, die Rahmenbedingungen zu schaffen. Aachen ist ein Ausbildungsmagnet, und es soll dabei keine biografische Durchgangsstation sein”, erklärt Zohren. Mit ihrem Angebot an Kindertagesstätten solle ein Grund gegeben werden, in Aachen zu bleiben. Und Betriebskindergärten spielen dabei eine wichtige Rolle. Mit dem Aachener Familienservice, einer Kooperation des Fachbereichs Wirtschaftsförderung und des regionalen Caritasverbandes, wurde ein „Berater” geschaffen, der wirtschaftliche und familienpolitische Interessen gleichermaßen nachvollziehen kann. Hier können Unternehmen Bedarfsanalysen in Auftrag geben und ein individuelles Maßnahmenpaket bis hin zur Betriebskita erarbeiten lassen.

Das Wohl des Unternehmens

Letztlich ist so eine eigene Kindertagesstätte für ein Unternehmen immer auch eine betriebswirtschaftliche Entscheidung. Es hat gegenüber den Arbeitnehmern ein gutes Argument mehr, wenn über die Rückkehr nach der Elternzeit gesprochen wird. Seht her, wir können euer Kind umgehend versorgen, ihr könnt nach wenigen Monaten wieder arbeiten kommen. Die Helios-Kliniken in Schwerin haben mit einem privaten Träger eine eigene Kindertagesstätte eröffnet, die 365 Tage im Jahr für 24 Stunden geöffnet ist - als Angebot für die Schichtarbeiter. Mehr Betriebskita geht nicht.

Das betriebswirtschaftliche Interesse der Firmen steht auf der einen Seite, der Wille der Eltern, wieder arbeiten zu gehen, auf der anderen. Oftmals - wenn auch nicht immer - ergänzen sich die Interessen von Arbeitnehmer und Arbeitgeber. „Mit betrieblichen Angeboten gelingt es besonders gut, die Betreuungszeiten von Kindern und die Arbeitszeiten der Eltern aufeinander abzustimmen. Davon profitieren Beschäftigte, ihre Familien und die Arbeitgeber gleichermaßen”, erklärt Bundesfamilienministerin Dr. Kristina Schröder.

Heinz Zohren sagt: „Die Fachkräfte, die Aachen braucht, können auch anderswo hingehen. Aachen muss also etwas bieten, was über den reinen Arbeitsplatz hinausgeht.” Die Kinderbetreuung stehe ganz oben auf der Wunschliste der Eltern. Die Eilendorfer Firmen werden dafür sogar selber bauen. „Es geht hier um eine Attraktivierung des Wirtschaftsstandorts durch Familienfreundlichkeit”, sagt er. Dabei muss zumindest in Eilendorf auch über bürokratische Hürden gesprungen werden: Denn der Gesetzgeber will öffentlich-geförderte Kindergartenplätze eigentlich nur an Kinder aus den entsprechenden Kommunen vergeben. Doch die Eilendorfer Unternehmen beziehen ihre Mitarbeiter aus einem weit größeren Gebiet.

Überhaupt werden von 160.000 sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen in Aachen 80.000 von Pendlern bekleidet. Ihnen konnte der Rat in der letzten Woche aber die Tür nach Aachen öffnen - zumindest in dortige Betriebskitas. Einstimmig wurde dies beschlossen, wobei sich die Unternehmen vertraglich verpflichten müssen, 50 Prozent der Nettokosten an die Stadt zu zahlen. Die Entscheidung soll ein weiteres Argument für Nachahmer liefern. Viele andere finden sie an der Reumontstraße.

Ein Aushängeschild

Die städtische Betriebskita öffnet um 7.15 Uhr und schließt um 16.30 Uhr. „Wir müssen uns an den Bedürfnissen der städtischen Bediensteten orientieren”, sagt Kwiatkowski. Zohren blickt von der Reumontstraße weiter nach Eilendorf: „Ich bin überzeugt, dass diese Einrichtung zum Eisbrecher wird.” Weitere Anfragen von Unternehmen sind eingegangen. „Für die Firmen ist so eine Kita auch ein Aushängeschild. Es ist ein Zeichen, dass der Arbeitgeber ganzheitlich denkt”, erklärt Zohren. „Perspektivisch glaube ich, dass wir in jedem größeren Gewerbegebiet bald eine Betriebskita haben werden.”

So viele Quadratmeter braucht eine Kita

>Eine Empfehlung des Landschaftsverbandes Rheinland sieht für Kindertagesstätten auch in Betrieben unter anderem folgendes Raumprogramm vor: ein Mehrzweckraum mit 55 Quadratmetern, Abstellbereich für Kinderwagen, Außenspielfläche von 300 bis 500 Quadratmetern, Küche mit Vorratsraum (15 bis 20 Quadratmeter), Leitungszimmer (12 Quadratmeter), Wirtschaftsraum mit Waschmaschine und Trockner, Abstellräume sowie WC und Dusche für Kinder wie auch Personal.

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