Very british, mit Hand und Herz: Timothy Garton Ash begeistert Aachener

Von: Robert Esser und Albrecht Peltzer
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„Gestatten, Steinmeier“: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Karlspreisträger Timothy Garton Ash und Direktoriumssprecher Jürgen Linden plauschten nach dem Festakt vor dem Rathaus mit Zaungästen – in bester Stimmung unter stahlblauem Himmel. Foto: Michael Jaspers
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Die Sicherheit steht: Unbestuhlt, aber mit großer Videowand, vielen Zuschauern und Polizisten präsentierte sich der Markt zum Festakt.
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Vatertag: Eher zufällig hat es diese Truppe mit Bier und Bollerwagen zur Karlspreisverleihung auf den Markt verschlagen.
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Störenfried: mit scheppernden Bobbycars über den Marktplatz.

Aachen. Der Mann nervt. Offenbar streitsüchtig zieht der Unbekannte an einer Kordel zwei Kinderbobbycars hinter sich her. Quer über den Markt, Runde um Runde. Es klackert, es scheppert auf dem Kopfsteinpflaster. So laut, dass mehrere hundert sehr aufmerksame Schaulustige hinter den Absperrgittern vor der riesigen WDR-Videowand, die das Geschehen der Karlspreisverleihung live aus dem Krönungssaal vor das Rathaus überträgt, den Festreden aus den Lautsprechern kaum folgen können.

 Man ist „not amused“. Sieben Polizisten eskortieren den Unbekannten letztlich vom Platz. Applaus. Es bleibt der einzige unangenehme Zwischenfall bei dieser rundum sonnigen Karlspreis-Party für den englischen Historiker und Publizisten Timothy Garton Ash.

Der britische Europäer, ganz Gentleman, und die handverlesene Festgesellschaft im Innern des Rathauses bekommen davon nichts mit. 850 Gäste sind da, darunter 65 Journalisten. Voll besetzt, alles entspannt – eigentlich. Zwar dürfen die Wirte rund um den Markt aus Sicherheitsgründen weder Tische noch Stühle nach draußen stellen – Anweisung der Personenschützer aus dem Bundespräsidialamt.

Aber als der prominenteste Gast der diesjährigen Karlspreisverleihung in Aachen – der Bundespräsident – die Rathaustreppe erklimmt, wirkt alles umso familiärer. „Gestatten, Steinmeier“, stellt er sich selbst einem verdutzten Praktikanten am Eingang vor. Und schüttelt Hand um Hand. Der junge Mann strahlt, kann sein Glück kaum fassen. Genauso der sechsjährige Jonas: Der jüngste und „größte“ Fan Frank-Walter Steinmeiers darf später sogar einen kleinen Plausch mit seinem Idol halten.

Der Sechsjährige, der Bundespräsident und der Karlspreisträger hocken da ganz ungezwungen auf der Rathaustreppe – sieht man mal von den zwei Dutzend Fotografen und Kamerateams davor sowie den bewaffneten Sicherheitsleuten rechts und links ab. Überhaupt: Schusssichere Westen, Maschinenpistolen und viele Polizisten in Uniform gehören in diesen Zeiten dazu. Sie sind allgegenwärtig, dennoch nicht bedrohlich. Die Balance passt.

Oberbürgermeister Marcel Philipp beobachtet die Szene auf dem Katschhof nach der offiziellen Zeremonie und dem obligatorischen Winke-Winke-Bild auf dem Rathausbalkon. „Ein großartiger Tag“, sagt er. Was stimmt. Und zu Preisträger Garton Ash und den Brexit-Briten: „Wir sind uns alle einig, dass Großbritannien weiterhin ein europäisches Land bleibt – und wir enge Beziehungen pflegen, das haben wir uns vorgenommen.“

Auch auf dem Katschhof freuen sich rund 1000 Bürger über die Prominenz, die Stadtsprecher Bernd Büttgens auf der Bühne vorstellt. Neben dem Bundespräsidenten kommen – unter anderem – Karlspreisdirektoriums-Vorsitzender Jürgen Linden sowie SPD-Chef und Karlspreisträger 2015, Martin Schulz, zu Wort. „Europa ist nirgendwo schöner als hier im Grenzland“, lobt Steinmeier. „Wir alle verspüren hier wieder ein Stück Zuversicht und Optimismus, gerade wegen der Bewegung Pulse of Europe“, sagt Linden.

Zum Dank gibt‘s für die Gäste Beifall und Printen. Und Preisträger Garton Ash? Den kannte zwar vor der Preisverleihung kaum jemand, was viele Aachener aus dem Publikum ehrlich bekennen. Vergessen werden sie ihn nicht mehr.

Medaille im Herzen tragen

So sympathisch, unprätentiös, imposant inhaltsstark präsentiert sich der Ge(l)ehrte – und very british. „Ich werde die Karlspreismedaille nicht jeden Tag tragen“, verrät er augenzwinkend den Zuhörern beim Volksfest zwischen Dom und Rathaus. „Sonst würden mich meine Studenten in Oxford auslachen – aber ich trage sie immer im Herzen“, betont er. Dann bedankt er sich für das „sehr unbritische Wetter“ in Aachen, lächelt – und schüttelt die nächsten Hände. Congratulations, Gratulation! Dazu gibt‘s Standing Ovations – zwangsläufig, denn, wie beschrieben: Stühle sind aus Sicherheitsgründen verboten.

Die werden selbst Hunderten Ehrengästen vorenthalten, die nach der Zeremonie in der festlichen Aula Carolina an der Pontstraße speisen. „Toll, dass der WDR aus Spargründen erstmals auf überhitzte Scheinwerfer im Krönungsaal verzichtet hat“, hört man da nach dem sonst schweißtreibenden Festakt ungewöhnliches Lob über die angenehmen Temperaturen vorher im Krönungssaal. „Fantastische Kanapees“, frohlockt ein anderer. 3500 Gaumenfreuden hat Daniel Van Zijp, der Küchenchef des Pullman Quellenhofs, gezaubert: Garnelen im Kartoffelnest mit Knoblauch-Mayonnaise und Datteln im Speckmantel zum Beispiel.

Ein paar Meter weiter zurück Richtung Markt, am Goldenen Schwan, isst man bürgerlich: „Himmel Un Äähd“, Bluwurst mit Kartoffelpüree etwa, auf Englisch: Fried Blood Pudding. Das kennt der Brite. Und Bratwurst. Irgendwo dazwischen klopfen etliche Gäste Manfred Leuchter auf die Schulter. Der Aachener Akkordeonist hatte beim Festakt mit dem Sinfonieorchester Aachen unter der Leitung von Generalmusikdirektor Kazem Abdullah „And I Love Her“ von den Beatles interpretiert – brillant. Mindestens genauso lauten Applaus genießen vor der Tür beim Open-Air-Karlspreis „Advendo“, eine Marching Band aus den Niederlanden. Tolle Stimmung.

Dazu trägt sicher bei, dass womöglich zum ersten Mal in der langen Karlspreis-Geschichte kein einziger Demonstrant vor dem Rathaus Krach schlägt. Keine Plakate, keine Banner – nicht mal Luftballons tauchen auf. Nichts stört das perfekte Karlspreis-Bild. Bis am Rande dann doch eine Gruppe junger Männer aufmarschiert. Mit einer Biertheke auf einem Bollerwagen. Und bester Laune. „Was? Karlspreis? Wir feiern Vatertag!“, frohlockt einer. Und das ganz friedlich. In diesem Sinne: cheers. 

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