Verschärfter Kinderschutz: Wer übernimmt die Kosten?

Von: Sarah Siemons
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Fachbereichsleiterin Elke Münich: „Unser System funktioniert gut.” Foto: Wolfgang Plitzner

Aachen. Die Zahlen sind alarmierend: Im Jahr 2008 registrierte das Jugendamt 860 Verdachtsfälle auf Misshandlungen und Vernachlässigung von Kindern. Das ist fast eine Verdopplung im Vergleich zum Jahr 2006. Das liegt laut Stadtdirektor Wolfgang Rombey auch an der Verbesserung des Erfassungssystems.

In rund zwei Dritteln der Fälle haben sich so genannte Sozialraumteams persönlich ein Bild von der Situation Vorort gemacht. In Zukunft werden die Sozialarbeiter wohl gezwungen sein, weitaus mehr Familien zu besuchen. Denn genau das fordert der Gesetzesentwurf für die Novellierung des Kinderschutzparagraphen.

So soll zukünftig jedem Hinweis ein verpflichteter Hausbesuch von zwei Sozialarbeitern folgen. Bislang konnte das Amt selbst entscheiden, wann das Sinn macht. „Wir können selbstbewusst behaupten, dass wir über die Jahre ein gut funktionierendes System erarbeitet haben”, sagt Elke Münich, Fachbereichsleiterin Kinder, Jugend und Schule der Stadt Aachen. „Doch die neue gesetzliche Vorgabe hilft nicht, sie hemmt uns”, erklärt sie. Münich befürchtet, dass die Sozialarbeiter dann bald zu Feuerwehrleuten werden, „die zwar raus fahren, wenn sie gerufen werden, dann aber nicht mehr zum Löschen kommen”.

Wie eine Folie lege sich die Theorie hier über die Praxis und ersticke sie damit, kritisiert Oberbürgermeister Jürgen Linden. Würde wirklich bei jeder Meldung ein Zweier-Team zum Hausbesuch verpflichtet, müsste die Stadt zirka zwölf zusätzliche Stellen einrichten. Doch weder das Land noch der Bund stellen dafür finanzielle Mittel bereit. „Ich hoffe, dass uns niemand missversteht, wir wenden uns nicht gegen den Kinderschutz, auch nicht grundsätzlich gegen Veränderungen des Gesetzes, aber die Praxis muss im Vordergrund stehen”, sagt Linden, der eine Beteiligung und ein Mitspracherecht der Kommunen bei Gesetzesänderungen reklamiert.

Die Neuerung sieht auf zusätzlich Landesebene vor, dass zukünftig jedes Kind im Alter zwischen sechs und sieben Monaten sowie fünf bis fünfeinhalb Jahren insgesamt sechs Untersuchungen wahrnehmen muss. Darüber hinaus sollen Ärzte, Rechtsanwälte und beispielsweise auch Lehrer von ihrer Schweigepflicht entbunden sein, um Notsituationen überhaupt melden zu können.

„Es ist also nicht alles schlecht, was jetzt auf uns zukommt, diese Punkte halten wir zum Beispiel für sehr wichtig”, so Linden. „Doch wer die Musik bestellt, der soll sie auch zahlen.”

Als bundesweit erste Stadt hat Aachen im Jahr 2004 eine zentrale Kinderschutzhotline eingerichtet, um Hinweise auf die Vernachlässigung oder Misshandlung von Kindern entgegenzunehmen. Die zentrale Notrufnummer 0241/4325151 ist rund um die Uhr und an allen Tagen des Jahres erreichbar.

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