„Verrückt? Na und!“: Krankheit kein Tabu

Von: Rauke Xenia Bornefeld
Letzte Aktualisierung:
15227316.jpg
„Verrückt? Na und!“: Das Projekt des Vereins „Irsinnig menschlich“ ist auch an der Käthe-Kollwitz-Schule gestartet. Darüber freuen sich Martina Reiners, Mandy Keilhauer, Monika Büth-Niehr, Angela Neukoeter, Angela Voiß, Gilbert Ballmann, Denise Schlösser und Catrin Drexler. Foto: Andreas Steindl

Aachen. „Uns war weh ums Herz und wir waren sprachlos“, bekennt Mandy Keilhauer. „Und beeindruckt, dass Gil den Mut gefunden hat, uns von seinem Leben zu erzählen“, ergänzt Catrin Drexler. Gilbert Ballmann ist im Projekt „Verrückt? Na und! – Seelisch fit in Schule und Ausbildung“ einer der „Experten in eigener Sache“.

Er ist psychisch krank, psychiatrieerfahren, Mitglied im Selbsthilfeverein „Psychiatrie-Patinnen und -Paten“ (PPV) und sitzt seit einigen Monaten zusammen mit zwei Fachkräften der Regionalgruppe Aachen des Vereins „Irrsinnig Menschlich“ regelmäßig vor Schulklassen, um über psychische Erkrankungen und die eigentliche Normalität des Ganzen zu berichten.

Denn jeder Dritte ist in seinem Leben irgendwann mal von einer psychischen Krise betroffen, die er allein nicht bewältigen kann. Ziel des Projekts ist, so Fachkraft Martina Reiners, dass psychische Erkrankungen kein Tabuthema mehr sind. „Wir wollen, dass die Menschen nicht weggucken – nicht bei dem anderen und nicht bei sich selbst.“

Wie jetzt die Studierenden der Unterstufe der Fachschule für Heilerziehungspflege an der Käthe-Kollwitz-Schule, zu der neben Keilhauer und Drexler auch Angela Neuköther und Denise Schlösser gehören. An einem Schultag hatten sie Besuch von den Sozialpädagoginnen Caroline Braun und Martina Reiners sowie Gilbert Ballmann. „Der Tag ist in drei Phasen aufgeteilt“, erklärt Reiners. „In der ersten Phase lernen wir uns kennen und machen uns wach für das Thema. In der zweiten Phase werden die Teilnehmer in Gruppen aufgeteilt und bekommen verschiedene Aufgaben.“

Das waren bei den Heilerziehungspflegern die Suche nach Geflügelten Worten zum Thema Körper und Gesundheit, die Zusammenstellung eines Erste-Hilfe-Koffers für seelische Zerwürfnisse wie Liebeskummer oder Heimweh, Ideen für eine Notruf-App mit wichtigen Telefonnummern aber auch einer Tagebuchfunktion oder einer Sammlung der Lieblingsorte sowie die Nachstellung eines Fallbeispiels, bei dem es um eine Bürgerversammlung zur Errichtung eines Wohnheims für essgestörte Mädchen ging.

„Erst in der dritten Phase outet sich der ‚Experte in eigener Sache‘ und erzählt von seinem Leben“, erklärt Reiners und setzt „outet“ dabei mit den Fingern in Anführungszeichen. Diese Reihenfolge bewirkt in der bisherigen Erfahrung, dass die Schülerinnen und Schüler deutlich offener dem Experten gegenüber sind – nicht nur bei den Studierenden der Heilerziehungspflege, die qua Berufsziel eine hohe Reflexionsbereitschaft und Offenheit gegenüber dem Andersartigen mitbringen. „Gil ist kein Außerirdischer und seine Erkrankung macht ihn nicht schlechter“, meint Neuköther. „Denn auch wir haben unsere Päckchen zu tragen“, so Schlösser.

Die Bereitschaft, auch davon in der Runde zu erzählen, steigt durch die grundsätzliche Beschäftigung mit dem Thema. Das wiederum wirkt auf die Schüler wie auch auf den Experten bestärkend: „Es ist ein positives Gefühl, wenn meine Geschichte ankommt“, findet Experte Ballmann.

Angela Neuköther stellt fest: „Das Projekt hat die Klasse zusammengeschweißt.“ Und Reiners sagt aus den bisherigen Erfahrung auch in Hauptschulklassen: „Es ist ermutigend für die Schülerinnen und Schüler. Sie können normaler mit einer seelischen Krise bei sich oder anderen umgehen.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert