Vermisster Herbert Becker: Alptraum für Familie

Von: Christoph Pauli
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Herbert Becker ist in Aachen kein Unbekannter. Jahrelang war er Mannschaftsbetreuer der Alemannia. Foto: Imago/Jereczek

Aachen. Es war ein ganz normaler Abschied. An diesem Mittwochmorgen fuhr Herbert Becker wie schon dutzende Male zuvor ab Eilendorf mit der Linie 57 in die Innenstadt. Der Rentner verbrachte drei Stunden in der integrativen Tagesstätte „Die Flora“, dort in der Mörgensstraße können Senioren ihr Gedächtnis trainieren, ein bisschen klönen.

„Er ging immer sehr gerne dahin“, sagt Karola Becker. An diesem Mittwoch, 15. April, es war ihr Geburtstag, hat sie ihren Mann zum letzten Mal gesehen.

Herbert Becker ist seitdem verschollen. „Einfach wie weggeblasen“, sagt die Frau, mit der er seit 56 Jahren verheiratet ist. Eine ganze Stadt sucht den 76-Jährigen seit fast zwei Wochen, eine heiße Spur hat sich nicht ergeben. Becker ist dement, aber er ist noch nie verloren gegangen.

Die Familie wartet seit über zwei Wochen in Eilendorf auf Nachrichten. Sie haben einen starken Zusammenhalt in diesen extremen Stunden. „Wir versuchen uns gegenseitig zu stabilisieren“, sagt Tochter Karin, die aus Kaufbeuren zurückgekommen ist.

Becker ist nicht ganz unbekannt. Über viele Jahre half er bei Alemannia als Manschaftsbetreuer. Dieser Verein war sein Leben, sagt seine Tochter.

Die erste lange Nacht

Ihr Vater hat die „Flora“ an jenem Mittwoch gegen 12 Uhr verlassen, wollte zur Haltestelle in der City – wie so oft. Die Familie hat bald darauf versucht, ihn über das Handy zu erreichen. Stundenlang ging der Ruf nur durch, gegen 18 Uhr passierte nichts mehr, vermutlich war der Akku leer. Zuletzt geortet wurde das Telefon an der Philips­straße in Aachen.

Gegen 19 Uhr schaltete die besorgte Familie den Polizei ein, gab eine Vermisstenanzeige auf. Ein Streifenwagen suchte die Umgebung in Eilendorf erfolglos ab, die erste lange Nacht begann. Die Familie wähnte sich in einem schlechten Film, dessen Happyend grausam auf sich warten lässt.

Am nächsten Morgen meldete sich die Familie schon früh beim zuständigen Kriminalkommissariat 12. Sie schlug vor, mehr Öffentlichkeit herzustellen. Ein Foto wurde der Fahndern auf Nachfrage der Familie zugemailt, Krankenhäuser, Aseag- und Taxi-Fahrer und die Medien wurden informiert. Die Zeit drängte, der Verschollene braucht Medikamente.

Tochter und Enkeltochter dehnten die Fahndung auf Facebook auf, wie es ihnen ein Polizist geraten hatte. Tausende Male wurde die Meldung bundesweit geteilt. Am Freitag nach dem Verschwinden wurden zudem 22.000 Menschen am Tivoli auf das Schicksal hingewiesen.

„Vielleicht ist er in einen falschen Bus eingestiegen“, sagt Sohn Alexander. Eine Spur führt nach Imgenbroich. Doch die Suche auch mit dem Helikopter führt zu keinem Ergebnis. Andere Hinweise kamen aus dem Bereich Elsassstraße, Kennedypark, Geschwister-Scholl-Gymnasium im Ostviertel. Freunde und Familie fahndeten vor Ort vergeblich nach dem Belgier.

Am konkretesten ist ein Hinweis eines Bekannten, der sich im Bus mit Herbert Becker an jenem Mittwoch unterhalten haben will. Er habe den 76-Jährige darauf hingewiesen, dass er in der falschen Linie unterwegs sei. Daraufhin ist Becker am Tierpark, „In den Zwanzigermorgen“, ausgestiegen und auf einen Fußweg eingebogen. Sein Sohn hat später das Gelände inspiziert. Auch diese Spur führt zu keinem Ergebnis.

Die Familie Becker bleibt in der Warteschleife. „Diese Ungewissheit wünsche ich keinem Menschen“, sagt seine Frau. „Man hört auf jedes Geräusch, schreckt bei jedem Telefonklingeln auf. Es ist furchtbar.“ Sie geht kaum noch aus dem Haus, weil sie die vielen gut gemeinten Fragen nicht erträgt, und weil sie keine neuen Antworten geben kann.

Sie leiden, und sie leiden zusätzlich, weil sie sich nicht immer gut begleitet fühlen von der Polizei. Erst eine Woche nach dem Verschwinden tauchte der zuständige Beamte erstmals bei der Familie auf. „Viele Initiativen gingen von uns aus“, sagt Tochter Karin. Die Polizisten reagieren teilweise genervt von den Nachfragen der Familie, die mehrfach täglich anruft und vergreifen sich im Einzelfall auch im Ton, sagt die Frau.

Vorwürfe werden besprochen

In der Dienststelle wird der Vorwurf gerade besprochen. „Sollte sich dieses Verhalten bewahrheiten, würden disziplinarrechtliche Schritte eingeleitet“, kündigt Sprecher Paul Kemen. Der Beamte kann derzeit urlaubsbedingt nicht befragt werden. Doch Kemen stellt fest: „Ein solches Verhalten wäre ungehörig, respekt- und taktlos.“

Die Familie ist fassungslos. Einerseits brauchen sie in dieser extremen Situation die Hilfe der Spezialisten, andererseits spüren sie eine kalte Ohnmacht, weil der Fall aus ihrer Sicht so lieblos behandelt wird. Kemen sagt, dass es regelmäßige telefonische Kontakte gegeben habe. Der Familie seien die Ermittlungsergebnisse und weitere Informationen mitgeteilt worden.

Kemen sagt aber auch nach einer internen Besprechung: „Wir nehmen das Empfinden der Familie Becker – nämlich in dieser Phase zu selten persönlich kontaktiert und unterrichtet worden zu sein – zum Anlass, diesen Fall nachzubereiten und nach möglichen Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Hier denken wir an psychologische Unterstützung, Opferunterstützung und Nachsorge.“

Die Beckers gehen längst realistisch mit der Situation um. Aber sie klammern sich weiterhin an jeden Strohhalm. Am Samstagmorgen ist Karin Becker mit dem Foto ihres Vaters zur Hüls gegangen, wo viele Reisebusse halten. Ein polnischer Busfahrer will Becker als den Mann wiedererkannt haben, der ihm zwei Stunden vorher in Mönchengladbach fast vor den Bus gelaufen sei.

Er konnte die Kleidung, die Figur und den hinkenden Gang beschreiben. Der Mann im Reisebüro informiert gegen 12.50 Uhr die Polizei. Als die Polizei auch bis 14.15 Uhr nicht auf der Hüls erscheint, um mit dem Busfahrer zu sprechen, fährt Karin Becker wieder nach Hause. Freunde suchen später erfolglos in Mönchengladbach.

„Es ist ein ständiges Hoffen und Bangen“, sagt Alexander Becker. In der Familie, die sich auf wundervolle Weise stützt in diesen Tagen, wird auch offen darüber gesprochen, dass Herbert Becker gestorben ist. „Vielleicht geht es ihm jetzt gut“, hofft seine Tochter. Sie sehnen sich nach Gewissheit, wollen, dass dieser Alptraum endlich zu Ende geht.

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