Vermeintliche „Graffiti-Künstler”: Zahl der Schmierereien explodiert

Von: Robert Esser
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Keine Graffiti-Kunst, sondern
Keine Graffiti-Kunst, sondern Schmierereien aus der Spraydose: Die Burtscheider Brücke und die Umgebung werden laut Polizei besonders oft Opfer nächtlicher Farb-Attacken - mit teuren Folgen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Bernd Rommé hat nicht nur die Nase gestrichen voll. Unbekannte Täter schmierten seine Hausfassade neben der Burtscheider Brücke Anfang November mal wieder mit Graffiti voll - zum dritten Mal in diesem Jahr. Wobei hier mit Graffiti keine kunstvoll gesprayten Farbbilder, sondern primitive Schriftzüge und Krakeleien gemeint sind.

Wer mit offenen Augen durch Aachen geht, stellt fest, dass kaum eine Hauswand vor den nächtlichen Farbattacken sicher ist. 2008 zählte die Polizei 210 Anzeigen. Drei Jahre später ist die Zahl bereits auf 648 explodiert. Und im laufenden Jahr haben schon 382 Immobilieneigentümer Schmierereien gemeldet.

Dass dies im Vergleich mit dem Vorjahreszeitraum bislang 90 Fälle weniger sind, wundert Graffiti-Opfer Rommé nicht: „Stadt und Polizei scheren sich einen Dreck um das, was in unserer Gegend passiert!”, ärgert er sich.

Die Polizei habe am Telefon durchblicken lassen, dass sich eine Anzeige kaum lohne, da die Wahrscheinlichkeit, die meist jugendlichen Täter zu schnappen, verschwindend klein sei, schildert Rommé. „Wenn man den Bürger quasi auffordert, auf Anzeigen zu verzichten, ist es ja klar, dass letztlich weniger Fälle in der Kriminalitätsstatistik auftauchen”, erklärt der Familienvater.

Polizeisprecherin Sandra Schmitz widerspricht: „Wir rufen ausdrücklich dazu auf, jede Schmiererei zu melden”, sagt sie. Über ein Dutzend Täter - die meist für ganze Graffiti-Serien verantwortlich seien - habe man jüngst dingfest gemacht, erläutert sie. Die Aufklärungsquote liege derzeit bei knapp 19 Prozent - überraschend hoch für ein solches Delikt. „Wer verdächtige Personen beobachtet, Sprühflaschen findet oder sogar Sprayer bei der Tat erwischt, sollte unbedingt direkt bei der Polizei anrufen”, appelliert Schmitz. Wobei das Präsidium besonders viele Fälle in Burtscheid und in der Aachener Innenstadt registriert. Von Entwarnung kann da keine Rede sein.

Trügerisch ist deshalb auch die Bilanz der Stadt Aachen. Die stellt nämlich - ausgehend von einer Aktion des „Graffiti-Teams” unter Federführung eines Malermeisters namens Marcel Philipp vor rund zehn Jahren - erhebliche finanzielle Mittel in den Haushalt ein, um Schmierereien von Hausfassaden entfernen zu lassen. 100 000 Euro stehen dazu pro Jahr zur Verfügung, auch seitdem Philipp als Oberbürgermeister das Thema „Sauberes Aachen” ganz oben auf die Prioritätenliste gesetzt hat (siehe Artikel unten).

Jeder Hauseigentümer, der Opfer von Fassaden-Graffiti wurde, bekommt - wenn er bei der Polizei Anzeige stellt und die Säuberung von einer Fachfirma durchführen lässt - 15 Prozent der Rechnung ersetzt (Graffiti-Hotline der Stadt: Tel. 9632400).

Zuletzt sind allerdings nur 4500 Euro pro Jahr von privaten Hausherren abgerufen worden; rund 80 000 Euro flossen in die Graffiti-Entfernung auf zig Schulwänden und anderen öffentlichen Gebäuden, wie die Stadt mitteilt. „Offenbar wissen zu wenige Privatleute von diesen öffentlichen Zuschüssen”, sagt Claudia Weiß vom Gebäudemanagement. Was sich jetzt ändern sollte.

Denn zuweilen können Säuberung und neuer Hausanstrich erhebliche Kosten verursachen. „Am schlimmsten wird es auf historischen Gebäuden, wenn etwa vorher gesandstrahlt werden muss”, erklärt Michael Zirk, Obermeister der Aachener Maler- und Lackiererinnung. Er empfiehlt, immer Rat im Fachmarkt oder bei einem Meisterbetrieb zu suchen.

„Sonst beschädigt man an der Fassade womöglich mehr als die ursprüngliche Beschmierung.” Wer etwa mit aggressiven Lösemitteln an gestrichene Hauswände herangehe, riskiere kostspielige Schäden. Experten weisen darauf hin, dass vor allem dunkle Autolacke und speziell Silberspray für Autofelgen die hartnäckigsten Folgen verursachen. „Das geht so gut wie gar nicht ab”, sagt der Fachmann - ähnlich widerspenstig seien bestimmte wasserfeste Filzstifte.

Rommé ist stinksauer: „Das Beschmieren unseres Hauses geht wirklich an die Substanz”, sagt er. „Wir überlegen ernsthaft, unser Haus - welches sich seit 1880 im Familienbesitz befindet - zu verkaufen und wegzuziehen. Aber das käme einer Kapitulation gleich - und das wollen wir nicht.” Segel streichen kommt nicht in Frage.
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