Aachen - Verein „Aachener Engel“ feiert sein zehnjähriges Bestehen

Verein „Aachener Engel“ feiert sein zehnjähriges Bestehen

Von: Katrin Fuhrmann
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Aachener Engel als Schultutoren mit Schülern: In den vergangenen Jahren wurde das Konzept entwickelt, um junge Menschen für den weiteren Ausbildungsweg besser aufzustellen. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Wenn Martin Lücker von den „Aachener Engeln“ spricht, rückt zwangsläufig sein eigenes Leben in den Fokus. Ein Leben, das seit zehn Jahren vom Hilfsverein Aachener Engel geprägt ist.

Da ist die Rede von krebskranken und verzweifelten Menschen, denen er in den letzten Stunden ihres Lebens zur Seite stand. Dabei ist dies nur ein Aspekt des überaus anspruchsvollen Aufgabenspektrums. Der 46-Jährige spricht auch von missbrauchten und vergewaltigten Kindern und aggressiven Jugendlichen. Er erzählt von jungen Männern, die mit seiner Hilfe zurück ins Leben gefunden haben und über Frauen, die selbstbewusst und stark durchs Leben gehen, obwohl sie zu Hause Gewalt erlebt haben. Er berichtet von all denjenigen, die trotz unheilbarer Krankheit die letzten Tage ihres Lebens zu ganz besonderen gemacht haben.

Doch wie kam es dazu, dass Martin Lücker vor zehn Jahren den Verein gründete und mit vielen Mitstreitern damit bis heute mehr als 1500 Menschen helfen konnte?

Ein Rückblick: Lücker ist 26 Jahre alt, als er plötzlich und völlig unerwartet die Diagnose Krebs erhält. Die Ärzte geben ihm damals nicht mehr als zwei Jahre zu leben – zu groß und aggressiv sei der Tumor in seinem Bauchraum. Dieses vermeintliche Todesurteil ist für Lücker ein Schock. Er ist bislang erfolgreich als Antiquitätenhändler, hat bis zu diesem Zeitpunkt schon viele Länder bereist und sein Betriebswirtschaftsstudium in Aus­tralien beendet – er steht mitten im Leben. „Das hat mich wirklich hart getroffen und mich mitten aus dem Leben gerissen“, erzählt Lücker. Doch er hat im buchstäblichen Sinne des Wortes Glück im Unglück.

Im belgischen Löwen gibt es seinerzeit eine Studie, die sich mit einer neuen Therapiemöglichkeit für Krebspatienten beschäftigt. Lücker entscheidet sich für die Therapie und damit auch für einen harten Kampf. Bis zu 17 Stunden dauert eine der vielen Operationen, die er ertragen muss. Nach den zahlreichen Operationen wiegt Lücker nur noch 43 Kilogramm. Er kann nicht mehr laufen und ist monatelang an den Rollstuhl gefesselt. Er muss ganz von vorne anfangen. Doch mit viel Kraft kämpft er sich ins Leben zurück, auch sonst normalisierte sich sein Leben zunehmend.

Einige Monate, nachdem er sich von der Krankheit erholt hatte, erfuhr er, dass ein Freund ebenfalls an Krebs erkrankt sei. Lücker kümmerte sich um ihn – und merkte, wie viel es brachte, Menschen zu helfen und ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Konsequenz: 2005 gründete er den Verein „Aachener Engel“.

Ein Verein, der es sich nicht zuletzt zur Aufgabe gemacht hat, schwer kranken Menschen auf ihrem mühevollen und schwierigen Weg, manchmal bis zum Tod, zu begleiten. Auch die 41-jährige Ute (Name geändert) hat sich vor zwei Jahren bei den Engeln gemeldet, als sie erkannte, dass der Lungenkrebs ihr Leben bestimmte. Zwar versicherten die Ärzte der Frau, dass ihre Überlebenschancen sehr gut seien, doch die Aachenerin blieb realistisch. Sie war sich sicher, dass sie sterben wird. Nach der Diagnose ging sie tagelang nicht zur Arbeit, kümmerte sich nicht um den Haushalt und hatte auch sonst keine Lust das Haus zu verlassen. Auf die Aachener Engel wurde sie durch Zufall aufmerksam.

Ein Treffen mit Martin Lücker kam schnell zustande. Das erste Mal nach der Krebsdiagnose konnte sie weinen. Sie konnte über ihre Sorgen und Probleme sprechen. Und vor allem konnte sie über ihre größte Angst sprechen: den Tod. Die Gespräche mit Lücker holten sie zurück ins Leben. Sie konnte wieder lachen und erkannte: Der Krebs darf niemals ihr Leben bestimmen.

Die Krankheit hat Ute überstanden. Ohne Lückers Hilfe, da ist sie sich sicher, hätte sie diesen schwierigen Weg nicht geschafft.

Auch die 19-jährige Marina (Name geändert) suchte bei den Engeln Hilfe und Rat. Die Scham war groß, als sie vor vier Jahren die Tür von Lückers Büro öffnete. Monatelang wurde sie zu Hause geschlagen und eingesperrt. Aus Angst vor ihrem Stiefvater versuchte sie selbst, mit der Situation zurechtzukommen und schwieg lange Zeit. Lücker machte ihr klar, dass sie eine starke Frau sei. Er ging mit ihr zum Boxen, nahm sie mit zu Wettkämpfen und half ihr die Erfahrungen zu verarbeiten.

So wie Ute und Marina geht es vielen. Nach Krebsdiagnosen, Missbrauch und Vergewaltigung fallen sie in ein Loch, sehen keinen Ausweg und nehmen deswegen die Hilfe Lückers und seiner Mitstreiter in Anspruch. Rund 1500 Menschen konnten die Engel bis heute helfen. „Es gab auch Menschen, die die Krankheit nicht überlebt haben. Aber sie sind glücklich und zufrieden gestorben. Das ist was zählt“, sagt Lücker.

Seit 2011 widmet sich Lücker nur noch der Vereinsarbeit, die mittlerweile vielumfassend ist. Aus elf Gründungsmitgliedern sind mittlerweile rund 900 „Engel“ geworden. Neben der Hilfe für kranke, missbrauchte und in notgeratene Menschen hat der Verein längst neue Angebote entwickelt: einen eigenen Boxverein und ein Tutorenprogramm ( siehe Zusatzbox). Beide Projekte finden großen Zuspruch. Mittlerweile fährt Lücker mit seinen Schützlingen mehrere Male im Monat zu Boxwettkämpfen. Die Ergebnisse können sich sehen lassen.

Ein Stück Seele des Vereins liegt an der Hanbrucher Straße. Dort haben die Engel seit einem Jahr einen Garten gepachtet. Der ist ein ruhender Pol für Mitarbeiter, Patienten, Vereinsmitglieder und Sportler – dort grillen sie gemeinsam und sehen, dass Leben wieder wächst. So wie die Pflanzen in diesem Stückchen Grün. Die Patienten werden stärker im Umgang mit der Krankheit und blühen selbst wieder auf. Schmerz und Ängste können so für ein paar Stunden vergessen werden.

Ob Deutscher, Afrikaner, Iraker, Kurde, Pole oder Grieche – bei den Aachener Engeln versteht man sich als Gemeinschaft. Diese familiäre Entwicklung zeigt Lücker täglich, wie viele Früchte seine Arbeit trägt. „Ich will einfach ein Problemlöser sein, der Menschen darin bestärkt, das zu tun, was sie am besten können. Ich mache ihnen aber auch deutlich, was sie besser bleiben lassen sollten“, sagt er.

Ihm selbst ist im Laufe der zehn Engel-Jahre bewusst geworden, was wirklich wichtig ist und was im Leben zählt. Er ist sicher: „Was zählen ein Porsche und eine Rolex, wenn ich nicht zufrieden bin. Ich denke, wenn jeder Mensch das tun würde, was er gut kann, dann hätten wir viele Probleme nicht.“

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