Ursula Polzin: „Parkinson-Kranken wird oft zu wenig abverlangt“

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Bewegung hilft, dass Erkrankte länger selbstständig bleiben: Ursula Polzin (vorne rechts) geht bei ihrer Gymnastikstunde für Menschen mit Parkinson einfühlsam auf die Bedürfnisse der Teilnehmer ein. Polzin selbst bekam vor zehn Jahren die Diagnose Parkinson. Foto: Andreas Herrmann
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Worüber können Sie (Tränen) lachen? Über das Stockpuppenkabarett „Pech und Schwefel“ des Öcher Schängchens. Was macht Sie wütend? Ignoranz und Hochmut. Was ertragen Sie nur mit Humor? Gedränge an der Supermarktkasse. Ihr wichtigster Charakterzug? Ausd

Aachen. Ursula Polzin bietet vier Mal in der Woche Rehasport für Menschen mit neurologischen Erkrankungen, besonders für Parkinson-Patienten, an. Das tun viele – doch nur sie weiß dabei sehr genau, wie sich Parkinson anfühlt. Vor zehn Jahren bekam sie die Diagnose, seit fast neun Jahren ist sie als Übungsleiterin mit dem Profil Neurologie aktiv.

Im Interview mit der AZ erzählt die 66-Jährige, warum Bewegung für sie und für andere Betroffene im Alltag so wichtig ist.

Sie sind Übungsleiterin mit dem Profil Neurologie. Was genau ist das?

Ursula Polzin: Das heißt, ich habe die Lizenz als Fachübungsleiter im Rehabilitationssport, Schwerpunkt neurologische Krankheiten, zum Beispiel Parkinson, Multiple Sklerose oder Schlaganfall. Die Ausbildung umfasst 180 Lerneinheiten.

Wie sehen Ihre Gymnastikstunden aus?

Polzin: Mehrere Untersuchungen haben gezeigt, dass sportliche Betätigung die Durchblutung sowie Verschaltungen im Gehirn positiv beeinflussen. Sport sorgt außerdem für eine vermehrte Ausschüttung von Dopamin, das zum Beispiel bei Parkinson nicht ausreichend gebildet wird. Es gibt eine große Auswahl an Therapieansätzen, aber neben fachlichem Wissen braucht man vor allem das gewisse Gespür, um die Teilnehmer optimal zu fördern. Eine angenehme Atmosphäre mit der richtigen Musik macht es den Teilnehmern leicht, den Bewegungen zu folgen. In jeder neuen Stunde betrachte ich den ganzen Menschen mit seinen jeweiligen Problemen. Und ich passe die Gymnastikstunde flexibel an. Ein Beispiel: Vergangene Woche bemerkte ich in der „Gymnastik bei Parkinson“, dass die Teilnehmer wieder sehr leise sprachen, zudem ihre Körperhaltung schlecht war. Also haben wir an der Stimme, der Haltung und Mimik gearbeitet: laut singen, dabei den Mund groß aufmachen, strahlen, möglichst aufrecht sein. Parkinson führt dazu, dass die Menschen immer leiser und gebeugter werden, ihre Mimik friert ein.

Warum ist Bewegung für Menschen mit Parkinson so wichtig?

Polzin: Regelmäßige sportliche Aktivität fördert die Beweglichkeit und die motorischen Fähigkeiten. Durch die eingeübten Bewegungen können Erkrankte ihre Selbstständigkeit länger erhalten. Sie lernen, wie sie sich im Alltag selbst helfen und die täglichen Abläufe erleichtern können, ohne einen Angehörigen zu bemühen. Angehörige und Freunde verhalten sich oft aus falscher Fürsorge ungeduldig und nehmen dem Erkrankten zu viel aus der Hand. Wenn ihm aber immer das Butterbrot geschmiert oder der Schuh zugebunden wird, kann er es irgendwann tatsächlich nicht mehr. Viele werden fremdbestimmt. Durch ihre gebeugte Körperhaltung und die leise Stimme werden sie gar nicht wahrgenommen. Und der Angehörige ergreift dann sofort das Wort. Auch dagegen trainieren wir. Alltagsbewegungen sind deshalb wichtiger Bestandteil der Gymnastikstunden bei Parkinson. Parkinson ist eine fortschreitende, nicht heilbare Krankheit. Wer sich nicht bewegt, versteift. Im Umkehrschluss gilt: Wer sich bewegt, hat mehr Lebensqualität. Täglich den inneren Schweinehund zu besiegen, lohnt sich bei Parkinson doppelt.

Wie sind Sie Übungsleiterin mit diesem speziellen Profil geworden?

Polzin: Ich habe selbst Parkinson. Als ich vor zehn Jahren davon erfuhr, ging es mir sehr schlecht. Ich habe ein Jahr lang mit niemanden darüber gesprochen – auch mit meinen Kindern nicht. Aber ich wusste, dass etwas passieren musste, deshalb bin ich in eine Reha in einer neurologischen Klinik im Westerwald gegangen. Ich habe zuvor schon eine Damen-Gymnastikgruppe geleitet. Sport war mir also da schon wichtig. Und in der Reha-Klinik konnte ich von den Sport-Angeboten gar nicht genug bekommen. Dem sportlichen Leiter ist das aufgefallen. Er fragte mich, ob ich nicht den Übungsleiterschein mit Profil Neurologie machen wollte. Noch in der Reha habe ich mich zur zweiwöchigen Fortbildung in Koblenz angemeldet.

Kommt es oft vor, dass ein Betroffener Übungsleiter wird?

Polzin: Nein. Hier in der Region bin ich die einzige.

Können Sie die Teilnehmer der Gymnastik bei Parkinson anders motivieren als das gesunde Trainer könnten?

Polzin: Auf jeden Fall. Ich habe einen anderen Bezug zur Krankheit. Ich bin strenger als meine gesunden Kollegen. Physiotherapeuten und bestimmt auch Übungsleiter fordern Parkinson-Kranke meistens zu wenig. Das habe ich oft schon selbst erlebt. Gerade war ich bei einer Fortbildung in einer Parkinson-Klinik. Teilweise wurden da Konzepte vorgestellt, die eher an Training mit Alzheimer-Patienten erinnerten. Wir sollten im Kreis gehen und Volkslieder singen. Ich hätte ganz andere Melodien – gern auch ein bisschen frivole – und auch viel mehr Bewegung gefordert. Parkinson-Kranke können viel mehr, aber das wird ihnen zu selten abverlangt.

Gibt es auch ein Zuviel an Forderung?

Polzin: Das gibt es schon. Dann können sich Parkinson-Patienten gar nicht mehr bewegen. Bisher ist es mir immer gelungen, zu erspüren, wo die absolute Grenze des Einzelnen ist. Die meisten gehen aber zu wenig an die Grenze heran. Wie jeder Sportler können auch Parkinson-Kranke ihre Grenze durch Training verschieben.

Wie integrieren Sie Bewegung in Ihren Alltag?

Polzin: Ich schaffe mir Zeitfenster dafür. So absolviere ich ein tägliches Bewegungsprogramm. Ich gehe joggen, ich leite vier Mal die Woche Gymnastikstunden. Das ist zum einen für die Erhaltung der Beweglichkeit wichtig. Aber auch, um den Alltag zu strukturieren. Man wird ja immer langsamer. So gebe ich mir eine feste Zeit vor – für Körperpflege, Sport, Hausarbeit und so weiter – in der ich das Pensum schaffen muss. Auch das erhält die Selbstständigkeit.

Was gibt Ihnen selbst die Bewegung?

Polzin: Glücksgefühle. Durch Bewegung werden vermehrt Endorphine ausgeschüttet, aber auch Dopamin. Alle Symptome von Parkinson beruhen auf reduzierter Dopamin-Produktion im Gehirn. Durch die Bewegung habe ich die Krankheit gut im Griff, ohne hätte ich nicht diese Lebensqualität und diese Lebensfreude.

Waren Sie schon immer ein Bewegungs-Junkie?

Polzin: Nein, erst mit 40 Jahren habe ich den Sport für mich entdeckt. Vor allem bin ich gejoggt. Den ATG-Lauf habe ich zum Beispiel jedes Jahr absolviert.

Gibt es Tage, an denen Sie sich lieber nicht bewegen würden?

Polzin: Nein, wenn ich mich nicht bewege, geht es mir nicht gut.

Wie motivieren Sie Ihre Teilnehmer?

Polzin: Indem ich die richtige Musik auswähle, die richtigen Worte sage, selbst strahle. Und mit mir selbst im Einklang bin.

Ihre „Gymnastik bei Parkinson“ ist ein Angebot der Regionalgruppe Aachen der Deutschen Parkinson-Vereinigung. Welchen Stellenwert hat für Sie persönlich die Selbsthilfegruppe?

Polzin: Einen sehr hohen. Vor 15 Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, wie wichtig das tatsächlich ist. Ich bin in der Erkrankung nicht allein! Ich fühle mich akzeptiert und aufgenommen. Abgesehen von den vielen Informationen über Ärzte, Medikamente oder neue Forschungserkenntnisse, die es beim Monatstreff oft gibt. Zusätzlich treffen wir uns auch außerhalb der Gruppe privat zu diversen sportlichen Aktivitäten – zum Beispiel zum Tischtennisspielen oder Spazierengehen.

Wieder Bewegung…

Polzin: Bewegung ist immer dabei (lacht).

Der Schauspieler Ottfried Fischer – selbst betroffen – hat Parkinson als „beschissene Unpässlichkeit“ bezeichnet. Wie sehen Sie in die Zukunft?

Polzin: Das Leben ist anstrengender geworden. Jedoch die Anstrengung lohnt sich. Ich gehe bewusster mit meinem Leben um, bin milder und toleranter geworden. Und jetzt genieße ich noch mehr als früher. Ich würde nicht mit einem gesunden, abgehetzten Menschen tauschen wollen. Das passt jetzt alles so. Es gibt keinen Grund, sich mit Parkinson zu verstecken! Mein Tipp: Bewegt Euch ausreichend. Die Zauberwörter bei Parkinson sind: Fitness für den Körper, Fitness fürs Gehirn, Balsam für die Seele.

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