Unverzichtbare Helfer nicht nur hinter Gittern

Von: Katharina Redanz
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„Was kann Ehrenamt in der Straffälligenhilfe?“: Die Frage stand beim Neujahrsempfang im Zentrum der Diskussion. Mustafa Ameen, Jonas Paul, Martin Czarnojan, Daniela Jansen und Holger Brantin (von links) stellten sich den Fragen von AZ-Moderator Matthias Hinrichs (3. v.l.). Foto: Andreas Schmitter
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Beklemmende Botschaft: Michael Kröhnert las aus Stefan Zweigs berühmter „Schachnovelle“. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Etwas mehr als 100 Frauen und Männer engagieren sich ehrenamtlich bei der Straffälligenhilfe Aachen (SHA): Sie leiten Gesprächsgruppen, geben Sprachkurse, betreuen einzelne Straffällige oder pflegen Brieffreundschaften mit Inhaftierten.

„Sie bauen Brücken nach draußen“, erklärte Catrin Brust, Sozialarbeiterin und Ehrenamtskoordinatorin bei der SHA, Funktion und Relevanz der engagierten „Kollegen“ für die Arbeit der Einrichtung.

Beim Neujahrsempfang des Vereins im Eulershof stand daher die Rolle des Ehrenamts für Straffällige im Spannungsfeld neuer Herausforderungen im Mittelpunkt. Nach einem Bildervortrag von Corinna Bavaj, der exemplarisch für die Arbeit aller Ehrenamtler stand, sowie Stefan Zweigs „Schachnovelle“, jener berühmten Erzählung über einen Mann in Isolationshaft, die Michael Kröhnert vom Theater 99 vortrug, erhitzte eine Podiumsdiskussion die Gemüter: Zum Thema „Gefühl statt Härte – was kann Ehrenamt in der Straffälligenhilfe?“ diskutierten die SPD-Landtagsabgeordnete Daniela Jansen, CDU-Ratsherr und Richter Holger Brantin, Jonas Paul, Ratsherr und Landtagskandidat der Grünen, SHA-Geschäftsführer Martin Czarnojan sowie Mustafa Ameen, Flüchtling aus Syrien, der als Integrationshelfer und Dolmetscher im Jugendgefängnis Heinsberg tätig ist.

Mit provokanten Fragen wie „Sperren wir heute zu schnell ein – oder nicht konsequent genug?“ leitete Moderator und AZ-Redakteur Matthias Hinrichs die Diskussion ein. Hier allerdings zeigten sich die Teilnehmer einig: Es werde weder zu schnell noch zu spät „eingesperrt“, schließlich befinde man sich in einem Rechtsstaat, und jeder Haft liege ein entsprechendes Urteil zugrunde. A

uch die aktuelle Situation – gekennzeichnet durch Angst vor Terror und sogenannten „Gefährdern“ – dürfe daran nichts ändern, denn „wenn wir nicht unseren rechtsstaatlichen Prinzipien treu bleiben, gefährden wir uns selbst“, so Jonas Paul. Zudem sei klar, dass das Leben Straffälliger häufig völlig aus den Fugen gerate. Genau da kämen die Ehrenamtlichen ins Spiel, die oft die einzigen Kontaktpersonen außerhalb des Knasts und daher enorm wichtig für eine erfolgreiche (Re-)Integration seien.

„Wenn keiner mehr wartet . . .“

Denn: „Wenn draußen keiner mehr wartet, ist eine neue Straffälligkeit fast programmiert“, sagte Brantin, seines Zeichens Vorsitzender der Strafvollstreckungskammer beim Landgericht Aachen. Die Berichte von Sozialarbeitern und Ehrenamtlichen spielten eine enorm wichtige Rolle, wenn es darum gehe zu prüfen, ob Gefangene aus der Haft entlassen werden könnten. Dennoch stoße die Arbeit zur Begleitung Straffälliger oft an ihre Grenzen, konstatierte Czarnojan.

„Viele Stellen für Polizisten, Richter und Staatsanwälte werden gerade geschaffen. Diese Offensive brauchen wir auch in der Sozialarbeit, damit unsere Gesellschaft nicht zusammenbricht“. So müsse das hauptamtliche Personal aufgestockt, aber auch und vor allem das Ehrenamt weiter gefördert werden. Daniela Jansen betonte, dies werde auch umgesetzt. Die Landesregierung habe die Mittel für Initiativen, die sich in diesem Bereich engagieren, in der aktuellen Legislaturperiode um immerhin eine Million Euro aufgestockt.

„Gut, aber noch nicht gut genug“, so die Reaktionen auch im Publikum. Schließlich müssten die Ehrenamtler umfassend geschult und begleitet werden. „Wir machen Supervision und sind für Fragen und Hilfestellungen jederzeit erreichbar“, so Catrin Brust. Gleichwohl seien engagierte Helfer aus der Mitte der Gesellschaft unverzichtbar, um (ehemaligen) Gefangenen neue Orientierung zu geben – daran kam auch bei der lebhaften Debatte kein Zweifel auf. Sie leisteten damit einen substanziellen Beitrag, auch das subjektive Sicherheitsgefühl zu verbessern.

„Natürlich dürfen wir Straftaten nicht verharmlosen“, meinte die Ehrenamtliche Gisela Wennekamp. „Aber wir dürfen Straffällige auch nicht auf ihre Tat reduzieren.“ Die pensionierte Lehrerin unterrichtet einmal in der Woche Deutsch in der JVA und sagte, dass nicht nur die Inhaftierten davon profitierten: „Wenn ich sehe, dass die Leute nach der Haftentlassung das nutzen können, was ich ihnen beigebracht habe, dann gibt mir das unglaublich viel.“ Am Ende waren sich daher alle zumindest darüber einig: Ehrenamt in der Straffälligenhilfe kann eine Menge, für eine erfolgreiche Integration bleibt es unverzichtbar.

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