Aachen - Unterwegs auf dem Öcher Bend: Wo der „Gladiator“ Jazz hört

Unterwegs auf dem Öcher Bend: Wo der „Gladiator“ Jazz hört

Von: Svenja Pesch
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Ganz schön schräg: Rasante Fahrgeschäfte gehören ebenso zum Öcher Frühlingsbend wie nostalgische Bahnen und Buden. Tausende nutzten das Osterwochenende, um über den Rummel zu schlendern – und hatten wie diese beiden Adrenalinfans sichtlich Spaß dabei. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Volksfest ist nicht gleich Volksfest: Das beweist auch der traditionelle Öcher Bend, der seit einigen Tagen für jede Menge Rummel im Städtchen sorgt. Denn der Besuch der vielen Attraktionen wie Autoskooter, Geisterbahn oder Dosenwerfen wird erst durch die Menschen, die hinter den jeweiligen Ständen stehen, zu etwas Besonderem.

Nämlich dann, wenn Familien und Schausteller sich Jahr für Jahr begrüßen und über dieses und jenes quatschen, merkt man: Volksfest ist eben nicht gleich Volksfest.

Das wissen auch Madleen Koken und ihre Familie, die sich extra für den Öcher Bend eine Spezialität ausgedacht haben. Inmitten ihres Süßwarenstandes mischt sich neben den Geruch von Zuckerwatte und Mandeln noch der nach einer in Aachen altbekannten Zutat. „Es ist das erste Mal, dass wir Printen-Mandeln verkaufen. Und die kommen wirklich gut an“, erzählt Madleen Koken. Ob die leckeren Süßigkeiten allerdings das süße Mitbringsel schlechthin vom Thron stoßen können, ist eher unwahrscheinlich. „Das Lebkuchenherz mit der Aufschrift „Ich liebe dich“ ist und bleibt unangefochten das, was am häufigsten verkauft wird“, ergänzt Koken.

Wem ein Herz mit aufgedrucktem Spruch allerdings zu langweilig und austauschbar ist, der kann bei Familie Koken sein eigenes, persönliches Herz herstellen lassen. Einfach ein Foto sowie einen Spruch überlegen, und schon fertigt die Schaustellerfamilie das ganz individuelle Andenken zum Naschen an.

Und mit Herz um den Hals und Printen-Mandeln in der Hand schlendert man gemütlich von einem Stand zum nächsten. Bis man auf Toni Schleifer trifft. Da muss man gleich zweimal hinschauen, weil man sich nicht entscheiden kann, wer hier die eigentliche Attraktion ist: die alte Berg- und Talbahn aus dem Jahr 1939 oder Toni Schleifer selbst, der mit Saxofon und in schickem 40er-Jahre-Outfit amerikanische Jazzlieder zum Besten gibt, während neben ihm die Besucher die Fahrt in der nostalgischen Bahn genießen. Nach dem Applaus legt er sein In-strument beiseite und erzählt: „Diese Berg- und Talbahn ist einmalig auf der ganzen Welt, da sie sich noch im Original-Auslieferungszustand von 1939 befindet. Vier Täler und vier Berge sind in die Strecke integriert.“

Die Verbindung zur „Raupenbahn“ sieht Schleifer nicht, wie er ergänzt: „Unsere Bahn hat kein Verdeck und ist schwungvoller als die Raupenbahn. Sie schafft 8,5 Drehungen pro Minute und ist 18 km/h schnell. Man kann diese Bahn einfach nicht mit den modernen Fahrgeschäften vergleichen, da sie aus einer völlig anderen Zeit stammt und auch rein optisch keine besonderen Lichteffekte oder ähnliches hat.“ Genau das ist es, was die Besucher mögen. Viele hören nach ihrer Fahrt noch lange den Saxofonklängen zu und geben sich ganz nostalgischen Erinnerungen hin.

Und während die einen den Öcher Bend in aller Ruhe genießen, sind andere froh, dass nun endlich die Besucher kommen, da der Aufbau von manch einem Fahrgeschäft mit viel Stress verbunden ist. Drei gigantische Lkw-Hänger, die 70 Tonnen transportieren können, waren vonnöten, damit der „Gladiator“ nun in der Aachener Bend-Arena zur Adrenalin-Gaudi einladen kann. Fahrgäste werden rasend schnell den 62 Meter hoher Turm hinaufkatapultiert. Doch damit nicht genug. Die Sitze drehen sich dabei auch noch. Nicht schwindelfrei? Dann dürfte der „Gladiator“ manchem eine Nummer zu groß sein.

Flott geht‘s auch bei Susanne Klugmann zu – vor allem in Sachen Aufbau. „Wir brauchen insgesamt nur sieben Stunden, das geht alles ganz zackig“, erzählt sie. Das Action-Center, in dem vor allem Kinder ihren Spaß haben, ist schon im Wagen selbst installiert und wird lediglich aufgeklappt und vor Ort fest montiert, bevor die Kleinen auf wackelnden Böden gehen, drehende Flächen passieren oder durch schnell kreisende Räder laufen müssen.

Was gibt‘s Neues auf dem Bend? Familie Panofen entdeckt jede noch so kleine Änderung, und vor allem natürlich die aktuellsten Attraktion. Kein Wunder, schließlich kommt die Familie jedes Jahr zu beiden Bend-Spektakeln und dreht ihre Runden. Mit Zuckerwatte in den Händen wartet Mutter Alexandra auf ihren Mann Christian, der sich mit den Töchtern Mara und Nele auf dem Karussell vergnügt. Die ersten warmen Frühlingssonnenstrahlen haben sie spontan für einen Familienausflug genutzt. Noch sind Mara und Nele mit Karussellfahren völlig zufrieden, aber in ein paar Jahren schon reizen sie wohl eher die großen Fahrgeschäfte, die nebenan warten.

Absolut angesagt bei Jugendlichen ist in diesem Jahr die Kartbahn. Der „Europa-Ring“ ist der ganze Stolz von Werner Rohleder. Zwei Tage lang hat er mit seinem Team für den Aufbau der 170 Meter langen mehrgeschossigen Strecke gebraucht. Mit 15 bis 20 km/h düsen die Hobbypiloten über die Piste und fühlen sich dabei wie wahre Formel-1-Champions.

Überhaupt: Die Atmosphäre auf dem Öcher Bend ist immer besonders. Vor allem wenn die Dunkelheit einbricht, verwandelt sich der Platz in ein Lichtermeer, und die verschiedenen Gerüche von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln liegen zwischen Losbuden und Spukhaus in der Luft. Und bevor es nach Hause geht, holt manch einer sich noch sein ganz persönliches Herz bei Madleen Koken ab und verabschiedet sich mit den Worten: „Wir sehen uns im Sommer, da seid ihr ja wieder hier.“ Und spätestens jetzt merkt man: Volksfest ist eben nicht gleich Volksfest.

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