Aachen - Unterhaltsamer als Kanzlerduell: Talk mit Direktkandidaten und Studenten

Unterhaltsamer als Kanzlerduell: Talk mit Direktkandidaten und Studenten

Von: Carolin Kruff
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Interessiertes Publikum: Viele nutzten die Gelegenheit, die Fragen zu stellen, die ihnen unter den Nägeln brannten. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Das war unterhaltsamer als jedes Fernsehduell mit Angela Merkel und Peer Steinbrück! Ehrlich, kritisch, emotional und auch witzig. Wenige Tage vor der Bundestagswahl gab es ein politisches Stelldichein der besonderen Art in Aachen.

Sechs Direktkandidaten aus der Region – Ulla Schmidt (SPD), Rudolf Henke (CDU), Bettina Herlitzius (Bündnis 90/Die Grünen), Birgit Haveneth (FDP), Andrej Hunko (Die Linke) und Marc Salgert (Piratenpartei) – bezogen Stellung zu wichtigen Themen im Wahlkampf. Studierende aller Fachbereiche der RWTH Aachen hatten im Rahmen dieser Veranstaltung die Möglichkeit, sich über die Parteien und ihr Programm zu informieren sowie Fragen zu stellen, die ihnen unter den Nägeln brennen.

Der Hörsaal im neuen Hörsaalgebäude an der Professor-Pirlet-Straße war knackevoll, hunderte Augenpaare folgten gebannt der Diskussion. Lacher gab es ebenso wie euphorischen Applaus. Und natürlich viele Fragen. Politikverdrossenheit unter jungen Menschen? Fehlanzeige, wie dieser Abend mit deutlichem Nachdruck zeigen sollte.

Fragen via Facebook gesammelt

Zu dem spannenden Politiktalk, der von den AZ-Redakteuren Albrecht Peltzer und Robert Esser moderiert wurde, hatte der Zusammenschluss der Stipendiatengruppen an der RWTH eingeladen. Diskutiert wurden Themen, die Studierende schon vorab via Facebook vorschlagen konnten. Ganz vorne dabei: Ausbildung und Beruf, Finanzen/EU-Krise und Energiepolitik. Ausflüchte gab es keine, denn die sechs Politiker wurden mit den Wahl-O-Mat-Thesen ihrer Partei konfrontiert.

Beim Thema Energie waren sich alle Parteien mehr oder weniger einig. Der Konsens: Energie muss bezahlbar bleiben, auch im Zuge der Energiewende. Vor allem Privathaushalte müssten dringend entlastet werden. Haveneth sprach von einer „Strompreisbremse“, Schmidt forderte eine Senkung der Stromsteuer um 25 Prozent. Zudem müsse das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) an aktuelle Marktbedürfnisse angepasst und Alternativen wie Biodiesel müssten stärker berücksichtigt werden, so die SPD-Kandidatin weiter.

Auch das Thema Wohnen wurde heiß diskutiert – die Mieten steigen ins unendliche, Wohnraum wird knapp. Diese Erfahrung machen gerade viele Studenten, die zum Wintersemester auf Wohnungssuche sind – der doppelte Abiturjahrgang verschärft die Lage.

Auch für die klassische Studentenbude muss mittlerweile tief in die Tasche gegriffen werden. Hunko forderte daher, das Wohnen als soziales Grundrecht im Grundgesetz zu verankern: „Wohnen ist kein Spekulationsobjekt, eine Mietpreisdeckelung ist nötig.“

Beim Thema Ausbildung und Beruf gingen die Meinungen aus-einander. Natürlich stand das Thema Bafög im Mittelpunkt der Diskussion. Während sich die CDU gegen ein elternunabhängiges Bafög ausspricht, können sich FDP, Grüne, Linke und Piraten ein solches durchaus vorstellen.

Kritisches Publikum

Den radikalsten Schritt möchte die Piratenpartei gehen. „Wir fordern nicht nur ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle, sondern als Ergänzung ein Bildungsgrundeinkommen“, so Salgert. Henke wies darauf hin, dass nicht nur die Anzahl der Studierenden kontinuierlich wächst, sondern auch die der Bafög-Bezieher, ein Inflationsausgleich bei den Bezügen sei daher dringend erforderlich. Schmidt machte konkrete Vorschläge: „Langfristig muss ein Mix aus Kindergeld, Bafög und anderen Leistungen möglich sein, sodass man zu einer Ausbildungsfinanzierung gelangt. Dies ist in der Form jedoch in der nächsten Legislaturperiode nicht umsetzbar.“

Vor allem sollen Kinder und Jugendliche aus „bildungsfernen“ Haushalten in Zukunft noch mehr gefördert werden, so der Grundtenor. „Kinder aus Arbeiterfamilien haben immer noch Schwierigkeiten, in Deutschland ein Studium zu beginnen. Handicap ist nach wie vor die sichere Finanzierung des Studiums“, bemängelte Herlitzius. Kritische Stimmen kamen jedoch aus dem Publikum: Ist die zunehmende Akademisierung wirklich nötig? Schließlich hat Deutschland auch ein ausgezeichnetes Ausbildungssystem.

Europa – quo vadis? Auch diese Debatte ließ die Emotionen hochkochen. Uneingeschränkte Solidarität oder doch lieber Eigenverantwortung für jeden einzelnen EU-Staat? „Solidarität unter den EU-Staaten ist selbstverständlich. Jedoch darf Europa in Zukunft nicht nur eine politische Organisation sein, auch der Bereich Wirtschaft muss berücksichtigt werden, ein europäischer Arbeitsmarkt muss ausgebaut werden. Leider haben wir derzeitig ein schwaches Europaparlament“, so Herlitzius. Hunko kritisierte, dass das meiste Geld aus den EU-Rettungspakten in den Finanzsektor fließe und nicht bei den Menschen ankomme, die Hilfe benötigen. Und welchen Beitrag kann Deutschland überhaupt leisten? Diese Frage stellte Henke und forderte, dass zunächst jeder Staat für sich selbst Verantwortung übernehmen müsse. Dennoch: „Europa bedeutet Frieden und Freiheit. Wir brauchen diese Gemeinschaft, um in der Welt mitreden zu können“, so Henkes flammender Appell.

Polit-Floskeln nicht erwünscht

Dass Politik alles andere als langweilig ist und auch junge Menschen beschäftigt, zeigten die vielen Fragen, die es im Anschluss an die Diskussion aus dem Publikum hagelte. Die Themenpalette reichte von der Homo-Ehe über Datenschutz und Offenlegung von Nebeneinkünften für Politiker bis hin zu Mindestlohn und Altersvorsorge. Die Zeit reichte kaum aus, die vielen Fragen zu beantworten. Und auch hier zeigte sich: die Studierenden sind interessiert, fragten frech nach, wollten keine Floskeln hören. „Hilfe, wen wähle ich?“, lautete das Motto der von den Stipendiaten perfekt vorbereiteten und organisierten Diskussionsrunde. Die Kandidaten hatten an der Hochschule die Chance, für sich zu punkten. Wo die Studierenden ihr Kreuz in der Wahlkabine machen werden ist – geheim.

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