„Unter aller Kanone”: Dezernentin stürmt aus dem Saal

Von: Oliver Schmetz
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„Man muss sich nicht alles gefallen lassen”: Planungsdezernentin Gisela Nacken. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Auf der einen Seite mehr als 250 Kleingärtner, die durch ein städtebauliches Projekt die Existenz ihrer Anlage bedroht sehen, auf der anderen Seite Planer und teils auch Politiker, die dieses Projekt als „Chance” und „Gewinn” betrachten und umsetzen wollen - dass im Vereinsheim des Kleingartenvereins Wiesental eine explosive Stimmung herrschen würde, war abzusehen.

Doch mit solch einem Eklat war nicht zu rechnen: Denn die Diskussion ist gerade einmal eine halbe Stunde alt, da steht die städtische Planungsdezernetin auf, ergreift das Mikro und macht ihrem Ärger unveblümt Luft: „Es ist unter aller Kanone, so zu argumentieren.”

Sie verwahre sich dagegen, „dass man Menschen persönlich anfeindet”, sagt Gisela Nacken. Dann legt sie den Gastgebern das Mikrofon auf den Tisch und geht: „Ich wünsche noch ´nen schönen Abend. Man sieht sich.”

Auslöser des abrupten Abgangs: Ein Brief aus der Nachbarschaft, verlesen von Kleingartenverbandschef Heijo Plum, der sich als unsägliches Pamphlet entpuppt - mit fremdenfeindlichen Tönen, einem Vergleich der Aachener Politik mit der DDR-Diktatur („wie bei Honecker”) und mit persönlichen Angriffen auf die Dezernentin.

Ein schöner Abend wird es danach nicht mehr, aber immerhin einer, an dem doch noch über die Sache geredet wird. Und die hat es ja in sich: Schließlich sollen nach den ersten Plänen für die städtebauliche Aufwertung des Areals zwischen Jülicher Straße und Wurm im Rahmen des Projekts „Soziale Stadt Aachen-Nord” 44 Kleingärten geopfert werden - 12 in der Mini-Anlage Burggrafenstraße, die komplett verschwinden soll, und 32 im Wiesental.

Denn bei der Aufwertung des Quartiers geht es nicht nur um Gebäudesanierung und den Neubau von bis zu 300 Wohnungen, sondern auch um das Öffnen neuer Wege und „Sichtachsen” zur Wurm. Mindestens zwei, eventuell auch drei „Grünfugen” sollen die Gartenkolonie an den Rändern be- und in der Mitte durchschneiden.

So steht es in einer Entwicklungsstudie des Büros „HJPplaner”, auf deren Grundlage der Planungsausschuss am 30. September erste Weichen für das Projekt stellen soll. Und seit die AZ über die Pläne berichtet hat, ist die Aufregung groß im Wiesental.

Eine Einigung ist auch nach der Diskussion mit Vertretern nahezu aller Ratsparteien nicht in Sicht. Die schwarz-grüne Ratsmehrheit will zwar weiter mit den Kleingärtnern einen Konsens suchen, befürwortet aber die Pläne grundsätzlich und will im Ausschuss die Bebauungsplanverfahren auf den Weg bringen.

SPD, Linke, FDP, Piraten und FWG wollen die Kleingärtner stärker einbinden und die Weichenstellung erst einmal vertagen. Immerhin einen Konsens gibt es: Alle einigen sich darauf, weitere Gespräche mit Hilfe eines externen Moderators anzugehen. Und auch zwischen der Dezernentin und den Kleingärtnern herrscht am Tag danach wieder Frieden. Entschuldigungen werden ausgesprochen, und Nacken nimmt sie an: „Schwamm drüber”, sagt die Dezernentin.
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