Unsichtbares Leiden: Wenn Verstehen zur Aufgabe wird

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Workshop-Reihe „Basiswissen Schwerhörigkeit“: Im Rahmen des Schwerhörigenprojektes „Hören macht Verstehen“ zeigten Michael Blumenthal (links), Juliane Passavanti und Reinhard Prostak verschiedene Möglichkeiten des Verstehens. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Juliane Passavanti macht es vor, noch bevor der Workshop angefangen hat: „Auf diese Art können wir das Gespräch nicht führen. Ich kann Sie nicht verstehen“, macht sie der Reporterin unmissverständlich klar, dass ihr leises Sprechen vom Brummen des Beamers übertönt wird.

Schwerhörigkeit ist eine unsichtbare Einschränkung. „Deshalb haben wir in Sachen Inklusion eine Bringschuld“, sagt die Referentin, die wegen an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit selbst seit 15 Jahren ein Hörgerät trägt. Wie Schwerhörige mit dieser Bringschuld umgehen können, darum ging es beim vierten Workshop der Reihe „Basiswissen Schwerhörigkeit“ des Projekts „Hören macht Verstehen“ am Hörgeschädigtenzentrum (HGZ) Aachen.

Sich „outen“ ist also der erste Schritt für mehr Teilhabe. Der offensive Umgang ist tatsächlich unumgänglich, wenn es um den Erhalt der Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz geht. Doch so selbstverständlich Passavanti dies gelingt, ist das für die Teilnehmer zunächst nicht. „Ich trage seit 20 Jahren ein Hörgerät, aber ich kämpfe noch heute manchmal damit, meine Mitmenschen darauf aufmerksam zu machen, obwohl ich noch nie schlechte Erfahrung gemacht habe“, sagt Anke Böhmer-Tillmann aus Würselen. „Es lässt sich gut verstecken. Und ich muss immer daran erinnern, weil die Menschen zwar zunächst langsam sprechen und mich angucken, dies aber auch irgendwann wieder vergessen.“

„Der Austausch tut gut“

Vielleicht liegt es auch an unserem kollektiven Gedächtnis, dass Schwerhörige oft – bewusst oder unbewusst – versuchen, ihre Einschränkung vor der Öffentlichkeit geheim zu halten. Das Einstiegsreferat Passavantis, die beim Deutschen Schwerhörigen Bund (DSB) in Köln aktiv ist, zeigt: „Taubheit wurde gleichgesetzt mit nichts taugen, nicht denken können. Das hat Aristoteles festgelegt und daran haben sich die Menschen sehr lange orientiert.“ Die Zeit des Nationalsozialismus bedeutete eine besondere Bedrohung, denn Gehörlosen und jungen Schwerhörigen drohte wie allen Menschen mit Behinderung mindestens die Zwangssterilisation.

Fast jeder der Teilnehmer hat intuitiv Strategien entwickelt, wie er seine Umwelt verstehen kann – egal, ob die nun von der Hör-Einschränkung weiß oder nicht. „Diese kann man sich aber auch beim offenen Umgang durchaus zu Nutze machen“, meint Passavanti.

Mehr als alle Vorgänger-Workshops zusammen (Recht, medizinische Grundlagen und Technik) setzt der vierte mit der Überschrift „Jetzt helfe ich mir selbst“ auf die Stärkung des Selbstvertrauens der Teilnehmer. Doch auch schon aus den drei anderen Kursen gingen die Männer und Frauen ganz unterschiedlichen Alters gestärkt hervor.

Zum einen durch mehr Wissen, zum anderen durch die Gemeinschaft von Gleichbetroffenen. „Der Austausch tut einfach gut“, meint Michael Blumenthal, der ganz aus Düren gekommen ist. Auch Anke Böhmer-Tillmann freut sich, dass sie nun nicht mehr den langen Weg nach Köln auf sich nehmen muss. Marion Bergk, Beraterin am HGZ und Verantwortliche des von der Aktion Mensch bezuschussten Projekts „Hören macht Verstehen“, zieht positive Bilanz für die Workshop-Reihe. „Es sind neue Leute ins HGZ gekommen und es gibt Bedarf für weitere Angebote. Es war ein Test. Ich kann mir nun gut vorstellen, die Reihe zumindest alle zwei Jahre zu wiederholen.“

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