„Unschuld“: Ein Stück von trauriger Aktualität

Von: Kristina Toussaint
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„Unschuld“: Die blinde Absolut spielt Berna Kilicli, den Fadoul gibt Kornèl Kass. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Flucht, wachsender Populismus, ein Amoklauf – Dea Lohers Drama „Unschuld“ hat seit seiner Entstehung 2003 noch erheblich an trauriger Aktualität zugenommen. Die Aachener Theaterschule inszeniert das episodenhafte Stück nun im „Space“ des Ludwig Forums. Was bei all den düsteren Themen trotzdem nicht zu kurz kommt, ist der Witz.

Am 14. Februar feiert die große Produktion mit 14-köpfigem Ensemble Premiere. „Vor dem Horizont des Meeres gehen zwei Freunde spazieren… Am Rande des Wassers gehen sie auf und ab, auf und ab, und versuchen, einen Blick in ihre Zukunft zu werfen“ – so poetisch beginnt die erste Szene des Dramas.

Elisio, der hier als Erzähler fungiert, und sein Freund Fadoul (Kornèl Kass) sind illegale schwarze Einwanderer. Im weiteren Verlauf der Szene sehen sie zu, wie eine Frau im Meer ertrinkt – und trauen sich nicht, ihr zu helfen, aus Angst, ins Fadenkreuz der Behörden zu geraten und ausgewiesen zu werden.

Die Frage nach Schuld und Unschuld durchzieht von diesem Punkt an das gesamte Stück. In 19 kleinen Geschichten, die sich teilweise kreuzen und verweben, erzählt das Drama von den Schicksalen seiner Protagonisten. Da ist die blinde Absolut (Berna Klcl), die in einer Bar für Männer tanzt, um von ihnen angesehen zu werden und die Philosophin Ella (Hannah Sophia Küpper), die ihre Bücher verbrennt und sich in ihrer Machtlosigkeit, etwas gegen den namenlosen, populistischen „Präsidenten“ zu unternehmen.

Da ist ein einsamer homosexueller Arzt (Christopher Gollan), dessen Bekanntschaft nur mit ihm nach Hause geht, um sich aus seinem Fenster im 13. Stock zu werfen, oder Frau Habersatt (Christine Beck), die nach einer Totgeburt eine Biographie für ihr Kind erfindet.

Gewalt, die Frage nach der Schuld und mehrere Selbstmorde, einer davon befeuert von einem Chor, der „Spring doch!“ ruft – Dea Loher schafft es, diese todernsten Themen in einem „skurrilen, komödienhaften Ton“ zu präsentieren, so Regisseur Roman Kohnle. Doch nicht nur schwarzer Humor durchziehe das Drama, sondern auch eine für das Theater fast eigenartige Sprache: Kohnle lässt Fadoul und Emilio mit nordafrikanisch anmutendem Akzent sprechen – die Sprache, der sie sich bedienen, ist jedoch lyrische Prosa.

Der inszenierende Dozent Kohnle setzt auf ein minimalistisches Bühnenbild und schafft einen „Konzentrationsraum“ inmitten der geräumigen Bühne des „Space“, der voll und ganz auf die Schauspieler fokussiert ist. Unterstützt wird die Darstellung der verschiedenen Schauplätze und Szenen durch Projektionen und Audio-Einspieler.

„Die Kombination des erfundenen „Ausländerakzents“ und der poetischen Sprache ist mir anfangs ganz schön schwer gefallen“, so Mehdi Benjdila, der den Emilio spielt. Doch die Mühe lohnt sich: im Stück erzeugt diese Kombination genau den gewünschten Effekt: düsterer, teils auch slapstickhafter Witz, gepaart mit ernsthaften Fragen nach Schuld und Verantwortung und dem Unverständnis von Emilio und Fadoul, wie sich Menschen in diesem sicheren Land selbst das Leben nehmen können.

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